Schulkinder sind ein ökonomischer Faktor

Die Inflation zu Schulbeginn und zur Einschulung vieler Kinder erinnert uns an die erste Lektion in der Schule: Die soziale Ungleichheit, welche stetig wächst.

Suphi Sert

Essen und Trinken, Tanken, Heizen und andere Energiekosten, sowie vieles mehr wird immer teurer. Ein Bereich wird oft übersehen: Diese Teuerungen wirken sich auch auf die Bildungsfähigkeit der Kinder aus, denn die Schulsachen zum Schulstart sind auch teurer geworden. So verkommt Bildung immer mehr zu einem Luxusgut und an eine gleichberechtigten Teilhabe- und Bildungschance ist nicht mehr zu denken. 

Viele Eltern kämpfen noch mit den psychischen, physischen und finanziellen Folgen der zwei Jahre dauernden Corona-Pandemie, in der Ihre Kinder über Wochen nicht in die Schule gehen konnten, sie keine Betreuung hatten und zu Hause festsaßen. Und nun werden einfache Dinge, wie Schulranzen, Bleistifte oder Schulhefte zum Problem, denn die Inflation macht auch hier keinen Halt. Das Haushaltskonto und das Recht auf Bildung sind mal wieder in Gefahr. 

Einschulung kostet bis zu 970 Euro

Ein kleiner Rückblick zeigt uns die Entwicklung. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) gaben Eltern 2013 in Deutschland im Durchschnitt für die Einschulung ihrer Kinder 238 Euro aus. Eine aktuelle Studie des Deutschen Gesamtverbandes der Sparkassen (DSGV) zeigt, dass Eltern mittlerweile im Durchschnitt für die Einschulung 970 Euro ausgeben. Wer soll da noch mithalten können, denn dies ist nur der Durchschnitt. Wer kann, gibt auch meistens mehr aus. Hier funktioniert die Marketingmaschinerie sehr gut, wem sein Kind etwas wert ist, der holt auch das Beste und wertet den sozialen Status des Kindes auf. Ein Schulranzen muss angeschafft werden, oft auch ein Schreibtisch, die Schultüte wird ausgesucht, das Kind braucht Stifte und Hefte uvm. 

Zudem sind gerade auch diese Unterrichtsmaterialien teurer geworden, teilweise auch deutlich stärker als Tanken, Heizen und Lebensmittel insgesamt. Kürzlich teilte das Statistische Bundesamt mit, dass Schulhefte und Zeichenblöcke etwa wegen der Papierknappheit im durchschnittlich 14 Prozent mehr als ein Jahr zuvor kosten. Also reichen die 970 Euro wahrscheinlich auch nicht mehr. Im selben Zeitraum legten die allgemeinen Lebenshaltungskosten um acht Prozent zu.

Wer arm ist, wird abgehängt

Klar könnte man jetzt denken, diese paar Hefte kann sich doch wohl jeder Haushalt leisten. Bedenken sollten wir hier nur, wir haben keine normalen Zeiten und auch in „normalen Zeiten“ gibt es mehr Familien, als bewusst wahrgenommen, für die es schwierig ist und die jeden Euro umdrehen müssen. Laut offiziellen Statistiken leben 1,5 Millionen Kinder in Deutschland von Hartz-IV-Leistungen und die ökonomischen Verhältnisse werden jeden Tag schlechter, immer mehr Familien leben in Armut. Die Schulsachen sind nur ein kleiner Baustein, welches sich im Puzzle einfügt. Die aktuell größten Preistreiber, wie Haushaltsenergie und Lebensmittel spielen eine besonders große Rolle bei Familien mit niedrigem Einkommen. Das Leben wird für viele nochmals teurer. Die Bundesregierung macht hieraus auch gar keinen Hehl: ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt wird bis zu 480 Euro mehr im Jahr für Gas bezahlen müssen.

