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Wenn die Berlinale plötzlich doch wieder politisch wird

Als „Gaza-Eklat“ betitelt die Tagesschau, was am Samstagabend bei der Preisverleihung der Berlinale passierte. Dass Regisseur Abdallah Alkhatib in seiner Rede eine unangenehme Wahrheit aussprach, macht sie nicht weniger richtig. Ganz besonders im Licht der Ignoranz der Palästina-Solidarität durch die diesjährige Film-Jury wirkt der Protest umso mehr.

Alev Bahadır

Am 21. Februar wurde der Film „Chronicles From the Siege“ (dt. Chroniken einer Belagerung) als bestes Spielfilmdebüt auf bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin (Berlinale) ausgezeichnet. Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib nutzte seine Rede, um auf das Verbrechen in Gaza und die Mitschuld Deutschlands aufmerksam zu machen: „Meine Worte an die deutsche Regierung: Ihr seid Partner des Genozids Israels in Gaza. Ich glaube daran, dass ihr intelligent genug seid, um zu wissen, dass das wahr ist. Aber ihr entscheidet euch für Ignoranz“. Zuvor machte Alkhatib deutlich, dass Palästina eines Tages frei sein und es irgendwann auch ein palästinensisches Filmfestival geben werde, bei dem die Politik vor dem Film, der Widerstand vor der Kunst kommen werde. Während der Preisverleihung war Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) zugegen. Er verlies während der Ansprache den Raum. 

Reaktionen und die Frage danach, was „inakzeptabel“ ist

Im Nachhinein gab es große Empörung. Von Seiten der Bundesregierung, von Berlins Oberbürgermeister Kai Wegner über den selbsternannten „Islam-Experten“ Ahmad Mansour bis zur CSU, alle sprachen von „Antisemitismus“ oder dass die Aussagen „inakzeptabel“ seien. Selbstverständlich, weil die Rede dem herrschenden Narrativ widerspricht, indem sie Deutschlands Rolle, das bis heute einen Genozid leugnet und sich bedingungslos hinter der rechtsradikale und kriegstreiberische Regierung Netanyahu stellt, aufzeigt. 

Fest steht: außerhalb von Deutschland ist der Vorwurf des Völkermords deutlich weniger umstritten. Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Ärzte ohne Grenzen, Human Rights Watch sprechen ebenso von einem Genozid wie das Physicians for Human Rights-Israel oder Genozid- und Holocaustforschern wie Omer Bartov oder Raz Segal, sowie eine lange Liste von Historikern, Völkerrechtsforschern uvm. Südafrika hat vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) ein Verfahren gegen Israel wegen Völkermords eingeleitet. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat einen Haftbefehl gegen den israelischen Staatschef Benjamin Netanyahu erlassen. Er muss sich wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Erst im September 2025 erklärte eine unabhängige Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats, dass Israel einen Genozid in Gaza begehe. UN-Generalsekretär António Guterres hatte das Vorgehen Israels bereits seit früh kritisiert. 

Der Vorwurf des Völkermords an den Palästinensern ist also keinesfalls aus der Luft gegriffen. Auch wenn es natürlich auch international Stimmen dagegen gibt, wiegen diese nicht so schwer, wie die oben genannten. Trotz Aufforderungen des IGH richten israelische Soldaten bis heute ihre Waffen gegen palästinensische Zivilsten. Laut offiziellen Zahlen wurden 71.000 Menschen in Gaza durch Angriffe des Militärs getötet. Nicht eingeschlossen sind diejenigen, die noch unter den Trümmern liegen oder die an Krankheit oder Hunger gestorben sind. Darunter sind zehntausende Kinder. Diese Zahl hat mittlerweile selbst das israelische Militär eingeräumt. Auch der angebliche Waffenstillstand hat nichts verändert. Nach wie vor werden Hilfsorganisationen blockiert und weiterhin Menschen von der IDF getötet. Immer wieder machten israelische Politiker deutlich, dass sich die Angriffe keinesfalls nur gegen die Hamas richten, sondern gegen das gesamte palästinensische Volk. Narrative wie „menschliche Schutzschilde“ „menschliche Tiere“ und die Übertragung der Verantwortung von der Hamas auf die gesamte Bevölkerung machen das deutlich. Die Zerstörungsabsicht ist ein wichtiger Grundpfeiler des Tatbestands Genozid. 

Und Deutschland?

Nicaragua hatte gegen Deutschland ebenfalls eine Klage wegen Begünstigung eines Völkermords beim IGH eingereicht, diese wurde mittlerweile abgewiesen. Doch deutlich ist, dass sich die deutsche Bundesregierung, große Teile der Medien uvm. ohne Einschränkungen hinter die israelische Regierung stellen. Vorgeschobene „Kritik“ an Netanyahu verpufft sehr schnell, wenn man betrachtet, dass die Bundesregierung in Zusammenhang mit den Verbrechen immer wieder von „Selbstverteidigung“ und dem „7. Oktober“ spricht. Kritik an Israel wird auf internationaler Bühne von Deutschland abgewehrt. Bundeskanzler Merz machte deutlich, dass Deutschland den Haftbefehl, der gegen Netanyahu vorliegt, nicht vollstrecken werde, sollte er nach Berlin kommen. In der Öffentlichkeit wird der Genozid geleugnet, bis auf wenige Ausnahmen wird von den deutschen Medien bis heute von einem „Krieg“ gesprochen, der impliziert, dass sich zwei Kriegsparteien entgegenstehen würden. So wird die extreme Zahl an toten Zivilisten „normalisiert“, schließlich gebe es nunmal in einem Krieg auch Opfer. Gleichzeitig wird jede Kritik an dem Vorgehen als „antisemitisch“ diffamiert, palästina-solidarischer Protest kriminalisiert.

