Da ist nichts mehr zum Engerschnallen

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Maike Reichartz

Mit der Veröffentlichung des Monitor Jugendarmut der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit wird die Zuspitzung der Jugendarmut in Deutschland deutlich. 4,18 Millionen junge Menschen unter 25 Jahren gelten mittlerweile als armutsgefährdet.

Insbesondere Alleinerziehenden-Haushalte (23,6%) und Familien mit mehr als drei Kindern (26,6%) liegen deutlich über der regulären Armutsquote (16,6%).

Doch es lässt sich auch ein weiteres Phänomen erkennen: Die Armut minderjähriger Kinder außerhalb von Hartz IV-empfangenden Familien hat seit 2011 stark zugenommen. Mit einem Anstieg um 14% liegt auch hier die Armutsquote in dieser Betroffenengruppe bei 36%.

Die Probleme der Jugend spitzen sich immer mehr zu

Bereits 1998 wurde Kinder- und Jugendarmut als reales Problem erkannt – statt jedoch darauf zu reagieren, jungen Menschen eine Zukunftsperspektive mit gerechten Bildungschancen und guten Ausbildungsmöglichkeiten zu geben, brachte die Agenda 2010 Perspektivlosigkeit und schlechte Arbeitsbedingungen mit sich.
Mit der Einführung der Hartz-VI-Gesetze ging die Eröffnung des Niedriglohnsektors und die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse einher. Dies hatte auch direkte Auswirkungen auf die Jugend – sei es bei der finanziellen Unterstützung der Eltern oder auch der Suche nach einem Anstellungsverhältnis nach der Ausbildung oder dem Studium.
Konnten junge Menschen vorher mit Nebenverdiensten ihr eigenes Taschengeld aufstocken oder Geld ansparen, wurde dies durch die Agenda 2010 stark eingeschränkt. Heute dürfen junge Menschen nicht über die 450€-Grenze kommen, wenn sie mit Hartz-IV-beziehenden Eltern zusammen wohnen – sonst werden die Sätze gekürzt und das Gehalt der

450€-Jobs wird in die Kasse der Bedarfsgemeinschaft (also der Familie in dem Fall) eingespeist.

Aber auch die Perspektive, nach der Ausbildung oder dem Studium einen Job zu finden oder unbefristet übernommen zu werden, schwand mit der damaligen Reform. Viele Unternehmen setzten auf kurze, befristete Anstellungsverhältnisse oder auch geringfügige Beschäftigungen, um so wenig Gehalt wie möglich auszahlen zu müssen.

Auch die damals entstandene Generation Praktikum, die auf die schwierige soziale Lage der Jugend in Praktikumsverhältnissen und am Arbeitsmarkt aufmerksam machte, entstand aufgrund der Folgen der Reform.

Kinder- und Jugendarmut nimmt zu

Sie verstärkte die Armutsverhältnisse und ließ die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter aufklaffen – auch auf Kosten der Jugend.

Trotz der vielen Versprechen von Seiten politischer Akteur:innen in den letzten Jahren, Kinderarmut zu bekämpfen, lässt sich das Gegenteil beobachten: Kinder- und Jugendarmut nimmt zu.

Insbesondere in Krisenzeiten verschärft sich die sowieso schon schwierige Situation der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Das hat nicht nur direkte materielle Auswirkungen, wie das Abstellen des Stroms, der Einschränkung in Freizeitaktivitäten und den Verzicht auf Essen oder Ähnliches, sondern auch psychische und physische Folgen.

So haben 60% der jungen Menschen Angst davor, sich aufgrund von Krieg und Inflation weniger leisten zu können – 68% haben Zukunftsängste.
Armutsgefährdete Jugendliche werden aufgrund der schlechten Zugänge zum Gesundheitssystem zudem öfter krank oder entwickeln auch chronische Krankheiten. Sie haben öfter psychische Belastungen auszuhalten oder entwickeln auch psychische Erkrankungen aufgrund der hohen Belastungssituation.

Ihnen fehlt der Zugang zu sozialer Teilhabe – sei es in der Schule oder in der Freizeit.
So beispielsweise in der Coronapandemie, wo Jugendliche aufgrund fehlender Endgeräte im Schulunterricht abgehängt wurden oder auch im schulischen Alltag, wenn Material oder Lernunterstützung nicht bezahlbar ist.
Bei Freizeitaktivitäten müssen sie jeden Cent fünfmal umdrehen und abwägen, ob ein Eis mit den Freund:innen noch drin ist oder es die Familie in eine finanzielle Not bringt.

Der ständige Druck und die dauerhafte Belastung, die hiermit einhergeht, sind unzumutbar. Statt jedoch Kinderarmut den Kampf anzusagen und wirksame Maßnahmen zu treffen, erhöht die Ampelregierung das Kindergeld gerade mal um 18€ – mehr nicht. So stellt sich unausweichlich die Frage, wessen Interessen die Regierung mit der stetigen Verarmung der Jugend vertritt.