Die Debatten über die Gründe dafür halten an, warum der US-Imperialismus seine seit elf Jahren bestehende Zusammenarbeit mit den Kurden in Rojava über die SDF (Demokratische Kräfte Syriens) abrupt beendet hat. Gleichzeitig wird erörtert, weshalb diese Entscheidung den Angriffen der Türkei und der syrischen Übergangsregierung der HTS (Hayat Tahrir al-Sham) in Syrien den Weg ebnete. Die Beziehungen der USA zur SDF zählte über lange Zeit zu den zentralen Konfliktpunkten in den türkisch-amerikanischen Beziehungen.
Yusuf Karadaş*
Die heutige Haltung des US-Imperialismus, die faktisch eine Belagerung und militärische Angriffe auf Rojava ermöglicht, lässt sich nicht losgelöst von seiner Politik zur Neuordnung der regionalen Machtverhältnisse – von Gaza über Iran bis nach Zentralasien – verstehen. Ebenso wenig kann sie unabhängig von der Rolle betrachtet werden, die der Türkei dabei zugedacht ist, oder von der Position der syrischen Übergangsregierung der HTS in diesem Zusammenhang. In diesem Kontext gewinnt auch der Zeitpunkt der Angriffe auf die syrischen Kurden und die SDF besondere Bedeutung. Sie begannen in Aleppo und setzten erst nach dem am 5. Januar unter US-Vermittlung und mit türkischer Förderung geschlossenen Abkommen zwischen Israel und der Übergangsregierung der HTS ein.
Da diese Entwicklungen auch für das Verständnis des gegenwärtigen Kurses des AKP-Palastregimes in der Kurdenfrage zentral sind, ist es sinnvoll, die Diskussion mit einer Erinnerung zu beginnen: Nachdem der US-Imperialismus im Rahmen des Projekts eines „Groß- bzw. Erweiterten Nahen Ostens“ in den Irak interveniert hatte und diese Intervention nicht die erwarteten Ergebnisse brachte – sie sollte unter anderem Iran ins Visier nehmen –, ließ Washington einen Bericht zur künftigen Strategie erstellen: den Baker-Hamilton-Report von 2006.
Darin wurde empfohlen, die Zusammenarbeit zwischen der Türkei und der damals neu institutionalisierten Autonomen Region Kurdistan im Irak zu fördern, diese Kooperation auch auf Israel auszuweiten und zugleich die sicherheitspolitischen Bedenken der Türkei in Bezug auf die PKK zu berücksichtigen. Nach diesem Bericht wurde mit dem Treffen zwischen Erdoğan und dem damaligen US-Präsidenten Bush im Jahr 2007 ein neues Kapitel aufgeschlagen, in dem der Türkei vom US-Imperialismus die Rolle einer „regionalen Führungsmacht“ zugewiesen wurde.
Das größte Hindernis für die Türkei bei der Übernahme dieser Rolle war die Existenz der PKK als bewaffnete Kraft in der Region – und damit eng verbunden die ungelöste Kurdenfrage. Die Initiativen der Erdoğan-Regierung seit dem sogenannten „Öffnungsprozess“ von 2009 gewinnen vor diesem Hintergrund ihre eigentliche Bedeutung: Sie waren von Beginn an Teil einer mit dem US-Imperialismus abgestimmten Politik der regionalen Neuordnung, die zugleich den expansiven Ambitionen der Türkei Raum verschaffen sollte.
Dass Bahçeli bei der Einleitung des aktuellen Prozesses im Namen der Regierung ausdrücklich auf regionale Entwicklungen verweist und Erdoğan wiederholt von einer „israelischen Bedrohung“ spricht, ist letztlich Ausdruck desselben Ziels: Die Kurdenfrage soll kein Hindernis mehr für die angestrebte Rolle der Türkei und ihre expansionistischen Ambitionen in der regionalen Neuordnung darstellen. Einerseits wurde die militärische Stärke der PKK durch neue Waffen- und Kriegstechnologien sowie durch Abkommen mit der irakischen Zentralregierung und der Autonomen Region Kurdistan in gewissem Maße begrenzt. Andererseits rückte nun die SDF, die mit den USA kooperiert und mit schweren Waffen ausgerüstet ist, als zentrale „Bedrohung“ in den Fokus.
