NSU – Morde: Wo bleibt der Aufschrei

Gamze Ardic

 Das sogenannte Taschenlampenattentat von 1999 in Nürnberg ist der offiziell erste Anschlag des Nationalistischen Untergrunds (NSU). Dennoch ist er bis heute kaum aufgearbeitet worden und bekannt. Der 42-Jährige Mehmet O. überlebte diesen Anschlag, wurde allerdings verletzt und hat bis heute mit den Nachwirkungen zu kämpfen. Nun sagte er vor dem 2. NSU-Untersuchungsausschuss des bayerischen Landtags aus. Er kämpft hierbei um Anerkennung, die ihm über 20 Jahre verwehrt blieb.

 

Hintergründe des Attentats

Am 23.Juni 1999 änderte sich das Leben des damals 18-jährigen Mehmet O. schlagartig. In seiner erst neu eröffneten Bar namens ,,Sonnenschein´´, die sich in der Nähe des Nürnberger Hauptbahnhofs befand, entdeckte er beim Reinigen auf der Herrentoilette eine Taschenlampe. Jene Taschenlampe explodiert, als er sie anknipst. Dadurch wurde er mit voller Wucht bis vor die Türe geschleudert und überlebte diesen Anschlag nur, weil die Rohrbombe nicht voll zündete.

Bis 2013 waren die Hintergründe dieser Tat nicht klar, ein Interesse an ihrer Aufklärung bestand nicht. Vielmehr wurde das Opfer Mehmet O., als Beschuldigter geahndet – ein Umstand, der sich bei allen anderen Morden und Taten des NSU wie ein roter Faden durchzieht, wurden doch die Opfer und ihre Angehörigen jahrelang kriminalisiert. Bis sich der NSU 2011 selbst enttarnte. Der Fokus seitens der Ermittlungsbehörden lag auf dem Opfer selbst und dessen Umfeld. Schließlich wurde das Verfahren ohne jegliches Ergebnis eingestellt. Erst 14 Jahre später, im Jahre 2013, wurden die Hintergründe der Tat aufgedeckt und konnten dem NSU-Komplex zugeordnet werden als der später wegen Beihilfe verurteilte Carsten S. im NSU-Prozess aussagte. Demnach war diese Tat die ,,erste‘‘ des NSU.

Da keinerlei Interesse an der Aufklärung dieser Tat besteht, soll das sogenannte ,,Taschenlampen-Attentat´´ im Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags ,,NSU II‘‘ nun thematisiert und aufgearbeitet werden. Jener Untersuchungsausschuss ist der mittlerweile 15. in Deutschland, der sich mit den Hintergründen der Verbrechen des NSU-Komplexes auseinandersetzt.

 

,,Mein Leben war ruiniert‘‘

Der Untersuchungsausschuss beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wieso die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth 1999 nur wegen fahrlässiger Körperverletzung ermittelte. Der Anwalt Mehmet O.s, Engin Sanli, ist der Ansicht, wenn wegen versuchten Mordes ermittelt worden wäre, wären Beweismittel noch vorhanden gewesen, die auf DNA-Spuren untersucht hätten werden können. Allerdings ging die als Taschenlampe versteckte Rohrbombe als Anschauungsmittel an eine Lehrmittelsammlung der Polizei. Somit sind sämtliche Spuren nicht mehr brauchbar.

Ein Jahr vor der Tat wurden in Beate Zschäpes Garage in Jena Sprengstoff und Rohrbomben gefunden. Danach tauchten Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe unter. Womöglich hätten schon damals Verbindungen zum NSU hergestellt werden und somit weitere Taten verhindert werden können, hätte man Mehmet O. Ernst genommen und nicht kriminalisiert.

Während der Befragung schildert Mehmet O. den Umgang seitens der Ermittlungsbehörden. Er berichtet außerdem von den Auswirkungen des Anschlags, unter denen er bis heute leidet. Er habe Angst um sein Leben und verlor Arbeit sowie Freunde. Dies führte dazu, dass er Nürnberg verließ.

