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Grönland wird zum Prüfstein der transatlantischen Beziehungen

Dilan Baran

Der Streit um Grönland hat sich in den vergangenen Tagen zu einem der schwerwiegendsten transatlantischen Konflikte seit Jahren zugespitzt. Mit deutlichen Worten stellte US-Finanzminister Scott Bessent die sogenannte Sicherheitsordnung infrage, erklärte, Grönland könne „nur als Teil der Vereinigten Staaten wirklich sicher sein, und hielt den Europäern zugleich vor, sie wirkten „schwach. In Europa lösten diese Aussagen Empörung, aber auch hektische diplomatische Aktivitäten aus.

Bessents Äußerungen fügen sich in eine Linie der US-Regierung unter Präsident Donald Trump, der Grönland wiederholt als strategisch unverzichtbar für die nationale Sicherheit der USA bezeichnet hat. Im Zentrum stehen dabei nicht nur militärische Erwägungen, etwa im Zusammenhang mit dem geplanten Raketenabwehrsystem „Golden Dome, sondern vor allem der Zugriff auf Rohstoffe und die Kontrolle über wichtige arktische Verkehrs- und Kommunikationswege. Ein unverhohlener Machtanspruch.

Europa- “standhaft und entschlossen”?

In Europa wächst der Widerstand gegen diese Pläne. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte nach Beratungen mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte sowie mehreren europäischen Regierungschefs, die EU und Großbritannien seien fest entschlossen, die Souveränität Grönlands und des Königreichs Dänemark zu wahren. Europa werde seine strategischen Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen „mit Standhaftigkeit und Entschlossenheit“ schützen. EU-Ratspräsident António Costa kündigte zudem einen Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs in den kommenden Tagen an, auf dem eine gemeinsame Antwort auf Trumps Zoll-Drohungen gegen mehrere europäische Staaten abgestimmt werden sollen.

Auch einzelne Mitgliedstaaten positionieren sich. Italien bot sich als Vermittler an. Außenminister Antonio Tajani betonte, es gebe „absolut keinen Bedarf an Handelskriegen oder Konflikten, vielmehr brauche es Dialog und Lösungen, die niemanden benachteiligten. Gleichzeitig sprechen zahlreiche europäische Politiker vor einer Eskalation. Auch in Deutschland werden empörte Stimmen lauter. Während Unionspolitiker zu Zurückhaltung mahnen, erklärte SPD-Chef Lars Klingbeil, man dürfe sich „nicht erpressen lassen und auch von den Grünen wird eine harte Kante gegen Trump gefordert. Die sicherheitspolitische Sprecherin der Grünen, Sara Nanni, forderte es müsse „handfeste diplomatische Drohungen Richtung Weißes Haus“ geben. Nur so könne man Trump von seinem „Wahnsinn“ abhalten, weiter am Zusammenhalt der NATO zu rütteln.

Militärpräsenz in Grönland

Parallel zur Diplomatie setzt Europa verstärkt auf militärische Präsenz. In den vergangenen Tagen trafen unter dänischer Führung Soldaten mehrerer europäischer Staaten auf Grönland ein, darunter auch 13 Angehörige der Bundeswehr. Ziel der Mission ist offiziell eine Erkundung für mögliche künftige Manöver. In militärischen Kreisen kursiert bereits der Name „Arctic Sentry“ für einen möglichen dauerhaften Einsatz. Beobachter werten die Truppenverlegungen vor allem als symbolische Unterstützung Dänemarks und als Signal an Washington, dass eine Annexion einen hohen politischen und militärischen Preis hätte.

Die Bundeswehr zog nach Abschluss ihres Einsatzes eine positive Bilanz. Die extremen klimatischen Bedingungen hätten wertvolle Erkenntnisse für Ausbildung und Ausrüstung geliefert, hieß es aus dem Verteidigungsministerium.

US-Präsident Donald Trump nimmt die Botschaft des EU-Militärmission hingegen gar nicht gut auf und versucht, seinen Besitzanspruch auf Grönland mit Zöllen für Deutschland und andere Staaten durchzudrücken. Mit Spannung wird nun der Konter Europas erwartet. Bei einem Sondergipfel Ende der Woche dürften die europäischen Staats- und Regierungschefs über milliardenschwere Gegenmaßnahmen debattieren.