Deutschland ist mit seiner Propaganda und seinen außenpolitischen Handlungen selbstverständlich mitverantwortlich. Gleichzeitig gibt es eine sehr reale physische Komponente: Nach den USA ist Deutschland der zweigrößte Waffenlieferant an Israel. Auch wenn diese Lieferungen kurzzeitig ausgesetzt waren, weil der Druck im Angesicht der offenen Verbrechen gegen die Menschen in Gaza zu groß war, werden seit der vermeintlichen „Waffenruhe“ wieder Rüstungsgüter nach Israel exportiert. Somit wird deutlich: Alkhatibs Vorwurf, dass Israel einen Völkermord begehe und Deutschland diesen unterstütze, ist wahr und keinesfalls „Propaganda“ oder „Antisemitismus“.

Wer entscheidet, wann Kunst politisch ist?

Vor zwei Jahren wurde ebenfalls bei der Berlinale die Dokumentation „No Other Land“ ausgezeichnet. Damals benannte der israelische Co-Regisseur Yuval Abraham, das was in Israel passiert als „Apartheid“. Prompt regnete es auch hier Empörung von den gleichen Seiten wie heute. Die damalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth nahm sogar ihren Applaus für die Auszeichnung im Nachhinein zurück. Betonte, dass dieser nur Yuval Abraham (der den Apartheidsvorwurf formuliert hatte, aber Israeli ist) und nicht dem Co-Regisseur Basel Adra (der Palästinenser aus dem Westjordanland ist) gegolten habe. Eine Aussage, die an Lächerlichkeit nicht zu überbieten ist.

De facto gab es schon immer politische Positionierungen auf der Berlinale. Doch würde es nach den Ausrichtern gehen, sollte diese sehr selektiv bleiben. In der Vergangenheit hatte sich die Festivalleitung z.B. solidarisch mit der Ukraine erklärt, russische Delegationen wurden ausgeschlossen. Auch von Seiten der Jury gab es Solidaritätsbekundungen mit der Ukraine. Auch gegen die Repressionen im Iran bezog die Berlinale in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Stellung. Genauso spielten Themen, wie Rechtsradikalismus, LGBTIQ-Rechte oder die Black-Lives-Matter Bewegung eine Rolle bei den Filmfestspielen. 1970 wurde die Berlinale abgesagt, weil die Jury aus Protest zurücktrat. Anlass war, dass der Film „o.k“, der die US-Verbrechen in Vietnam thematisierte, aus dem Wettbewerb genommen wurde. Kunst ist durchaus politisch und die Berlinale insbesondere ist ein politisches Festival, wie die Vergangenheit zeigt. 

Umso befremdlicher war die Debatte, die zu Beginn der Berlinale geführt wurde. Auf Nachfrage von Journalist Tilo Jung zur Solidarität mit den Menschen in Palästina, verstrickten sich mehrere Jurymitglieder in Aussagen, wie dass sich Filme und Filmemacher „aus der Politik raushalten sollen“. Eben weil diese Aussage vollkommen konträr zur Festivalgeschichte steht, sorgte sie für Kritik. Daraufhin richteten sich über 80 Filmschaffende in einem offenen Brief an die Festivalleitung und kritisierten das „institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinensern“. Mehrere Kulturschaffende bezogen immer wieder während des Festivals Stellung. In Reden, wie in der des Regisseurs Emin Alper, wurde immer wieder Solidarität mit dem palästinensischen Volk ausgesprochen und gleichzeitig betont, dass die Berlinale ein politisches Festival sei. Aber auch im Nachgang zu Alkhatibs Rede ging es darum, ob Kunst sich so positionieren dürfe.

Kultur, Berichterstattung, Wissenschaft. Nichts hiervon ist „neutral“ oder hat es zu sein. Neutralität ist ein Damoklesschwert, das vor allem geschwungen wird, wenn Aussagen nicht zum herrschenden Narrativ passen. Während die Festivalleitung der Berlinale also explizit erwarten kann, dass es eine politische Positionierung hinsichtlich der Ukraine geben muss, kann sie verhindern wollen, dass gleiches im Zusammenhang mit Gaza passiert. Neutralität ist keine Maxime, die Kunst anstreben sollte, vor allem wenn sie selektiv verhängt werden soll. Dass Filmemacher die Bühne nutzen, um Verbrechen anzuprangern, ist also keinesfalls ein Eklat, sondern ihre Pflicht.

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