Der Fall Collien Fernandes hat nicht nur eine breite Bewegung gegen sexualisierte Gewalt im Netz ausgelöst, sondern dem bekannten Satz der Französin Giséle Pelicot neue Aktualität gegeben: „Die Scham muss die Seite wechseln!“. Dabei geht es jedoch nicht nur um den individuellen Täter, sondern um ein System, das Gewalt gegen Frauen nach wie vor ermöglicht und Strafverfolgung verhindert. Und es geht im Fall von Collien Fernandes plötzlich wieder um rassistische Zuschreibungen durch Bundeskanzler Merz.
Alev Bahadır
Am 19. März veröffentlicht der Spiegel eine lang vorbereitete Recherche, in der es um die Moderatorin Collien Fernandes geht. Sowohl in dem Artikel, als auch in dem wenige Stunden später von Fernandes’ Instagram Account veröffentlichten Erklärung erzählt sie, wie Jahre lang Fakeprofile von ihr erzeugt wurden, mit denen Pornos ins Internet gestellt und Kontakt mit diversen Männern aufgenommen wurde. Deepfakes (durch KI erzeugte realistisch wirkende Medieninhalte wie z.B. Videos), die vermeintlich Fernandes bei sexuellen Handlungen zeigten, wurden genauso herumgeschickt, wie der Täter Telefonsex mit künstlich veränderter Stimme, mit diesen Männern hatte. Fernandes geht bereits seit Jahren gegen diese Inhalte vor, ist in dem wenig sichtbaren Feld der digitalen Gewalt gegen Frauen zur lauten Stimme der Betroffenen geworden und hat auch an Dokumentationen zu dem Thema mitgewirkt. Was am 19. März allerdings erst neu in die Öffentlichkeit kam, war, dass Fernandes seit etwa 1 1/2 die Identität des Täters kennt: es war ihr damaliger Ehemann, Christian Ulmen.
„Du hast mich virtuell vergewaltigt“
Das Beispiel von Collien Fernandes ist extrem, aber keine Randerscheinung in der Gesellschaft. Ihr Ex-Mann Christian Ulmen galt lange Zeit als Vorzeige-Feminist, der sich bei der Kindererziehung der gemeinsamen Tochter aktiv einbrachte, damit Fernandes ebenfalls ihrem Beruf nachgehen könnte. Die beiden standen oft gemeinsam vor der Kamera. Bis Dezember 2024 war Fernandes nicht klar, dass das Leid, das sie all die Jahre bekämpfte, von ihrem eigenen Partner ausging. Erst nachdem die Moderatorin in Spanien, wo sie zuletzt gemeinsam lebten, Strafanzeige gestellt hatte, bekam es Ulmen mit der Angst zu tun und beichtete. Es habe ihn sexuell erregt, seine Frau zu demütigen, habe er ihr erklärt. Doch auch zu physischer Gewalt sei es laut Fernandes in der Vergangenheit bereits gekommen. Warum sie die Geschichte jetzt erst öffentlich mache, erklärte Fernandes mit den Worten der Betroffenen Giséle Pelicot: Die Scham muss die Seite wechseln. Pelicots Fall hatte in den vergangenen Jahren für eine Protestwelle und eine Debatte um sexualisierte Gewalt durch den Partner gesorgt. Ihr Ex-Ehemann hatte die Französin jahrelang unter Drogen gesetzt, sie im bewusstlosen Zustand von Fremden vergewaltigen lassen. Pelicot versteckte sich nicht, sondern zog vor Gericht und machte den Fall öffentlich. Die Message dahinter war klar: nicht sie sei die, die sich schämen und das Leid verheimlichen müsse, sondern er solle es sein, auf den das Licht der Öffentlichkeit falle. Er, der Täter solle sich schämen, nicht sie, das Opfer. Auch Fernandes machte deutlich, dass digitale Gewalt ein unterschätztes, aber ernstzunehmendes Problem sei. Im Spiegel machte sie es an Ulmen gerichtet deutlich: „Du hast mich virtuell vergewaltigt“.
Der Fall Fernandes macht vor allem einmal mehr die strukturelle Ebene der Gewalt deutlich. In Deutschland ist die Gesetzeslage gegen digitale Gewalt lückenhaft. KI generierte Inhalte fallen oft durchs Raster, es gibt keinen Straftatbestand der digitalen Gewalt, was die Verfolgung erschwert. Die Anonymität im Internet ist ohnehin ein Faktor dafür, dass solche Taten nicht ausreichend verfolgt werden, Gesetze greifen jedoch oft erst, wenn die Lage eskaliert – meist physisch. Was es mit insbesondere Frauen macht, wenn sie jahrelang gegen (falsche) Nacktbilder und Gewaltpornos von sich kämpfen müssen, die von unbekannten Tätern verbreitet werden, spiegelt sich nicht in der Gesetzeslage wider. Nicht umsonst hat sich Fernandes dafür entschlossen Strafanzeige in Spanien zu stellen, wo die Rechtslage für Frauen besser ist, als in Deutschland. Und so stellt sich einmal mehr die staatliche Struktur schützend vor Täter und erschwert Frauen, die Gewalt erlebt haben, dagegen vorzugehen. Denn die patriarchalen Strukturen leben davon, dass die Ungleichbehandlung und Spaltung von Mann und Frau bestehen bleibt. Collien Fernandes macht mit ihrer Rolle in der Öffentlichkeit auf dieses Problem aufmerksam, weil insbesondere Frauen, die diese Öffentlichkeit nicht haben, oft auf diese Hürden treffen, die ihnen den Kampf gegen Gewalt erschweren sollen. Die aktuellen Proteste fordern deshalb mehr Schutz von Frauen und eine verbesserte Gesetzeslage ein.
„Ein beachtlicher Teil der Gewalt kommt aus der Gruppe der Zuwanderer“
Ein deutscher Mann missbraucht seine Frau, die einen Migrationshintergrund hat. Doch trotzdem schafft es Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) einmal mehr diesen Umstand rassistisch und kuturell umzudeuten. In einer Debatte zum Thema Gewalt gegen Frauen im Bundestag erklärte der Bundeskanzler, dass es zur Wahrheit dazu gehöre, dass ein „beachtlicher Teil der Gewalt“ aus der „Gruppe der Zuwanderer“ komme. Nachdem Merz, der übrigens bei jedem wichtigen Gesetz zum Schutz von Frauen mit „Nein“ gestimmt hat, bereits in der Vergangenheit Frauenrechte dazu missbrauchen wollte, um Rassismus zu schüren, war es auch jetzt die Strategie. So kann man versuchen, abzulenken von dem Umstand, dass im Schutz von Frauen erheblich Einsparungen vorgenommen werden. Dass Projekte, die sich u.a. auch für Gleichstellung einsetzen, wie „Demokratie Leben“, weggespart werden. Dass Milliarden in Rüstung und Unternehmen wandert, während Frauenhausplätze und Beratung fehlen. Während Deutschland juristisch im Schutz von Frauen noch halb im Mittelalter hängt.
Diese Strategie hat bereits bei seiner „Stadtbild“-Aussage nicht funktioniert. Am Wochenende gingen tausende Frauen auf die Straße und demonstrierten gegen Gewalt an Frauen und gegen Rassismus. Die Scham auf eine andere Gruppe zu übertragen, während man selbst nichts tut, um Frauen zu schützen, wird nämlich nicht funktionieren.