Bundeskanzler Friedrich Merz vermeidet aktuell weiterhin direkte Kritik an Trump. Er betonte zwar, dass Zollandrohungen die transatlantischen Beziehungen schwächten, und unterstrich die Einigkeit innerhalb der EU, sprach aber zugleich von den USA als „Partner. Sollte es nötig sein, werde man europäische und deutsche Interessen schützen, so Merz – eine Formulierung, die Spielraum lässt und in Berlin bewusst gewählt scheint.

Auch Verteidigungsminister Boris Pistorius setzt weiterhin auf die Frontbildung zu Russland und China und betont sie nutzten die Arktis zunehmend militärisch. Die NATO werde dies nicht hinnehmen und weiter für die regelbasierte internationale Ordnung eintreten. Entscheidend sei dabei die enge Abstimmung innerhalb des Bündnisses – ausdrücklich auch mit den USA.

Fest steht: Der Konflikt um Grönland berührt grundlegende Prinzipien der transatlantischen Partnerschaft und der europäischen Mitsprache. Während Washington seine Macht demonstriert, ringt Europa um eine Balance zwischen Diplomatie, wirtschaftlichem Druck und militärischer Abschreckung.

Im öffentlichen Diskurs gewinnt darüber hinaus ein Vorwurf an Gewicht: Immer häufiger wird thematisiert, dass Präsident Trump mittlerweile nahezu jedes Land bedrohe, das sich ihm nicht unterstellt, und dass er mit seinem Vorgehen – etwa in Venezuela und nun auch in Grönland – das Völkerrecht faktisch nicht anerkenne. Kommentatoren sprechen von einer neuen Ära der „Gesetze des Dschungels, in der nicht mehr internationale Regeln, sondern allein die Macht des Stärkeren zähle.

Die Diagnose ist allerdings weniger neu, als sie zunächst erscheint. Auch in früheren Jahrzehnten handelten mächtige Imperien und kapitalistisch-imperialistische Staaten nach genau diesem Prinzip. Die Geschichte der internationalen Politik ist geprägt von Interventionen, Regimewechseln und Kriegen, die mit dem Völkerrecht nur schwer vereinbar waren und immense Zerstörungen nach sich zogen. Der Zerfall Jugoslawiens, die Interventionen in Somalia, Afghanistan, im Irak, in Libyen oder in Syrien folgten ebenfalls der Logik, dass militärische und ökonomische Stärke politische Fakten schafft.

Der entscheidende Unterschied zur heutigen Situation liegt weniger im Prinzip als in der Form seiner Anwendung. Die „Gesetze des Dschungels“ wurden früher zumeist im Konsens oder zumindest mit stillschweigender Duldung westlicher Verbündeter durchgesetzt, oft legitimiert durch internationale Bündnisse oder Mandate, die den Anschein gemeinsamer Regeln wahrten. Trumps Vorgehen hingegen bricht mit dieser Praxis. Er setzt Machtansprüche offen und unilateral durch, ohne Rücksicht auf gewachsene Spielregeln oder diplomatische Absicherung. Genau das stößt in Europa und Teilen des Westens auf Widerstand.

Gleichzeitig bleibt dieser Widerstand auffallend halbherzig. Trotz scharfer Worte und wachsender Irritation stellen sich die europäischen Staaten bislang nicht geschlossen und eindeutig gegen Washington. Von den ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats Frankreich und Großbritannien ist keine ernsthafte, klar artikulierte Gegenposition zu hören. Auch Deutschland, die größte Volkswirtschaft Europas, vermeidet eine eindeutige Haltung. So entsteht der Eindruck, dass weniger das Prinzip der Machtpolitik kritisiert wird als vielmehr die Tatsache, dass Trump sie ohne Abstimmung und Rücksichtnahme praktiziert – und damit eine Ordnung infrage stellt, von der Europa lange profitiert hat.

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