30 Jahre nach dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen

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Dilan Baran

Vor 30 Jahren fand im Rostocker Ortsteil Lichtenhagen das bis dato größte und wahrscheinlich prägendste rassistische Pogrom der deutschen Nachkriegsgeschichte statt.

Vor dem sogenannten Sonnenblumenhaus, ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter und der danebengelegenen Aufnahmestelle für Asylbewerber marschierten Neonazis auf und warfen Molotowcocktails durch Fenster. Scheiben zersprangen, Menschen schrieen, NachbarInnen und Gaffer applaudierten – nur knapp entkommen die dort lebenden Menschen dem Tod. Die Polizei schreitet nicht ein. Im Jahr 1992 wird die Stadt an der Ostseeküste vier Tage lang ein Ort des Schreckens.

Anfang der 1990er Jahre flüchten hunderte Roma aus Rumänien nach Deutschland und beantragen u.a. in der Zentralen Aufnahmestelle in Rostock-Lichtenhagen Asyl. Irgendwann sind alle Zimmer belegt, wer jetzt noch kommt – und es sind viele, im Sommer 1992 rund 50 pro Tag – muss vor der mitten in einem Wohngebiet gelegenen Aufnahmestelle im Freien übernachten. Die hygienischen Zustände sind erbärmlich. Die Stadt nimmt die unwürdigen Lebensumstände der Geflüchteten bewusst in Kauf – um Nachkommende abzuschrecken, erfährt man aus der Lokalpresse.

Rostock-Lichtenhagen gilt damals als sozialer Brennpunkt. Nach dem Mauerfall haben etliche EinwohnerInnen mit Arbeits- und Perspektivlosigkeit zu kämpfen. Das versuchen manche mit rechtsradikalen Vorherrschaftsfantasien zu kompensieren. Die Roma werden schnell zur Projektionsfläche. Gefüttert werden sie durch die rassistische Debatte um die Asylgesetzverschärfungen. Politiker von CDU, FDP und SPD missbrauchen den Vorfall im Nachgang, um die Grundgesetzänderung im Jahre 1993 zu legitimieren. Die Einschränkung des deutschen Asylrechts ging einher mit dem Versprechen, ein europäisches Asylsystem zu schaffen. Dieses wurde bis heute nicht eingelöst.

Aus Rostock-Lichtenhagen können wir lernen: Strukturelle und institutionelle Ungleichheiten verletzen nicht nur die Menschenwürde und die Menschenrechte der betroffenen Flüchtlinge, sondern sie sind auch Nährboden für Fremdenfeindlichkeit und rechtsextreme Gewalt. Denn staatlicher und alltäglicher Rassismus bedingen einander.

Bis sich Akteure außerhalb der Antifa an der Aufarbeitung des Pogroms von Lichtenhagen beteiligten, vergeht viel Zeit. Antifaschisten haben allein für kontinuierliches Gedenken gesorgt. Erst in den letzten Jahren gab es dafür Unterstützung von der Stadt.

Dieses Jahr jährte sich das Pogrom zum dreißigsten Mal. 30 Jahre danach gingen im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen am 27. August 2022 rund 5000 Menschen in Gedenken an die Opfer und für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, Ausgrenzung und Unterdrückung auf die Straße gegangen. „Dem Erinnern muss ein Handeln folgen“ fordern die Organisatoren in ihrem Aufruftext.