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Deutschland steht vor einer Pflegekrise

Oktay Demirel

Die Pflege in Deutschland steht am Rande des Zusammenbruchs. Ende 2023 waren 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig, mehr als doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Der Großteil wird zu Hause von Angehörigen versorgt, was Familien – meist Frauen und Töchter – stark belastet. Gleichzeitig fehlen je nach Untersuchung und Betreuungsschlüssel 400.000 bis 650.000 Fachkräfte. Kliniken, Heime und ambulante Dienste kämpfen mit Personalnot, langen, unplanbaren Diensten, unbezahlten Überstunden, Überlastung und sinkender Versorgungsqualität. Besonders in ländlichen Regionen ist die Lage prekär und wird oft nur durch stärkere familiäre Betreuung ausgeglichen.

Die steigende Zahl der Pflegebedürftigen hat die Kosten in die Höhe getrieben: Von 2013 bis 2023 stiegen die Ausgaben für Pflegeeinrichtungen von 42,4 auf 82,4 Milliarden Euro. Ambulante Pflege wuchs um 133 %, stationäre und teilstationäre Einrichtungen um knapp 74 %. Auch die häusliche Pflege durch Angehörige verursachte 2023 Kosten in Höhe von 21,6 Milliarden Euro, fast dreimal so viel wie zehn Jahre zuvor. Trotzdem werden die steigenden Lasten auf Pflegebedürftige und Familien abgewälzt: Ein Pflegeheimplatz kostet heute über 3.000 Euro im Monat, davon beträgt der reine Pflegeanteil über 1.800 Euro. Und auch die Kosten der Pflege zu Hause tragen die Familien nahezu selbst. Das Pflegegeld beträgt, je nach Pflegegrad, monatlich zwischen 347 und 990 Euro. Um den Höchstsatz zu bekommen, muss die Pflegebedürftige Person allerdings Pflegegrad 5 haben, also die „schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung“- ein Fulltime-Job.

Die Krise ist kein Zufall, sondern Folge eines systematischen Umbaus. Private Betreiber und internationale Fonds drängen in den Markt, Heime werden aufgekauft, um Rendite statt Qualität zu sichern. Ergebnis: zu wenige Pflegekräfte, steigender Druck auf die Einrichtungen und Qualitätsstandards, die oft nur auf dem Papier bestehen.

Die Reformvorschläge der Bund-Länder-Arbeitsgruppe

Im Oktober 2025 legte eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe erste Eckpunkte einer Pflegereform vor. So sollen Pflegegrade umstrukturiert, Pflegegrad 1 stärker auf Prävention ausgerichtet werden, z. B. durch verbesserte fachliche Begleitung zur Dämpfung der Eigenanteile. Die Pflegeversicherung bleibt Teilversicherung, Pflegebedürftige tragen weiterhin einen erheblichen Teil der Kosten. Im Dezember sollen noch weitere Vorschläge folgen, wo gespart werden kann. Wer echte Entlastung erwartet, wird enttäuscht.

Doch bereits jetzt stoßen die Vorschläge auf massive Kritik von allen Seiten: Arbeitgeberverbände bemängeln die vage Finanzierung und fehlende Konzepte für neue Pflegeplätze, private Versicherer warnen vor langfristiger Instabilität. Beide wollen sich aus der Verantwortung ziehen und die Lasten auf die „alternde Gesellschaft“ abwälzen, um eigene Kosten zu senken. Gewerkschaften und Sozialverbände fordern hingegen eine Vollversicherung, begrenzte Eigenanteile und Entlastung pflegender Angehöriger. Der DGB warnt: „Pflege im Alter ist mehr und mehr zum Armutsrisiko geworden.“ IG Metall und der Paritätische Gesamtverband betonen die Notwendigkeit solidarischer Lösungen, in die auch Besserverdienende einzahlen sollen. Eine private Zusatzversicherung lehnen Sozialverbände ab, da sie Solidarität untergräbt.

Auch die Rentenbeiträge pflegender Angehöriger verdeutlichen das Problem. Der VdK weist darauf hin, dass 4,35 Milliarden Euro, die aktuell die Pflegeversicherung dafür aufbringt, eigentlich aus Steuermitteln finanziert werden müssten. Würden diese Mittel bereitgestellt, wäre das Defizit weitgehend ausgeglichen. Stattdessen tragen Pflegebedürftige und Familien die Last, während politische Entscheidungen eine militärische Aufrüstung priorisieren und dem deutschen Wirtschaftsstandort Profite sichern.

Ursachen des „Pflegenotstandes“

Die Vorschläge greifen die Ursachen der Pflegekrise nicht an. Rund 40 % der Pflegekräfte erwägen den Beruf zu verlassen. Das tun sie wegen extremer Arbeitsbelastung, niedriger Löhne und fehlender Aufstiegsperspektiven, nicht wegen „komplizierter Pflegegrade“. Unterbesetzung und Dauerstress sind systemische Probleme, die ungelöst bleiben.

Zugleich steigt die Abhängigkeit von ausländischen Pflegekräften: Jede sechste kommt aus dem Ausland, arbeitet oft prekär und erhält nur begrenzte soziale Absicherung. Das zeigt das Muster: Billige Arbeitskraft wird importiert, Profite bleiben im „Pflegesystem“, Risiken und Belastungen bei den Betroffenen.

Profitlogik statt Verantwortung

Die chronische Unterfinanzierung und hohe Eigenbeteiligung zeigen politische Prioritäten: Pflege wird als Kostenfaktor, nicht als öffentliche Infrastruktur behandelt. Teilversicherung und steigende Eigenanteile sichern Finanzierung nicht nachhaltig, verschärfen soziale Ungleichheit: Wer arm ist, hat schlechteren Zugang, wer reich ist, kann Zusatzversicherungen abschließen.

Die Pläne der Merz-Regierung optimieren Kosten auf dem Rücken der Schwächsten statt Pflegequalität und Arbeitsbedingungen zu sichern. Familien, Pflegebedürftige und Beschäftigte tragen die Last, während Profitinteressen Vorrang haben.

Warum Sparpolitik scheitern muss

Doch Pflege ist kein „Kostenfaktor“: Ohne Pflege bricht gesellschaftliche Reproduktion zusammen. Wer Angehörige zuhause betreut, fällt aus der Erwerbsarbeit; wer keinen Heimplatz bekommt, blockiert Krankenhausbetten. Jede Kürzung schlägt an anderer Stelle als Kostenexplosion zurück.

Die Merz-Regierung verschiebt Verantwortung auf Familien, meist Frauen. Das Familienpflegegeld stabilisiert ein Modell, in dem private Haushalte die Lücken eines schrumpfenden Systems stopfen.

Eine Reform müsste Pflege solidarisch absichern: Vollversicherung, begrenzte Eigenanteile, faire Löhne, ausreichend Personal und Karriereperspektiven. Pflege darf nicht Renditeobjekt sein, sondern öffentliche Infrastruktur, die Menschenwürde garantiert.

Solange Kosten auf die Schwächsten abgewälzt werden, bleibt Pflege Armutsrisiko und die Krise verschärft sich. Deutschland könnte sich eine vollständig öffentlich finanzierte und kommunal mit verbindlichen Personalschlüsseln und guten Löhnen geplante Pflege leisten. Nur der politische Wille muss da sein.

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