Lina Rothkegel ist Schülerin aus Berlin. Seit 2023 ist sie in der Schülergruppe des Internationalen Jugendverbands aktiv und seit kurzem Mitglied der Lautschrift-Redaktion. Lina war in den vergangenen Jahren in ihrer Schule in der Schülervertretung. Wir haben mit ihr über die Wehrpflicht und ihre Bedeutung für Jugendliche, gesprochen.
Was ist der aktuelle Stand in der Diskussion um die Wehrpflicht und was bedeutet das für Jugendliche?
Momentan gibt es einen Gesetzesentwurf, dass alle Jungs in meinem Alter, also ab Jahrgang 2008 verpflichtend einen Fragebogen ausfüllen und ab 2027 zur Musterung gehen müssen.
Durch möglichst hohe Löhne und sehr attraktive Ausbildungsangebote soll uns Jugendlichen der Dienst an der Waffe schmackhaft gemacht werden. Und wenn das nicht reichen sollte, um viele junge Menschen dazu zu motivieren, den Wehrdienst zu absolvieren, soll eine Bedarfs-Wehrpflicht eingeführt werden. Das heißt, wenn sich nicht genug Leute freiwillig melden, wird es zur Pflicht, bis das Ziel von 260.000 Soldaten und 200.000 Reservisten erreicht ist. Was das für die Jugend bedeutet, ist für uns offensichtlich: Wir sollen ausgebildet werden, in einem Krieg zu kämpfen, unseren Kopf hinzuhalten, nicht für unsere, sondern politische und ökonomische Interessen deutscher Konzerne. Niemand von uns möchte einen Krieg, niemand von uns möchte an die Front oder sich überhaupt ausmalen, wie so ein “Ernstfall” aussehen würde. Wie es wäre, gegen Menschen im selben Alter mit denselben Träumen zu kämpfen. Eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht beschäftigt uns alle sehr und Gespräche, was es bedeutet, zu verweigern und ob man um diese Musterung herum kommt, finden jeden Tag statt. Die Politiker können nicht einfach so über unsere Köpfe hinweg über unsere Zukunft entscheiden und wir nehmen das auch nicht so hin. Trotzdem habe ich Mitschüler, die meinen, dass sie für 2.700€ brutto pro Monat – so viel verdient ein Einsteiger bei der Bundeswehr – sofort den Dienst antreten würden. Das ist genau das, was die Bundeswehr durch viel Werbung erreichen möchte. Die Perspektivlosigkeit der Jugend, die durch den immer weiter voranschreitenden Sozialabbau entsteht, wird ausgenutzt. Gerade zurzeit stellt es eine große Schwierigkeit dar, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, wo das Gehalt zum Leben reicht. Die Löhne sinken und die Angst um eine Zukunftsperspektive steigt, weshalb viele das Angebot in der Bundeswehr auch als bessere Option wahrnehmen. Die Militarisierung, passiert nicht in unserem Interesse oder um uns eine gute Zukunft zu ermöglichen. Im Gegenteil, sie verbaut uns die Zukunft.
Welche Forderungen hat der IJV bezüglich der Wehrpflicht? Es gibt ja auch die Möglichkeit eines Zivildienstes…
Man kann sich nicht einfach mit dem Zivildienst zufrieden geben, denn auch mit der Möglichkeit, selbst zu verweigern, schreitet die Militarisierung in Deutschland und anderen Ländern weiter voran. Außerdem ist der Zivildienst, wie er im Gesetzesentwurf vorgesehen ist, nichts weiter als die Ausbeutung von jungen Menschen als Arbeitskräfte, die nicht gut bezahlt werden. Würde es um ein Interesse gehen, Berufe im sozialen Bereich zu fördern, würde mehr Geld in Soziales statt in die Bundeswehr investiert werden. Doch die Wiedereinführung der Wehrpflicht muss im Kontext der Militarisierung verstanden werden. Überall sollen wir auf den Krieg vorbereitet werden. Statt uns die Zukunft zu verbauen, das Geld in die Aufrüstung zu stecken, sollte in Bildung und Soziales investiert werden. Wir brauchen keine kriegstüchtige Jugend, sondern eine, die nach ihren Bedürfnissen eine Zukunft gestalten kann, in der es sich zu leben lohnt. Statt in einem Krieg zu kämpfen, der nicht unserer ist, kämpfen wir gegen die Aufrüstung.
