Yusuf Karadaş
In Syrien führen Kräfte der HTS (Hayat Tahrir al-Sham) derzeit die heftigsten Angriffe seit dem Sturz des Assad-Regimes auf kurdische Stadtteile Aleppos durch. Immer dann, wenn es Spannungen zwischen der HTS und den SDF (Syrische Demokratische Kräfte) gab, betrachtete die HTS die überwiegend von Kurdinnen und Kurden bewohnten Viertel Eşrefiye und Şeyh Maksud als „leichte Ziele“ und griff sie wiederholt an. Der aktuelle Angriff unterscheidet sich jedoch deutlich von früheren: Die HTS erklärte die kurdischen Viertel Aleppos zu „militärischen Zonen“ und stufte die Stellungen der mit der YPG (Volksverteidigungseinheiten) verbundenen Sicherheitskräfte als „legitime militärische Ziele“ ein. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes hatte die HTS angekündigt, eine umfassende Offensive gegen Şeyh Maksud, Eşrefiye und Beni Zeyd zu starten.
Durch die seit drei Tagen andauernden Angriffe und die Belagerung sahen sich Zehntausende Kurdinnen und Kurden gezwungen, Aleppo zu verlassen – eine Stadt, die viele selbst während der härtesten Phasen des syrischen Bürgerkriegs nicht verlassen hatten. Dass gleichzeitig auch die türkische Armee neue Truppen in den Norden Aleppos verlegte, macht deutlich, dass es sich nicht um eine spontane Eskalation handelt. Das türkische Verteidigungsministerium erklärte zudem offen, man werde die HTS-Verwaltung „bei Bedarf unterstützen“. Zugleich ist bekannt, dass Vertreter der türkischen Regierung seit Langem fordern, die SDF müssten sich im Rahmen einer sogenannten „Integration“ faktisch selbst auflösen und sich individuell der neuen syrischen Armee anschließen.
Dass die von der HTS dominierte Übergangsverwaltung in Damaskus die Dialogangebote der autonomen Selbstverwaltung von Rojava ignoriert, verstärkt den Eindruck, dass der Angriff auf Aleppo gemeinsam mit der türkischen Regierung geplant wurde. Foza Yusuf, Mitglied des Präsidialrats der PYD (Partei der Demokratischen Union), sprach in diesem Zusammenhang von einem „strategischen Fehler“ und erklärte, der Angriff sei von „externen Kräften aufgezwungen“ worden – ein deutlicher Hinweis auf die Rolle Ankaras.
Die SDF warnten in einer Stellungnahme, dass eine Fortsetzung der Angriffe Aleppos ganz Syrien in ein neues Kriegsgebiet verwandeln könne. Angesichts der Tatsache, dass die Gespräche Ankaras mit dem inhaftierten kurdischen Politiker Abdullah Öcalan stark an die Entwicklungen in Syrien und an die Frage der Integration der SDF gekoppelt sind, ist klar, dass die Offensive in Aleppo auch Auswirkungen auf diesen Prozess haben wird.
Wie der sogenannte neue Prozess zur Lösung der Kurdenfrage in der Türkei nicht losgelöst von regionalen Entwicklungen betrachtet werden kann, so ist auch der Angriff auf Aleppo nur im Kontext der regionalen Machtverschiebungen zu verstehen. Mehrere Punkte sind dabei entscheidend:
Erstens wurde am 10. März 2025 zwischen der HTS-Übergangsregierung und der autonomen Verwaltung von Rojava ein Rahmenabkommen zur Integration der SDF sowie zur Aufteilung von Kompetenzen und Ressourcen (Grenzübergänge, Erdöl) unterzeichnet. Das Abkommen kam unter Vermittlung der USA zustande – zu einem Zeitpunkt, als die HTS wegen Massakern an der alawitischen Bevölkerung massiv unter Druck stand. Ein zentrales Ziel war es, die Legitimationskrise der HTS und ihres Anführers al-Colani zu entschärfen. Sowohl die USA als auch die Türkei unterstützten das Abkommen, obwohl Ankara die SDF offiziell als „terroristisch“ einstuft.
