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Das Kräftegleichgewicht um Aleppo: Wo ist die Garantie für die Kurden?

Fehim Taştekin*

Die Angriffe gegen die von kurdischen Kräften kontrollierten Stadtteile Şeyh Maksud und Eşrefiye in Aleppo liefern wichtige Hinweise darauf, wie das sogenannte neue Syrien“ politisch und militärisch neu geformt werden soll.

Diese beiden Stadtteile waren als Pilotregion für die Umsetzung des am 10. März mit den Demokratischen Kräften Syriens (SDF, Militärbündnis, das während des syrischen Bürgerkriegs gegründet wurde) geschlossenen Abkommens vorgesehen. Die am 1. April unterzeichnete Vereinbarung sah vor, die nach dem Abzug der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) verbliebenen Asayiş-Sicherheitskräfte in die inneren Verwaltungsstrukturen zu integrieren. Gleichzeitig sollte der lokale Rat in die Stadtverwaltung eingebunden werden. Doch da die Gespräche in Damaskus stagnierten, wurde auch Aleppo zum Schauplatz eines offenen Machtkampfes. Nachdem ein Treffen zwischen SDF und HTS (Hayat Tahrir al-Sham, islamistische Miliz) am 4. Januar ohne Ergebnis geblieben war, eröffnete die Colani-Führung schließlich in Abstimmung mit der Türkei die Aleppo-Front.

Die Motive hinter diesem Schritt lassen sich klar benennen.

Innerhalb der HTS hatte es Kritik gegeben, weil die Organisation beim Sturz des Assad-Regimes die beiden Stadtteile nicht unter ihre Kontrolle gebracht hatte. In den eigenen Reihen galt dies als schweres Defizit beim Aufbau der eigenen Herrschaft. Ein Machtwechsel in Şeyh Maksud und Eşrefiye sollte diese Kritik beenden und zugleich die Position der Führung stärken. Zugleich ging es darum, ein Signal zu senden: HTS ist bereit und in der Lage, ihre Vorherrschaft notfalls auch mit militärischen Mitteln vollständig durchzusetzen.

Diese Botschaft richtet sich an zwei Adressaten.

Zum einen soll sie die SDF dazu bewegen, unter akzeptablen Bedingungen an den Verhandlungstisch in Damaskus zurückzukehren. Zum anderen zielt sie auf die arabischen Stämme östlich des Euphrats. Diese sollen ermutigt werden, sich von der SDF zu lösen. Zwar haben die mit der SDF verbündeten Stämme ihre Position bislang nicht aufgegeben. Doch einzelne Stammesgruppen üben Druck aus und werfen der Colani-Führung vor, bislang nicht entschlossen genug gehandelt zu haben.

Damit werden Absichten sichtbar, die längst kein Geheimnis mehr sind. Die Operation in Aleppo dient dazu, empfindliche Punkte im Machtgefüge zu testen. Sollte das Ergebnis von den maßgeblichen Akteuren im Syrien-Konflikt akzeptiert werden, könnten weitere Schritte folgen. Ziel wäre es dann, auch die arabischen Gebiete östlich des Euphrats der Kontrolle der SDF zu entziehen. In Damaskus gab es bereits erheblichen Druck, Rakka und Deir ez-Zor an die Zentralregierung zu übergeben.

Eine Verschiebung der Kontrolle in diesen Regionen würde das bestehende Kräfteverhältnis grundlegend verändern.

r die SDF besitzt der Euphrat strategische Bedeutung als Verteidigungslinie. Würden Rakka und Deir ez-Zor übergeben, ginge diese Linie verloren. Gleichzeitig würde der Vorteil entfallen, den die Kontrolle über Öl- und Gasfelder bietet. Der Bruch der Euphrat-Linie zielt darauf ab, das kurdisch-arabische Bündnis innerhalb der SDF aufzulösen und die Kurden in ihre Kerngebiete zurückzudrängen. Diese Szenarien werden seit Langem offen diskutiert. Die Ereignisse in Aleppo markieren den Einstieg in diese Strategie.

Die Aleppo-Operation lässt sich nicht losgelöst von den Wechselwirkungen zwischen den USA, Israel, der Türkei und Syrien betrachten. Die Prioritäten der israelisch-amerikanischen Achse schaffen den politischen Spielraum für diesen Schritt. Allerdings sind die Bedingungen in Aleppo nicht identisch mit denen östlich des Euphrats. Das Ergebnis dieses Tests lässt sich daher nicht automatisch auf andere Regionen übertragen.

Dass die USA in Aleppo derzeit nicht bremsend eingreifen, ist kein fester oder endgültiger Zustand. Diese Zurückhaltung hat zwei Gründe: Zum einen betrachten die USA den Euphrat als Grenze zwischen unterschiedlichen Einflussgebieten. Zum anderen entspricht dieses Verhalten der aktuell angepassten US-Strategie für das neue Syrien.

