Zwei NATO-Länder im Streit

Taylan Çiftçi

Bereits seit einigen Monaten schaukelt sich der regionale Konflikt zwischen Ankara und Athen hoch. Der türkische Staatspräsident Erdogan machte in den letzten Tagen durch indirekte militärische Drohungen gegen das griechische Nachbarland aufmerksam. Griechenland wiederum rüstet weiterhin an den griechisch-türkischen Grenzen mit der Begründung auf, sich vor einem potentiellen türkischen Angriff zu schützen.

Spannungen im Mittelmeer

Bereits im Frühjahr diesen Jahres waren die Beziehungen zwischen den beiden NATO-Partnern Griechenland und Türkei auf einem historischen Tiefpunkt. Der griechische Ministerpräsident Mitsotakis warnte in seiner Rede vor dem US-Kongress im Mai unter anderem vor der Lieferung von F-16-Kampfjets an die Türkei und kritisierte indirekt die von der Türkei begangenen Luftraumverletzungen. Der von Mitsotakis gesuchte Schulterschluss mit Washington erboste Erdogan und führte zu verbalen Gegenmaßnahmen.

Da die innenpolitische Situation in der Türkei aufgrund der beispiellosen Inflation von offiziell mehr als 80 Prozent anhaltend angespannt ist, sehen viele Beobachter das Säbelrasseln der türkischen Regierung mit ihrem griechischen Nachbarn als ein Manöver an, von der grassierenden Lage im eigenen Land abzulenken. Unabhängig von den aktuellen innenpolitischen Entwicklungen kochte der Konflikt im Mittelmeerraum jedoch bereits im Jahr 2020 hoch. Die Türkei hegt Gebietsansprüche auf Teile des Mittelmeers und fordert unter Bezugnahme des Vertrages von Lausanne aus dem Jahr 1923 eine Demilitarisierung griechischer Inseln, wie Lesbos und Samos, in der Nähe des türkischen Staatsgebietes.

Ökonomische und geostrategische Realitäten

Der Mittelmeerraum ist von weitreichendem ökonomischem Interesse, da sich wertvolle Erdgasvorkommen unter seinen Böden befinden. Die Anrainerstaaten des östlichen Mittelmeeres und insbesondere Griechenland und die Türkei streiten um Ansprüche auf diese Vorkommen. Der Streit um Grenzziehungen im Mittelmeer stellt dabei nur die juristische Grundlage für den Zugang zu den Ressourcen dar. Der im Zuge des Krieges in der Ukraine losgetretene Verteilungskampf um Energie verstärkt die Spannungen zunehmend.

International betrachtet versucht Washington Druck auf die Türkei auszuüben, indem der symbolische Schulterschluss zum griechischen NATO-Partner demonstriert wird. Die von Ankara seit längerer Zeit betriebene Schaukelpolitik zwischen dem Westen und Russland, führt letztlich zu Verstimmungen in Washington, die die Türkei als zweitgrößtes NATO-Land gegen Russland in Stellung bringen wollen. Ankara hat sich unter anderem nicht an den westlichen Sanktionen gegen Moskau beteiligt.

Auch Berlin mischt sich in den griechisch-türkischen Konflikt ein, wie das letztwöchige Treffen zwischen Scholz und Mitsotakis zeigte. Dabei positioniert sich Deutschland zumindest verbal an der Seite Athens mit dem potentiellen ökonomischen Gedanken im Hintergrund, einen Zugang zu den für die deutsche Wirtschaft so dringenden Erdgasvorkommen zu ermöglichen. Inwieweit der Konflikt zwischen Athen und Ankara eskalieren könnte, ist nicht zuletzt neben innenpolitischen Faktoren auch durch internationale Entwicklungen im Ukrainekrieg und dem Verhältnis zwischen der NATO und der Türkei bestimmt.