Eren Gültekin
Bundeskanzler Friedrich Merz reiste Anfang Januar 2026 erstmals nach Indien. Anders als frühere Kanzler wählte er nicht einen Besuch in China oder Japan, sondern Indien – mit einem klaren Ziel: die deutsch-indische Partnerschaft auf eine neue Stufe zu stellen. In Ahmedabad, der Wirtschaftsmetropole und Heimat des Premierministers Narendra Modi, wurde Merz besonders ehrenvoll empfangen. Gemeinsam besuchten die beiden Politiker unter anderem das Internationale Drachenfestival und führten intensive Gespräche über bilaterale Kooperationen.
Im Zentrum des Besuchs standen 27 Absichtserklärungen und Memoranden, die eine engere Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen festschreiben. Besonders hervorgehoben wurde die Rüstungskooperation: Deutschland und Indien unterzeichneten eine Absichtserklärung der Verteidigungsministerien, die die Grundlage für gemeinsame Projekte wie den Bau von sechs U-Booten in Mumbai durch Thyssenkrupp Marine Systems schafft. Dieses Projekt hat ein Volumen von rund acht Milliarden Euro und soll die technologische und industrielle Zusammenarbeit beider Länder vertiefen. Konkrete Verträge wurden jedoch noch nicht abgeschlossen; die Vereinbarung zum U-Boot-Bau wird in Kürze erwartet. Ziel Berlins ist unter anderem, die indische Abhängigkeit von russischen Rüstungslieferungen zu verringern – Indien selbst zeigt sich offen, aber möchte seine Kooperation mit Russland weiterhin beibehalten.
Neben der Rüstung standen weitere strategische Bereiche im Fokus: Die Zusammenarbeit erstreckt sich auf den Abbau seltener Erden, High-Tech- und digitale Projekte sowie den Austausch von Fachkräften, insbesondere für das deutsche Gesundheitswesen. Die Zahl indischer Fachkräfte in Deutschland ist in den letzten zehn Jahren von etwa 25.000 auf rund 170.000 gestiegen, und Berlin strebt eine weitere Steigerung an. Auch Bildung, Sportförderung und Technologien stehen auf der Agenda.
Parallel laufen die Verhandlungen zwischen der EU und Indien über ein Freihandelsabkommen, das seit 19 Jahren diskutiert wird. Ein Abschluss könnte noch im Januar 2026 erfolgen und würde das größte Handelsabkommen in der Geschichte Indiens darstellen. Ziel der EU ist unter anderem, die Abhängigkeit von China und Russland zu verringern, während Indien neue Märkte sucht, unter anderem aufgrund von Zolldruck aus den USA. Das Abkommen soll Handel, Dienstleistungen, Investitionen, digitale Wirtschaft, geistiges Eigentum und Technologien fördern.
Die deutsch-indische Kooperation ist vor allem militärisch und geostrategisch ausgerichtet. Ziel ist es, den Einfluss Chinas – und teilweise Russlands – im indo-pazifischen Raum zurückzudrängen. Sie spiegelt eine strategische Neuorientierung deutscher Außen- und Wirtschaftspolitik wider und weniger partnerschaftliche oder soziale Interessen.
Für die arbeitende Bevölkerung bietet die Zusammenarbeit kaum Vorteile. Sie dient primär der Durchsetzung deutscher Wirtschaftsinteressen. Fragen zu Arbeitsbedingungen, Umweltstandards und sozialer Verantwortung werden weitgehend ausgeklammert. Die geplante Anwerbung zehntausender indischer Fachkräfte, insbesondere im Gesundheitssektor, begünstigt Lohndumping und steigert Unternehmensgewinne, ohne strukturelle Probleme des deutschen Arbeitsmarktes zu lösen.
Auch Rüstungsprojekte sowie Rohstoff- und Technologieabkommen sind profit- und geopolitisch motiviert. Sie sichern industrielle Wertschöpfungsketten, stärken militärische Handlungsfähigkeit und nutzen Arbeitskräfte und Ressourcen des Globalen Südens funktional. Gleichzeitig reduziert Deutschland seine Abhängigkeit von China und den USA, etwa bei Halbleitern und kritischen Rohstoffen, während Konzerne wie Bosch oder SAP von neuen Investitionsmöglichkeiten profitieren.
Insgesamt dient die Kooperation der Sicherung deutscher Kapitalinteressen, der Verschiebung geopolitischer Machtverhältnisse und der Erschließung neuer Märkte sowie Arbeitskräfte. Eine sozial gerechte oder ökologisch nachhaltige Perspektive für die Bevölkerung in Deutschland oder Indien ist nicht erkennbar.
Merz fordert, dass wir trotz Krankheit arbeiten
Unmittelbar nachdem der Bundeskanzler in Indien sichergestellt hat, weiterhin ausländische Fachkräfte zu Dumpinglöhnen in Deutschland einsetzen zu können, folgt ein weiterer Angriff auf die Rechte der Werktätigen. Konkret geht es um ein altes Leid-Thema von Merz und Kapitalverbänden: die Krankheit. 14,5 Krankentage habe ein Beschäftigter durchschnittlich im Jahr. Nach Adam Riese sind das also zwei Wochen – laut Friedrich Merz‘ Rechnung fast drei. „Ist das wirklich notwendig?“, fragte Merz bei bei einer Wahlkampfveranstaltung im baden-württembergischen Bad Rappenau. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) erklärte, nun die Krankschreibung per Telefon prüfen zu wollen: „Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die niedrigschwellige Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung missbräuchlich ausgenutzt werden kann“, so die Ministerin, die bisher nur mit der Zurückhaltung des Untersuchungsberichts zum Maskenskandal rund um Jens Spahn (ebenfalls CDU), aufgefallen ist. Bei einer Vollzeitbeschäftigung mit einer Fünf-Tage-Woche arbeitet man ca. 230 Tage im Jahr. 14,5 Tage zum Thema zu machen, ist also nur ein weiterer Angriff auf unsere Rechte. Gesundheitsexperten und Gewerkschaften kritisieren Merz, die Zahl der Krankschreibungen sei seit Jahren unverändert. Doch geht es nach Merz, sollen wir am besten arbeiten, bis wir tot umfallen.