Da es sich lediglich um ein Rahmenabkommen handelte, sollte die konkrete Umsetzung – und damit auch die Frage von Macht, Zuständigkeiten und Ressourcen – bis zum Jahresende durch gemeinsame Kommissionen geklärt werden. Faktisch bedeutete dies, dass die Kräfteverhältnisse vor Ort über den Ausgang entscheiden würden. Genau hierin lag auch das Interesse der türkischen Regierung: Zeit zu gewinnen, um die HTS zu stärken und den Kurdinnen und Kurden eine „Integration“ aufzuzwingen, die in Wahrheit auf Entmachtung und Zerschlagung hinausläuft. Vor diesem Hintergrund unterzeichneten die Türkei und die HTS im August auch ein Abkommen zur „militärischen Zusammenarbeit“.
Ein weiterer zentraler Punkt ist das Treffen zwischen Donald Trump und al-Colani am 10. November im Weißen Haus, nach dem die HTS-Übergangsregierung in die „Internationale Koalition gegen den IS“ aufgenommen wurde. Für die USA bedeutet dies größere militärische Handlungsfreiheit in Syrien und zugleich eine weitere Absicherung israelischer Interessen. Die Türkei und die HTS erhofften sich davon, die militärische und politische Abhängigkeit der USA von den SDF zu verringern und so den Druck auf die kurdische Selbstverwaltung zu erhöhen.
Parallel dazu einigten sich Israel und die syrische Übergangsregierung in Paris – unter Aufsicht der USA – auf einen Mechanismus zur Zusammenarbeit in Geheimdienst-, Militär-, diplomatischen und wirtschaftlichen Fragen. Die Übergangsregierung kam dabei nahezu allen Forderungen der USA und Israels nach, bis hin zur faktischen Preisgabe syrischer Ansprüche auf die Golanhöhen. Auch dies erklärt, warum Washington an der HTS festhält. Das Treffen des türkischen Außenministers Hakan Fidan mit seinem syrischen Amtskollegen Şeybani und dem US-Sondergesandten Tom Barrack unterstreicht die aktive Rolle Ankaras in diesem Prozess.
Vor diesem Hintergrund kalkuliert die türkische Regierung, dass eine Annäherung zwischen Israel und der HTS auch die Spannungen zwischen Ankara und Tel Aviv reduzieren und damit den Handlungsspielraum der SDF weiter einschränken könnte – ein Ziel, das auch den strategischen Interessen der USA entspricht.
Hinzu kommt, dass die jüngsten Gespräche zwischen einer kurdischen Delegation – darunter SDF-Kommandeur Mazlum Abdi – und der HTS in Damaskus ergebnislos blieben. Unmittelbar danach wurde der neue, von der Türkei unterstützte Angriffsplan offenbar aktiviert.
Angesichts der schweren Angriffe, bei denen auch Zivilisten und Kinder getötet wurden, beschränkten sich die USA erneut auf Appelle zur „Zurückhaltung“. Dies macht deutlich, dass Washington seine Kooperation mit den Kurdinnen und Kurden weiterhin auf das Gebiet östlich des Euphrat begrenzt und die Angriffe auf Aleppo zumindest vorerst hinnimmt. Trotz der wiederholten Behauptung der türkischen Regierung, die SDF seien „Werkzeuge Israels“, rief Israel im Zusammenhang mit den Angriffen die internationale Gemeinschaft dazu auf, nicht zu schweigen – ein Hinweis darauf, dass Tel Aviv zwar eigene Interessen verfolgt, sich dabei aber innerhalb der von den USA gesetzten Grenzen bewegt.
Das zentrale Problem ist daher nicht Israel, sondern die aggressive und reaktionäre Politik der türkischen Regierung und der HTS-Übergangsverwaltung gegenüber den Rechten und Errungenschaften der Kurdinnen und Kurden.
In den kommenden Tagen könnte die Eskalation ein Ausmaß erreichen, das die USA zu einem erneuten Eingreifen zwingt. Zugleich zeigen Äußerungen von MHP-Chef Devlet Bahçeli – etwa die Behauptung, Mazlum Abdi solle Öcalans Nachfolge antreten, oder der Aufruf an arabische Stämme östlich des Euphrat, sich gegen die SDF zu stellen –, wie sehr sich die Lage zuspitzt. In einem Land wie Syrien, das von ethnischer, religiöser und konfessioneller Vielfalt geprägt ist, passen die realen gesellschaftlichen Verhältnisse kaum zu dem Versuch, dem Land ein von al-Qaida geprägtes HTS-Modell überzustülpen. Die Gefahr, dass militärische Eskalation jede politische Verständigung blockiert, wächst damit erheblich.