Bildung wird also zum Luxusgut, denn die soziale Schere geht abermals weiter auseinander und somit auch die Schere bei der Bildung. Wir belügen uns selbst, wenn wir von Teilhabe, gleichen Zukunftschancen und ein Recht auf Bildung sprechen. Hilfspakete hin oder her, wir wissen wie Eltern sich entscheiden! Wenn das Geld knapp ist, dann fällt die Nachhilfestunde oder Klassenfahrt aus, dann werden keine Schulbücher, Stifte oder Hefte gekauft, denn dann gibt es lieber mal eine warme Mahlzeit für das Kind. Denn auch dies ist ein Grundrecht eines jeden Kindes und wir als Gesellschaft müssten eigentlich sowohl das eine, als auch das andere sichern können. Keine Familie, kein Elternteil sollte so eine Entscheidung treffen müssen. Nicht zu vergessen ist, „jeder Mensch hat das Recht auf Bildung“, zudem steht in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: „Diese Bildung ist unentgeltlich“. Chancengerechtigkeit für Kinder unabhängig vom Geldbeutel der Eltern, dieses Prinzip sollte die Regierung endlich mal nachvollziehbar, transparent und vollständig einhalten. Wir wissen Deutschland kann sich das leisten, denn wer 100 Milliarden einfach mal so aus dem Hut zaubert und damit die Bundeswehr mit mehr, mit besseren „Todesmaschinen“ (Waffen) versorgt, der kann auch an die Zukunft der Kinder und Jugendlichen denken. 

Entlastung der Eltern

Eltern sollten finanziell wirklich entlastet werden, nicht in einen undurchschaubaren Verwaltungsdschungel gezwängt mit noch mehr Bürokratie. Denn es gibt ja schon einiges, was für Familien getan wird, wie Kinderbonus, Entlastungsbeitrag, Aufholprogramm, Kindergeld, Schulstartpaket – für 2023 ist sogar eine Kindergrundsicherung angekündigt. Diese Maßnahmen sind undurchschaubar, besonders diejenigen, welche eigentlich Hilfe benötigen, verlieren hier den Überblick. Hierfür gibt es viele Gründe, sie arbeiten zu viel, beherrschen die Sprache nicht gut, kommen mit der Bürokratie nicht klar, verstehen die Abläufe nicht oder sind mit der Erziehung ihrer Kinder schon ausgelastet. Damit wirklich da was ankommt, wo es nötig ist, könnten doch bspw. ganz unbürokratisch Hefte, Bücher, Stifte, Zirkel, Dreiecke uvm. vom Staat gestellt werden, wenn Eltern sich diese Schulsachen nun endgültig nicht mehr leisten können. Genau wie bei der Teilhabe, bei Ausflügen oder einer Klassenfahrt. Zudem sollte die Informationsarbeit über all diese Möglichkeiten vom Staat geleistet werden und nicht von Trägern, Vereinen und dem ehrenamtlichen Engagement überlassen werden, diese kommen kaum noch hinterher.  

Die Trends bei der Einschulung

Für viele Familien ist die Einschulung momentan eine finanzielle Herausforderung und nicht mehr zu tragen. Klar, einige verzichten auf den Urlaub oder sparen an anderer Ecke und bekommen es irgendwie hin. Die es können, nutzen zudem irgendwelche Zuschüsse, nur die reichen bei Weitem nicht mehr bei den jetzigen Schulmaterialpreisen. Davon kann man vielleicht einen Teil besorgen, aber keinen neuen Ranzen. So sind viele Kinder schon vor dem ersten Schultag abgehängt. 250 Euro für einen Ranzen! Leider leben wir in einer Gesellschaft, wo Teilhabe für Kinder mit solchen Trends verbunden sind. Viele Familien schauen in ihren Geldbeutel und die Entscheidung ist längst gefallen. Die Zahl derer Familien steigt genau so schnell wie die Inflation.