90 Minuten lang nimmt uns die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania in eine herzzerreißende Geschichte mit, die nicht nur das Schicksal eines einzigen Kindes, sondern die Gräueltaten des Genozids in Gaza beleuchtet. Eine Geschichte, die wahr ist.
Alev Bahadır
Hind Rajab ist fünf Jahre alt, als sie mit ihrem Onkel, ihrer Tante und ihren vier Cousins in einem Auto aus Gaza-Stadt zu fliehen versucht und von einem Panzer beschossen wird. Umgeben von den Leichen ihrer Verwandten ist Hind die einzige Überlebende. Über Stunden hinweg telefoniert sie mit Mitarbeitern des Palästinensischen Roten Halbmonds in Ramallah, die zwischen Verzweiflung, Wut und Trauer versuchen, das Mädchen zu retten. Denn auch wenn ein Krankenwagen nur 8 Minuten vom Standort des Kindes entfernt ist, brauchen sie die Erlaubnis der israelischen Armee, um sicher ins gesperrte Gebiet fahren und eine Rettungsaktion durchführen zu können. Während das Mädchen stundenlang um Hilfe fleht, steigt der Schmerz der Rettungskräfte, genauso wie der des Publikums, immer weiter an.
Die Stimme von Hind Rajab erzählt den wahren Fall ausschließlich aus der Perspektive der Mitarbeiter des Roten Halbmonds. Die Stimme, die mit ihnen in Kontakt tritt, ist die Originalaufnahme von Hind Rajabs Stimme. Das bedeutet, die Zuschauer erleben die Angst des Mädchens und die Gewalt über die Aufnahmen. Die Hilfsorganisationsmitarbeitenden werden von Schauspielern dargestellt.
Das macht „Die Stimme von Hind Rajab“ zu einem erschütternden aber notwendigem Film. Hind Rajab steht hier stellvertretend für die zehntausenden toten palästinensischen Kinder, die von den israelischen Streitkräften mit Waffengewalt ermordet wurden oder an Krankheit oder Hunger aufgrund der Blockade von Medizin und Lebensmitteln gestorben sind. Die Stimme des Kindes und die großartige schauspielerische Leistung der Darsteller sorgen dafür, dass das Grauen greifbar wird. Jeder Charakter ist auf seine eigene Art bewegend und stark und sie alle zeigen, wie man im Angesicht des Völkermords trotzdem weitermachen und auf seine eigene Art kämpfen und Hilfe leisten kann.
Die sogenannte „Staatsräson“, also die unbedingte Solidarität mit einer kriegstreiberischen Regierung, die mindestens 71.000 Menschen mit Waffengewalt getötet hat, ist wohl der Grund dafür, dass „Die Stimme von Hind Rajab“ in Deutschland weniger Beachtung gefunden hat, als international. Bei den Filmfestspielen von Venedig hat sie den großen Preis der Jury gewonnen, für bedeutende Filmpreise, wie einen Golden Globe, den Oscar oder den Europäischen Filmpreis war und ist er nominiert. Nichtsdestotrotz gab es in Deutschland auch „Kritiker“, die den Film als „einseitige“ Propaganda kritisierten – dass bei der Ermordung von zehntausenden Menschen, unter ihnen Kinder, eine vermeintliche Neutralität geboten sei, ist einmal mehr eine Politik der Verharmlosung der Verbrechen Israels, sowie einer Leugnung des Genozids in Palästina. Die gleiche Politik wird seit über zwei Jahren gegen palästinasolidarischen Protest in Deutschland angewendet. Auch eine Kunstinstallation am Berliner Alexanderplatz, die das Auto, in dem Hind Rajab ermordet wurde, nachstellt, fand außerhalb aktivistischer Kreise keine Beachtung in Medien und öffentlicher Wahrnehmung. Umso wichtiger ist es, den Film, wo es möglich ist, z.B. in Jugendhäusern oder Vereinen zu zeigen, denn “Die Stimme von Hind Rajab“ ist ein Film, den man sehen sollte.