An diesem Punkt wurde der Rückzug des US-Imperialismus aus der Zusammenarbeit mit der SDF zu einer Frage, die davon abhängt, welche Rollen die Türkei und die syrische Übergangsregierung der HTS in der neuen Regionalpolitik der USA übernehmen und in welchem Umfang sie dazu bereit sind.
Dabei muss auch der Rahmen der US-amerikanischen Zusammenarbeit mit den Kurden klar benannt werden: Der US-Imperialismus hat sich konsequent geweigert, die autonome Selbstverwaltung politisch anzuerkennen, und die militärische Kooperation strikt auf den Kampf gegen den IS beschränkt. Den Kurden wurden keinerlei Garantien für den Fall einer Intervention durch die Türkei oder andere Akteure gegeben. Zudem war der eigentliche Gegenspieler der USA nicht die Türkei, sondern das Assad- bzw. Baath-Regime in Syrien.
An dieser Stelle ist es notwendig, auch den Rahmen der Zusammenarbeit der USA mit den Kurden genauer zu benennen: Der US-Imperialismus hat sich konsequent geweigert, die autonome Selbstverwaltung politisch anzuerkennen. Zudem definierte er die militärische Kooperation ausschließlich im Rahmen des „Kampfes gegen den IS“ und enthielt sich jeglicher Sicherheitsgarantien für den Fall einer Intervention durch die Türkei oder andere Akteure. Darüber hinaus ist festzuhalten, dass die Zusammenarbeit der USA mit den Kurden zwar Spannungen in den türkisch-amerikanischen Beziehungen erzeugte, das eigentliche Ziel der US-Politik jedoch nicht die Türkei, sondern das Assad- beziehungsweise Baath-Regime in Syrien war.
Während sich Türkei und USA östlich des Euphrat scheinbar gegenüberstanden, fanden sie in Idlib und in der Unterstützung der dortigen HTS-Verwaltung faktisch zusammen. Dass die HTS mit Unterstützung der USA, Großbritanniens und der Türkei an die Spitze der neuen syrischen Übergangsregierung gebracht wurde, ist dafür der deutlichste Beleg.
Von besonderer Bedeutung ist zunächst, dass Trump Tom Barrack, den er zum US-Botschafter in Ankara ernannte, zugleich auch zum Sondergesandten für Syrien berief. Diese Doppelrolle war ein deutliches Signal für die Absicht, die Zusammenarbeit mit der Erdoğan-Regierung gerade in der Syrienfrage auszubauen. Nachdem sich die Spannungen zwischen der Türkei und Israel infolge ihres Ringens um Einflusszonen in Syrien verschärft hatten, erklärte Barrack öffentlich: „Die Türkei und Israel werden keinen Krieg führen.“ Seine Ankündigung, man werde „eine Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Israel vom Kaspischen Meer bis zum Mittelmeer erleben“, machte zugleich die Rolle deutlich, die ihm in diesem Prozess zugedacht war.
Trump hat Erdoğans Rolle in Syrien wiederholt öffentlich gelobt – ebenso wie die des HTS-Führers Dscholani, der an der Spitze der Übergangsregierung steht und in jüngster Zeit die Forderungen der USA und Israels Schritt für Schritt erfüllt hat.
Der Regimewechsel in Syrien schuf günstige Bedingungen für die Zerschlagung der sogenannten „Achse des Widerstands“, machte den Iran angreifbarer und ebnete den Weg für die Entwaffnung von Akteuren wie der Hisbollah im Libanon oder den Haschd asch-Schabi im Irak. Zugleich stellt Trumps sogenannter „Gaza-Plan“ einen der zentralen Pfeiler dieser regionalen Neuordnung dar – und auch hier positioniert sich die Erdoğan-Regierung in einer Weise, die den Erwartungen des US-Imperialismus und, trotz scheinbarer Gegnerschaft, auch Israels entspricht.
