Kräftebündnisse und internationale Solidarisierungsachsen in den Frauenbewegungen der Welt

Zeynem Arslan

Mit der Ermordung von Mahsa Amini durch die iranische Sittenpolizei am 16. September 2022 löste sich eine Welle des Widerstands aus, die sich dann gegen das Regime selbst richtete. Davor bezeugten wir die organisierte Kraft lateinamerikanischer Frauen, die sich entschlossen gegen die gesellschaftlichen Normen (z.B. Maschismo), die Gewalt gegen Frauen normalisieren und gegen das Fehlen des rechtlichen Schutzes für Frauen, widersetzten. Nach 2010 und bis 2019 waren entlang des Maghreb die Widerstände verstärkt vom Aktivismus der Frauen geprägt, die sich für Unabhängigkeit, Demokratie, Menschenrechte u.v.m. sowie sozialen Wohlstand lautstark machten. In den Vereinigten Staaten organisierten sich und mobilisierten Frauen stark gegen die reaktionären Angriffe der Trump-Politik. In Polen und in der Türkei widersetzte sich die organisierten Frauenbewegungen gegen die reaktionären Diktate ihrer Staatsführungen gegen ihre Rechte und Errungenschaften. Wir können in den letzten Jahren auf viele Widerstände zurückblicken, in denen sich Frauen in unterschiedlichen Settings und Kontexten aktiv gegen ökonomische, gesellschaftliche, politische Unterdrückung und Diskriminierungen einbringen konnten. Und obwohl es diese Bewegungen und mehr (z.B. me too) und gesteigerte Sensibilisierung in der Öffentlichkeit gibt, die das Thema der Gewalt gegen Frauen auf die Tagesordnung gebracht haben, sind Frauen weiterhin diversen Formen von Gewalt ausgesetzt.

Geschlechtsspezifische Gewalt fängt bei Alltagssexismus an und endet mit Femiziden

Bei Gewalt gegen Frauen handelt es sich um Formen, die sich als „geschlechtsbasiert“ oder „geschlechtsspezifisch“ zeigen. Es werden Formen von Gewalt (UN-Women, Deutschland, unwomen.de, Stand Dezember 2020) unterschieden, die ökonomisch, psychisch, körperlich, sexualisiert und emotional sein, sich überlappen und überkreuzen können. Sexualisierte Gewalt erstreckt sich von Belästigung, Zwangsheirat, Kinderheirat bis hin zu Menschenhandel und mit der Digitalisierung haben Formen der Gewalt neue Dimensionen erreicht. Die digitale Gewalt äußert sich ebenfalls in unterschiedlichen Formen, wie z.B. „Cybermobbing“ und viele mehr.

Die Endstufe der geschlechtsbasierten Gewalt gegen Frauen ist der Femizid (Frauenmorde). Mexiko zählte 2021 3.462 Frauenmorde. In Deutschland werden mittlerweile alle 72 Stunden Frauen durch Männer ermordet. Die türkische Plattform „Wir werden Femizide stoppen“ (Tr. Kadın Cinayetlerini Durduracağız Platformu) gibt in ihrem Bericht vom Juli bekannt, dass bis dahin im Jahr 2022 285 Frauen durch ihre männlichen Familienmitglieder ermordet wurden. In Österreich liegt die Zahl der Frauenmorde aktuell bei 29 (2014 waren es 19 Frauenmorde) und damit bei mindestens drei Femiziden pro Monat.

Erhalterinnen eines Systems, in dem sie systematisch benachteiligt sind

Rückfälle in die traditionellen und systemkonformen Rollenbilder machen sich gerade in Krisenzeiten immer wieder deutlich. So auch die Zeit der Pandemie, in der Frauen abermals in den privaten Bereich zurückgedrängt wurden und die Konsequenzen in den – auch Geschlechterstereotypen geschuldet – weiblich dominierten Berufen, wie z.B. Gesundheitsberufen und im Handel, am deutlichsten zu spüren bekamen. Frauen in diesen Berufen wurden, weil sie „systemrelevant“ seien, applaudiert. Erhalterinnen eines Systems, in dem sie systematisch unterdrückt und benachteiligt sind. Die prekären Arbeitsbedingungen, die Frauen ökonomisch benachteiligen und damit mehr an den Mann binden, sind nach wie vor Herausforderungen, denen sich Frauen stellen müssen. Das liegt daran, dass wir mit dem Patriarchat nach wie vor die immer fortführende Unterdrückung und Schlechterstellung der Frau haben und die Frau im Kapitalismus in zweierlei Hinsicht ausgebeutet wird. Einmal indem sie ihre eigene Arbeitskraft verwerten muss, um zu überleben und indem sie für die Reproduktion ihrer selbst, ihres Partners, ihrer Familie und der Gesellschaft als Ganzes, durch das Gebären von Kindern, zuständig ist. Die Unterdrückung der Frau hat eine ökonomische Grundlage, auf der die Gewalt gegen sie aufbaut. Nicht zuletzt verzeichnen Statistiken und Studien, dass sich Gewaltexzesse gegen Frauen besonders in ökonomischen und politischen Krisenzeiten vervielfachen.

Internationale Solidarität der Frauenkämpfe und Vereinigung der Kräfte

Frauenrechtler:innen und Aktivist:innen kämpfen überall auf der Welt und wir können auf keine lineare Entwicklung zurückblinken. Der Prozess ist ambivalent und vielleicht als eine Spirale zu denken, die sich in beide Richtungen, manchmal nach oben und manchmal nach unten dreht. An der Solidarisierung der Frauenkämpfe und –bewegungen führt kein Weg vorbei. Gemeinsam mit dem Kampf gegen das Patriarchat, braucht es gleichzeitig die Kämpfe für bessere Arbeitsbedingungen und den Brückenschlag zu Friedensbewegungen. Die Entwicklungen im Iran warten auf eine stärkere Solidarisierung mit Schwestern aus aller Welt. Die Frauen in Russland und in der Ukraine, die sich gegen den Krieg wehren, warten bis heute auf eine Solidarisierung. Was uns heute fehlt ist die starke und international in Kontakt zueinanderstehende Arbeiter:innenbewegung, die sich einst von den eigenen Standpunkten und Interessen heraus auch mit der Friedensfrage befasste, wo auch die Frauenbewegungen des 20. Jahrhunderts eine sehr prägende Rolle spielen konnten und sich sogar konstruktive Lerneffekte auf die heutigen Entwicklungen ableiten lassen.