Written by 10:00 DEUTSCH

Hamburger Schulstreikkonferenz

Am 7. Februar kamen 130 Schüler*innen aus mehr als 20 Schulen zur ersten Hamburger Schulstreikkonferenz gegen Wehrpflicht zusammen. Organisiert wurde sie vom Schulstreikkomitee Hamburg, der stadtweiten Vernetzung der Schulstreikkomitees, als Raum für Austausch, Vernetzung und zentralen Sammelpunkt vor dem nächsten Schulstreik.

Julian Lutz und Gefion Göttler

Im Mittelpunkt stand die Mobilisierung für den Streik am 20. Februar, der aufgrund der Hamburger Ferien vorgezogen wird. Denn das Ziel der Schüler*innen ist es, die verbleibenden Wochen möglichst gut zu nutzen und von der Konferenz gestärkt an die Schulen zurückzukehren, weitere Streikkomitees zu gründen und möglichst viele Mitschüler*innen zu mobilisieren.

Die Konferenz richtete sich sowohl an Schüler*innen, die sich neu mit dem Thema Wehrpflicht beschäftigen, als auch an bereits aktive Streikkomitees. Eingeladen waren neben Hamburger Schüler*innen auch Vertreter*innen der Schüler*innenkammer Hamburg (SKH), Jugendorganisationen aus dem Bündnis Nein zur Wehrpflicht und der Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner*innen (DFG – VK). Über Wochen vorbereitet und über Social Media und Flyer an Schulen beworben, war die hohe Beteiligung ein wichtiger Erfolg für den kommenden Streik.

Politische Einordnung der Bewegung

In der Eröffnungsrede wurde die schrittweise Wiedereinführung der Wehrpflicht als Ausdruck zunehmender Militarisierung kritisiert. Schon jetzt sehe man, dass die Folgen von Kriegen und Krisen nicht die politisch Verantwortlichen für diese treffen. Als “Menschenmaterial” sollen Jugendliche sich für ein Land opfern, welches weder Perspektive, noch soziale Gleichheit zu bieten hat. Milliarden gibt es nur für die Bundeswehr, nicht aber für Bildung, Gesundheit, soziale Absicherung oder Nachhaltigkeit. Die Forderung war klar: Die Jugend möchte Bildung und eine lebenswerte Zukunft, statt an die Waffe gezwungen zu werden und Jugendliche, welche sich in der gleichen Situation befinden, zu töten.

Der erste Programmpunkt der Konferenz war eine Podiumsdiskussion zum Thema „Warum wird Krieg geführt und was haben wir als Jugendliche damit zu tun?“, bei der Vertreter*innen des Gesamt-Streikkomitees Hamburg, vom Streikkomitee der Stadtteilschule Stellingen sowie der Schülerkammer Hamburg diskutierten. 

Auf der Podiumsdiskussion wurde die Wehrdienstdebatte als Teil einer umfassenden militärischen Aufrüstung Deutschlands seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine kritisiert. Diese Entwicklung diene vor allem geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen, um Demokratie gehe es hier nicht. Denn im Kampf gegen die Wehrpflicht würden Schüler*innen immer wieder in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt oder von der Schulleitung, Behörde oder Politik unter Druck gesetzt. Das drücke sich auch durch den Ausbau von Überwachung und militärischer Präsenz an Schulen aus. Gleichzeitig verschärfe sich die Krise im Bildungsbereich durch Lehrermangel, marode Gebäude und psychische Belastungen, während Milliarden in Aufrüstung flössen.

Die Diskussion hob hervor, dass Jugendliche durch kollektive Organisierung und Protest realen Einfluss auf die Verhinderung von Krieg haben können. Das Ende des Podiums bildete ein Appell an alle Teile der Gesellschaft, dem Vorbild der Schüler*innen zu folgen und gemeinsam gegen die Wehrpflicht aktiv zu werden.