Seit der türkischen Operation Olivenzweig“ gegen Afrin im Jahr 2018 ist bekannt, dass die USA den Kurden westlich des Euphrats keine Sicherheitsgarantien geben. Nach dem Sturz des Assad-Regimes positionierten sich die USA zunehmend als Vermittler zwischen den Kurden und Damaskus. Gleichzeitig banden sie Syrien schrittweise stärker an ihre eigene Einflussachse. Aus Sicht der SDF entfernte sich Washington damit immer weiter von einer verlässlichen Garantenrolle. Diese Entwicklung zeigt sich auch in den Aussagen von Präsident Donald Trump.

Möglich ist, dass die USA der Türkei westlich des Euphrats weit entgegenkommen, während sie östlich des Flusses versuchen, die Bedingungen der SDF durchzusetzen. Zugleich könnten sie eine militärische Eskalation östlich des Euphrats als Gefahr für ihr eigenes Syrien-Konzept betrachten. Das in Aleppo erprobte Szenario muss daher nicht zwangsläufig auf diese Region übertragbar sein. Diese Zurückhaltung könnte anhalten, bis die USA den Anspruch erheben, Syrien vollständig unter ihre Kontrolle gebracht zu haben.

Einige Beobachter sehen die Aleppo-Operation zudem als Folge der Annäherung zwischen Syrien und Israel. Während kurdische Akteure auf Unterstützung aus Tel Aviv hofften, hat die Aufnahme von Gesprächen zwischen Israel und Damaskus unter US-Vermittlung diese Erwartungen deutlich gedämpft

Bei den Gesprächen am 5. und 6. Januar in Paris wurde zwischen Israel und Syrien eine vorläufige Übereinkunft erzielt. Die Ergebnisse dürften Damaskus und Ankara zusätzlichen Handlungsspielraum verschafft haben. Die Vereinbarung sieht neben Sicherheitsregelungen für den Süden Syriens auch die Einrichtung einer gemeinsamen Koordinierungsstelle in Amman vor. Dort sollen Syrien, Israel und die USA wirtschaftliche, diplomatische und politische Fragen abstimmen. Während die besondere Lage der Drusen berücksichtigt wird, finden die Kurden in dieser Vereinbarung keine Erwähnung.

Die Erwartung, Israel könnte bei einer möglichen Operation östlich des Euphrats gegen HTS eingreifen, beruhte weniger auf konkreten Zusagen als auf Hoffnungen auf der einen und Befürchtungen auf der anderen Seite. Der Oberkommandierende der SDF, Mazlum Abdi, formulierte diese Hoffnung in einem Interview mit dem BBC-Reporter Jiyar Gol am 5. März 2025 offen: Wenn Israel Angriffe gegen uns verhindern kann, würden wir das begrüßen und anerkennen. Wir heißen jeden willkommen, der unsere Errungenschaften schützen kann. Ankaras Sorge vor einem solchen Szenario war zugleich ein zentraler Auslöser für den Beginn des İmralı-Prozesses.

Dass Israel sich in der Kurdenfrage nicht eindeutig positioniert, hat mehrere Gründe. Die SDF ist vor allem der wichtigste Partner der USA vor Ort. Entsprechend liegt die entscheidende Rolle bei Washington. Solange die USA präsent sind, ist nicht zu erwarten, dass Israel in den Vordergrund tritt. Trotz politischer Spannungen misst Israel zudem seinen Beziehungen zur Türkei weiterhin Bedeutung bei. Auch die Trump-Regierung betrachtet eine direkte Konfrontation zwischen Israel und der Türkei in Syrien als widersprüchlich zu ihren eigenen Interessen.

Entscheidend ist dabei, dass Israels Besatzung, Operationen und militärischen Drohungen auf die Errichtung einer Pufferzone im Süden Syriens zielen, die auch Suweida einschließt. Laut i24News drängt Israel die USA dazu, den Integrationsprozess der SDF zu verlangsamen, bis dieses Ziel erreicht und ein Sicherheitsabkommen mit Damaskus abgeschlossen ist. Israel bevorzugt somit ein noch nicht vollständig geeintes Syrien, solange die eigenen Interessen nicht gesichert sind. Die Haltung gegenüber den Kurden kann sich daher je nach Verlauf der Entwicklungen im Süden Syriens verändern. Solange die Kurden im Einflussbereich der USA bleiben, richten sich mögliche israelische Einflussversuche an Washington. Israels Prioritäten beinhalten daher keine direkte Schutzgarantie für die Kurden.

Damaskus wiederum ist bemüht, sich die Unterstützung der USA zu sichern und von Israel eine Art Nichtangriffszusage zu erhalten. Dafür könnten auch territoriale Zugeständnisse in Kauf genommen werden. Indem dieses Spiel so angelegt wird, hoffen die beteiligten Akteure, Israel aus dem Kurden-Dossier herauszuhalten, die Verpflichtungen der USA gegenüber der SDF weiter zu schwächen und schließlich das zwischen Ankara und Damaskus entwickelte Szenario für den Osten des Euphrats umzusetzen.

*Der Artikel ist erstmals am 10. Januar 2026 auf türkisch in der Tageszeitung „Evrensel“ erschienen und wurde für unsere Zeitung übersetzt.

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