Es werden vermehrt die offenen Fragen deutlich, weshalb ausgerechnet er als Opfer ausgesucht wurde und wer die Helfer von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe in Nürnberg waren.

Mehmet O. heißt in Wirklichkeit anders. Er schützt seine Identität, da die Helfer, die damals seine Kneipe ausfindig machten, nach wie vor auf freiem Fuß sind.

 

Befragung glich einem Kreuzverhör

Mehmet O. wurde von den Abgeordneten sehr kritisch befragt. So wurde er nach der Anzahl der Gäste am Abend vor der Tat befragt oder wann er sein Lokal verlassen habe. Seine Aussagen von damals seien widersprüchlich zu jenen Aussagen, die er nun im Untersuchungsausschuss tätigte. Die Mitglieder im Untersuchungsausschuss sind Abgeordnete der Grünen, CSU, FDP und Freien Wähler (FW), die die Befragung rechtfertigen. ,,Für uns ist es wichtig, diesen Komplex umfassend zu dokumentieren und aufzuarbeiten, weil wir eben die einzige Instanz sind, die das können‘‘, so der Ausschussvorsitzende der Grünen, Toni Schuberl. Doch welche nennenswerten und erfolgreichen Erkenntnisse sollen daraus gewonnen werden, wenn das Opfer eher beschuldigt wird, obwohl bereits feststeht, wer hinter diesem Attentat steckt, das ein 18-Jähriger nur durch einen Zufall überlebte und bis heute unter den Folgen leidet? Mehmet O. ist den Tränen nah, als er den Saal verließ.

Der NSU-Untersuchungsausschuss wurde initiiert, weil sie das, wozu die Justiz nicht imstande war, aufarbeiten will. In dem Zuge konnte Wichtiges aufgedeckt werden, wie etwa die Löschung eines riesigen Datensatzes des bayerischen Landeskriminalamtes (LKA) vergangenen Oktober – dies geschah ein Tag, nachdem im Innenausschuss darüber gesprochen wurde, dass es einen zweiten NSU-Untersuchungsausschuss geben könnte.

Vertretende von CSU und FW lehnten entsprechende Beweisanträge ab. Unter anderem sollten die zuständigen Systemadministratoren befragt werden, die während der Löschung des Datensatzes im Dienst waren, da die Aussage des LKA-Beamten selbst nicht ausreiche. Die CSU hält dagegen und ist der Ansicht, dass eine Vernehmung nicht relevant sei.

Die Haltung der CSU ist hierbei nichts Ungewöhnliches, ist doch ihre Schwesterpartei, die CDU, maßgeblich daran beteiligt, dass die Hintergründe nicht aufgedeckt werden. Dies konnten wir vor allem daran sehen, dass sie gemeinsam mit den Grünen als Regierung in Hessen die NSU-Akten nicht offenlegen möchten.


NSU-Akten wurden veröffentlicht!

Diesen Job allerdings erledigte nun die Late-Night-Show ,,ZDF Magazin Royale‘‘ und das Projekt ,,Frag den Staat‘‘, die vergangene Woche NSU-Berichte enthüllten.

Aus dem Abschlussbericht geht nichts Unbekanntes hervor und auch werden die vielen offenen Fragen damit nicht beantwortet. Nichtsdestotrotz ist die Veröffentlichung so wichtig, weil sie die Intention verdeutlicht, weshalb die Akten erst 120 und dann 30 Jahre unter Verschluss gehalten werden sollten: es ist nicht der Schutz der Identität der Informanten, die man ohne Probleme hätte schwärzen können, der Grund gewesen, sondern das komplette Versagen des Verfassungsschutzes, der mit dem Abschlussbericht erneut deutlich wird.  Die Enthüllung zeigt außerdem, weshalb der Kampf um eine lückenlose Aufklärung von Initiativen, Organisationen und Privatpersonen getragen werden muss: sie waren es, die mitunter dafür sorgten, dass die Hintergründe der Taten aufgedeckt werden konnten, während sämtliche eigentlich dafür geschaffene Instanzen versagten. Sie sind es, die nicht ruhen werden, solange es kein Interesse an einer lückenlosen Aufklärung gibt.