Aktiv werden! – Die Workshopphase

Am Nachmittag wurden in Workshops sowohl inhaltliche  als auch praktische Fragen vertieft. Im Workshop „How‑to‑Schulstreikkomitee“ wurden Erfahrungen zur Mobilisierung und Organisation von Streiks an Schulen ausgetauscht und praktische Tipps größerer Komitees weitergegeben. Im Verweigerungsworkshop des DFG‑VK lernten Jugendliche, wie sie sich auf Musterungsmaßnahmen vorbereiten und welche rechtlichen Möglichkeiten der Kriegsdienstverweigerung bestehen. Im Workshop Argumentationstraining wurden typische Pro‑Wehrpflicht‑Argumente gesammelt, gemeinsam entkräftet und in Rollenspielen geübt, um in Diskussionen mit Lehrkräften, Eltern oder Mitschüler*innen sicherer aufzutreten – ein Angebot, das auf großes Interesse stieß.

„Wir brauchen neben der bundesweiten Konferenz auch welche vor Ort!“

Durch das Podium, das die schrittweise Einführung der Wehrpflicht in die allgemeine Militarisierung einordnete, sowie die praktischen Workshops konnte sowohl in den politischen Austausch untereinander getreten werden, als auch wichtige Erfahrungen der Schüler*innen des Streikkomitees kollektiviert und weitergegeben werden – ein wichtiger Schritt, um die Bewegung gegen Wehrpflicht langfristig zu stärken und auszuweiten. Auch die Beteiligung der Schüler*innenkammer war dabei ein wichtiges Signal: Die SKH hatte sich letztes Jahr in einem Beschluss gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht gestellt, war aber bisher am Streik nicht beteiligt. Zur Verbreiterung der Bewegung ist es zentral die Ziel Vertretungsgremien in den Kampf einzubeziehen, auch um diese Strukturen und die Schüler*innenbewegung als solches zu stärken – positive Beispiele dafür gibt es etwa in NRW, wo der Landesschülerrat den Streik unterstützt.

Neben dem inhaltlichen Programm der Konferenz, konnten sich alle besser kennenlernen so der Zusammenhalt gestärkt werden.

Die Hamburger Konferenz zeigt, welches Potential Schülerstreikkonferenzen vor Ort zusätzlich zu bundesweiten Konferenzen haben, bei denen vor allem die Aktivsten zusammenkommen und über die Stoßrichtung der Bewegung diskutieren.

Vor Ort können wesentlich mehr Schüler*innen, über einen aktiven Kreis hinaus erreicht und in gemeinsame Diskussionen einbezogen werden, was die Bewegung vergrößert. Eine zweite Konferenz ist bereits für Sommer 2026 in Planung. 

 

Bundesweite Streikkonferenz in Göttingen

Am 14. und 15. Februar kamen in Göttingen über 250 Schüler*innen zur bundesweiten Streikkonferenz gegen die Wehrpflicht zusammen. Zwei Tage wurde ausgiebig diskutiert, wie die schrittweise Wehrpflicht im Kontext der Militarisierung einzuordnen ist, wo es mit der Bewegung hingehen soll und was die richtigen Forderungen sind. Es wurden Erfahrungen der Streikkomitees geteilt, der Umgang mit Druck und Strafen von Schule, Eltern oder auch Behörden diskutiert, möglichst gute Mobilisierungen geplant, sowie sich zu friedenspolitischer Bildung und das Potential von Kriegsdienstverweigerung ausgetauscht. Deutlich wurde: die anwesenden Schüler*innen aus über 60 Städten sind unglaublich motiviert und setzen alles daran den Streik am 5.3. zu einem vollen Erfolg zu machen. Als Ergebnis des Wochenendes wurde eine Resolution verabschiedet, die eine wichtige Grundlage für die Arbeit, die Analysen und Forderungen der Streikkomitees in den Städten bilden kann.

Close