Nach dem Treffen im Weißen Haus am 25. September 2025 übertrug Trump Erdoğan die Aufgabe, die Hamas von seinem 20-Punkte-Plan für einen angeblichen „Frieden“ in Gaza zu überzeugen. Im Oktober trat Erdoğan in Scharm el-Scheich gemeinsam mit Ägypten und Katar als Garant dieses Plans auf. Zuletzt nahm Außenminister Fidan, der die Türkei im von Trump geleiteten „Friedensrat“ vertreten soll, an der Unterzeichnungszeremonie in Davos teil. Dass Israel seine zuvor geäußerten Einwände gegen eine türkische Rolle in diesem Gremium aufgegeben hat, ist nicht losgelöst von den Schritten zu verstehen, die die Türkei und die HTS-Regierung zur Erfüllung dieser Erwartungen unternommen haben.
Der Gaza-Plan Trumps sieht zunächst eine fortgesetzte militärische Kontrolle Israels „bis zur Herstellung von Sicherheit“ vor. Sein eigentliches Ziel besteht jedoch darin, die palästinensische Bevölkerung aus Gaza zu vertreiben und das Gebiet durch Häfen, Wolkenkratzer und Industrieanlagen in ein Investitionszentrum für imperialistische Konzerne zu verwandeln. In diesem Kontext wird Gaza Teil des von den USA vorangetriebenen Wirtschaftskorridors Indien–Naher Osten–Europa, der auch als Gegenprojekt zu chinesischen Handelsrouten konzipiert ist. Die Einsetzung einer kolonialen Verwaltung unter Trumps Vorsitz stellt zugleich einen strategischen Schritt im Energie- und Sicherheitskonkurrenzkampfs im östlichen Mittelmeer dar.
Die Rolle, die das Erdoğan-Regime sowohl in Syrien als auch in diesem Zusammenhang übernimmt, zeigt – ganz im Sinne der Aussagen Barracks –, dass es auf eine engere Abstimmung und Kooperation mit den USA und Israel setzt. Geprägt von den Erfahrungen in Rojava hält sich die Erdoğan-Regierung derzeit zwar gegenüber einer Intervention im Iran zurück, nicht zuletzt wegen der Organisierung kurdischer Kräfte unter Führung der PJAK in Iranisch-Kurdistan. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass sie sich einer solchen Strategie dauerhaft entziehen wird. Vielmehr hängt ihre Bereitschaft davon ab, ob ihre sicherheitspolitischen Bedenken ausgeräumt werden und sich neue Spielräume für ihre expansionistischen Ambitionen eröffnen.
Die Reduzierung der Energieimporte aus Russland zugunsten neuer Abkommen mit US-Energiekonzernen sowie das grüne Licht Trumps für den Verkauf von F-35-Kampfflugzeugen an die Türkei verdeutlichen, dass sich die US-türkischen Beziehungen wieder ihren „Werkseinstellungen“ annähern. Trotz der scharfen Rhetorik Bahçelis vertieft der Regierungsblock seine Abhängigkeitsverhältnisse vom US-Imperialismus und nimmt auf dieser Grundlage eine neue regionale Rolle ein.
Seit über einem Jahrhundert zahlen die Völker des Nahen Ostens, die Freiheit, Demokratie und Frieden fordern, den Preis für imperialistische Machtkämpfe und Kriege. Die aktuellen Entwicklungen in Rojava verschärfen diese Last nicht nur, sondern kündigen auch eine neue, noch schwierigere Phase dieses Kampfes an. Umso notwendiger ist es, dem imperialistischen Umbau der Region und der reaktionären Rolle des Erdoğan-Regimes entgegenzutreten – vom Widerstand gegen Trumps Gaza-Plan bis hin zur Solidarität gegen die Belagerung und die Angriffe auf Rojava.
*Der Artikel ist erstmals am 27. Januar 2026 auf Türkisch in der Tageszeitung „Evrensel“ erschienen und wurde für unsere Zeitung übersetzt.

