Da spürt man die Verbundenheit – die türkisch-deutschen Literaturtage in Nürnberg

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Susanne Schneehorst ist Teil des Vorbereitungsteams der Türkisch-Deutschen Literaturtage, die dieses Jahr zum 11. Mal in Nürnberg stattgefunden haben und vom Verein Junge Stimme e.V. (DIDF-Jugend Nürnberg) initiiert wurden. Bis zu ihrer Rente war Susanne Bibliothekarin und hat für den Kooperationspartner, die Stadtbibliothek, an den Vorbereitungen teilgenommen. Heute macht sie es ehrenamtlich.

YÜCEL ÖZDEMİR

Wie bestimmen Sie den Inhalt der Literaturtage? Einerseits gibt es Gäste aus der Türkei, auf der anderen Seite Autoren aus Deutschland. Geht es um einen kulturellen Austausch zwischen dem Publikum und den Schriftstellern?

Natürlich. Der Austausch zwischen den Schriftstellern untereinander steht nicht im Vordergrund. Wir wollen türkische Literatur den hier lebenden Türkischstämmigen und allen anderen, die hier leben, bekannt und zugänglich machen. Natürlich haben wir ein kleines Problem: die Literatur muss übersetzt sein. Also können wir aus der Türkei nur Autoren und Autorinnen einladen, deren Werke es fachkundig übersetzt auf Deutsch gibt. Belletristik kann man nicht simultan übersetzen. Also muss es schon auf Deutsch verlegt worden sein, das schränkt das Angebot leider sehr ein. So viel wird ja gar nicht übersetzt.

Kann man also sagen, dass wenig türkische Literatur auf Deutsch übersetzt ist?

Ja, relativ wenig eigentlich. Gleichzeitig wollen wir auch Raum bieten für Autorinnen und Autoren, die in Deutschland leben und vielleicht schon hier geboren sind. Mesut Bayraktar und Ronya Othmann sind ja Deutsche, aber sie beschäftigen sich mit Themen, die für die türkisch-deutschen Literaturtage interessant sind. Und leider haben wir immer mal wieder Probleme wegen der Pandemie. Das beste Beispiel ist Ayşe Kulin. Wir waren sehr glücklich, dass sie zugesagt hat und dann musste sie absagen, weil sie krank geworden ist. Denn das ist eine Autorin, die wir gerne dem deutschen Publikum und den hier aufgewachsenen Türkischstämmigen gerne bekannt gemacht hätten. Mir ist aufgefallen bei dem Eröffnungsvortrag von Can Dündar: da kamen junge Türkischstämmige und haben sich Kopfhörer für die Simultanübersetzung geholt. Sie haben Can Dündars Rede nicht verstanden.

Es gibt Türkeistämmige, die besser Deutsch reden, als Türkisch. Die auf Deutsch schreiben, wie Mesut Bayraktar. Das heißt die Literaturtage öffnen eine Tür für Deutschschreibende Migranten?

Ja, auf jeden Fall. Wir hatten schon Selim Özdoǧan oder Feridun Zaimoǧlu zu Gast. Also Leute, die auf Deutsch schreiben, aber trotzdem türkisch-affine Themen haben.

Sie versuchen türkische Literatur hier näherzubringen, aber wie wird deutsche Literatur den türkeistämmigen Migranten nähergebracht?

Deutsche Literatur, die sich nicht mit Migration, Integration oder Türkei beschäftigt, die holen wir nicht. Das Thema „Türkischsein“ oder „Türkiyeli sein“ – also „Türkeistämmig sein“ das ist der Leitgedanke. Wir fangen jetzt nicht an, eine deutsche Bestsellerautorin zu suchen, die über Franken schreibt. Das passt nicht ins Profil, sonst wäre es auch beliebig. Es ist aber ein schwieriges Geschäft. Bei der Eröffnung mit Can Dündar war der Anteil der Deutschstämmigen grade mal bei 10 %, würde ich sagen. Wenn ich ins Literaturhaus zu einer Lesung gehe, weiß ich nicht wieviel türkische Menschen dort sind. Aber die Tendenz steigt langsam. Es gibt mehr Deutsche, die sich für „türkische Themen“ interessieren.

Das Ziel der Literaturtage ist es, das Zusammenleben hier in Nürnberg zu stärken? Können wir sagen, dass dieses Ziel bereits ein wenig erreicht wurde?

Man redet miteinander. Das geht sehr gut bei bekannten Autoren, wie Selim Özdoǧan. Vor drei Jahren hatten wir den mittlerweile leider verstorbenen Doǧan Akhanlı zu Gast, der über ein deutsches Thema gesprochen hat. Über die Madonna im Pelzmantel, das ist ja eine deutsche Geschichte. Nach der Lesung standen die unterschiedlichsten Menschen hier zusammen und haben sich damit auseinandergesetzt. Wenn Ayşe Kulin nicht krank geworden wäre, hätte sie auch ein Buch präsentiert, das eine türkische Geschichte mit deutschem Einschlag darstellt. Der letzte Zug nach Istanbul. Da geht es um eine ursprünglich wahre Geschichte, wie türkische Diplomaten türkische Juden gerettet haben aus Frankreich. Also ein Thema mit deutschem Bezug, von türkischer Seite erzählt. Tuna Kiremitçi, der ebenfalls dieses Jahr bei den Literaturtagen war, hat übrigens auch so ein Buch geschrieben: Madame Rosella und die Liebe. Das gibt es leider nicht mehr auf Deutsch, es ist vergriffen. Da geht es auch um eine deutsche Jüdin in Istanbul. Das sind Bücher, die deutsche Geschichte und ihre Bezüge zur türkischen Geschichte thematisieren. Es sind ideale Bücher für die Literaturtage, bloß gibt es nicht so viele davon. Aber diese Bücher geben Gesprächsstoff, denn da spürt man die Verbundenheit und ich persönlich finde das viel interessanter. Diese geschichtliche Verbundenheit, als nur „Integration“.

Das heißt diese Geschichte bringt die Leute zusammen?

Ja, viel besser, als dieser soziale Ansatz. Klaus Thaler hat die Nürnberger Arbeiterschriftsteller vorgestellt und ich habe ein kurzes Portrait von Fakir Baykurt gezeigt, den könnte man als Arbeiterschriftsteller bezeichnen, auch wenn er selbst kein Arbeiter war. Man sieht die Parallelen zwischen den Literaturen. Ich finde das sind die besten Angebote für so eine Veranstaltung. Gar nicht mal nur der reine Konsum.

Wie können sich die Literaturtage weiterentwickeln? Welche Perspektiven gibt es?

Wir wissen nicht, wie die Kulturpolitik Nürnbergs und wie der Verein Junge Stimme weitermachen. Aber ich fände es schön, wenn es weiterginge und wir in zwei Jahren wieder etwas machen können. Vielleicht könnte man auch deutsche Literatur, die ins Türkische übersetzt worden ist, präsentieren. Das hat dieses Jahr leider nicht geklappt. Wir wollten eigentlich Imran Ayata dabei haben. Dessen Buch „Mein Name ist Revolution“ ist auf Deutsch geschrieben und ins Türkische übersetzt worden. Oder der Krimiautor Wolfgang Schorlau mit seinem NSU Krimi, den gibt es auch auf Türkisch. Das wäre interessant, schauen wir was sich entwickelt.