Tarifverhandlungen der IG Metall

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Kevin Westphal

Bereits seit acht Wochen verhandelt die IG Metall nun mit den Arbeitgeberverbänden, jedoch ohne nennenswerte Fortschritte. Während die Gewerkschaft ihren Kurs immer weiter verschärft und sich immer mehr Arbeiter den, in immer kürzer werdenden Abständen stattfindenden, Warnstreiks anschließen, weigern sich die Arbeitgeber weiterhin über eine Erhöhung der Tabellenentgelte zu verhandeln und weisen jede Verantwortung von sich.

„Lösungsvorschlag“ nennt es der Arbeitgeberverband. Die durch die Bundesregierung mitfinanzierten 3000 € Inflationsausgleichsprämie zerstückelt in zwei Teilbeträge, Anpassung von tariflichen Sonderzahlungen an die betriebswirtschaftliche Lage, die Möglichkeit für „bedrängte Betriebe“ eventuelle Entgelterhöhung auszulassen und das alles bei einer Laufzeit von 30 Monaten. Dieses Angebot unterbreitete die Arbeitgeberseite in der vierten Verhandlungsrunde und zeigte sich anschließend empört, dass die Gewerkschaft dieses ausschlug. „Ich verstehe die ablehnende Haltung der IG Metall nicht. Diese 3000 Euro sind aus Sicht vieler Unternehmen, die unter der Energiekrise leiden, ein großzügiges Angebot“, so Stefan Wolff, Präsident von Gesamtmetall.
Doch wer sich neben den Preissteigerungen, die seit Anfang dieses Jahres besonders die grundlegendsten Gebrauchswaren betreffen, auch die Rekordgewinne vieler Konzerne und die größtenteils unveränderte Auftragslage vor Augen führt, der versteht sehr wohl, warum dieses Angebot keineswegs großzügig, sondern ganz klar unverschämt ist. Während die Konzerne die Teuerungen ohne Probleme weitergeben, schrumpft der Reallohn erheblich und das um weit mehr als die offizielle Inflationsrate.

500.000 Arbeiter:innen haben an den Warnstreiks teilgenommen

Um diesem rasanten Reallohnverlust entgegenzuwirken, braucht es gerade jetzt eine starke Erhöhung der Entgelte. Das Wissen auch die Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben und beteiligen sich deswegen zahlreich an den Warnstreiks der IG Metall. Seitdem die Friedenspflicht am 29. Oktober auslief, beteiligten sich bundesweit über 500.000 Arbeiter an den Arbeitskampfmaßnahmen, eine Rekordzahl. Die Forderung nach einer Lohnerhöhung von 8% bei einer Laufzeit von 12 Monaten findet breite Unterstützung in den Betrieben und wird von den Arbeitern der Metall- und Elektroindustrie kämpferisch auf die Straße getragen. Doch gerade die kurze Laufzeit stößt auf heftigen Gegenwind der Arbeitgeber. Es wird mit „Planungssicherheit für die Betriebe in Zeiten der Multikrise“ argumentiert. Dahinter verbirgt sich jedoch die Absicht, die potenzielle Entgelterhöhung auf einen möglichst langen Zeitraum zu strecken, dabei weitere Lohnerhöhungen auszuschließen und dadurch die Unternehmensgewinne stabil zu halten, wenn nicht sogar weiter auszudehnen. Dabei ist gerade die Laufzeit eine entscheidende Frage für die Arbeiter. Denn da die Inflation mit dem aktuellen Höchststand von 10,4% (Stand Oktober 2022) die Forderung der IG Metall schon überholt hat und ein Reallohnverlust sicher scheint, braucht es gerade jetzt die Möglichkeit so bald wie möglich wieder in Tarifverhandlungen zu treten und weitere Lohnerhöhungen durchzusetzen. Neben den stark gestiegenen Lebensmittelpreisen machen gerade die enormen Sprit- und Energiepreise der arbeitenden Bevölkerung schwer zu schaffen und sorgen für eine schnelle und spürbare Verschlechterung der Lebensbedingungen.

Unternehmen erzielen Rekordgewinne

Viele wissen jetzt bereits, dass sie die Nachzahlungen für Strom- und Gas nur mit Mühe bewältigen können und schränken sich stark ein. Umso größer also die Wut der Kolleginnen und Kollegen, die trotz voller Auftragsbücher, Rekordgewinnen der Unternehmen und Dividendenausschüttungen kein vernünftiges Angebot der Arbeitgeber vorgelegt bekommen. Immer lauter werden die Stimmen in den Betrieben, die eine klare und scharfe Antwort auf die sture Haltung der Arbeitgeberverbände fordern.
Und auch die IG Metall sieht sich zur weiteren Verschärfung der Gangart gezwungen. Neben der Ankündigung von 24h-Warnstreiks fällt auch das Wort „Urabstimmung“ immer öfter. Mit einer Urabstimmung unter den Gewerkschaftsmitgliedern könnte die IG Metall in den kommenden Wochen die Durchführung von Flächenstreiks beschließen und damit den Arbeitskampf noch einmal erheblich verschärfen. Ob es allerdings wirklich so weit kommt, hängt maßgeblich vom Ausgang der nächsten Verhandlungsrunde ab, welche am Donnerstag, den 17. November, starten wird. Doch die kraftvollen und teilnehmerstarken Warnstreiks der letzten Wochen stellen unter Beweis: die Kampfkraft und der Wille zu kämpfen sind da. Die Kolleginnen und Kollegen wissen, worum es bei dieser Tarifrunde für sie geht und die Geduld der Arbeiter neigt sich langsam dem Ende.