Überall wird der Eindruck erweckt, dass die Jugend Deutschland nun vor einem drohenden Krieg verteidigen müsse. Wie schätzt ihr das ein?
Natürlich wird die Angst geschürt, dass Angriffe bevorstehen würden, um die Bevölkerung für sich zu gewinnen und noch mehr aufzurüsten. Wenn von SPD bis CDU der Konsens herrscht, dass Aufrüstung zu Sicherheit führen würde, ist das vollkommen absurd. Aus der Geschichte haben wir bereits gelernt, dass mehr Waffen und das Vorbereiten auf einen Ernstfall nicht zu Frieden und Sicherheit führen, sondern die Kriegsgefahr erhöhen. Die Stationierung von US-Langstreckenraketen in Deutschland beispielsweise macht Deutschland vielmehr zum Ziel eines möglichen Angriffs. Wenn die Bundesregierung uns Jugendliche in den Krieg schickt, verteidigen wir nicht uns. Und auch nicht unsere Sicherheit, Demokratie oder Meinungsfreiheit. In einem Krieg geht es nicht um die Verteidigung von Werten, es geht um politische und ökonomische Interessen. Die Kriegsbereitschaft unter Jugendlichen soll immer größer werden und dabei hilft natürlich eine Rhetorik, wie: „Ihr könnt euch glücklich schätzen, in einem so tollen Deutschland aufgewachsen zu sein. Jetzt geht kämpfen dafür“. Davon lassen wir uns aber nicht einschüchtern. Unsere Rechte und Freiheiten sind durch soziale Kämpfe erkämpft worden, nicht durch blutige Kriege.
Dass Russland vor der Tür stehe und nur darauf warte, ein EU-Land wie Deutschland anzugreifen, es eine Bedrohung sei, diese Angst wird permanent geschürt. Russland befindet sich aber in keiner Situation, militärisch und wirtschaftlich davon zu profitieren, jetzt Deutschland oder ein NATO-Land anzugreifen. Wenn Drohnen gesichtet werden, verbreiten die Medien den Verdacht, dass diese aus Russland kommen extrem schnell und als wäre dies eine bewiesene Tatsache. Uns muss aber klar sein, dass so eine Bedrohungslage von allen Seiten genutzt wird, um Aufrüstung zu legitimieren, während das Wettrüsten auf allen Seiten die Kriegsgefahr weiter erhöht.
Was plant ihr konkret als Nächstes?
Momentan bilden viele Schüler gemeinsam Gruppen. Ob hier in Berlin oder in weiteren Städten in Deutschland. Das konkreteste Ziel momentan ist, möglichst viele für den Schulstreik am 5. Dezember zu mobilisieren. Am 5. Dezember soll im Bundestag das neue Wehrdienstmodell beschlossen werden, obwohl der Großteil der Jugendlichen sich klar dagegen ausspricht.
Wir planen, in und an Schulen, Flyer zu verteilen und in Schülerzeitungen unsere Meinung klar zu machen und mit unseren Mitschülern zu teilen. Dabei bleibt es aber nicht. Mit den Leuten aus den Streikkomitees der Schulen können wir zusammenkommen und weitere Protestaktionen planen, wie beim Bündnis “Nein zur Wehrpflicht”. Was klar ist, ist, dass wir uns nicht einreden lassen, all das wäre unvermeidbar. Wir werden unsere Stimme nutzen.
In vielen Städten sind auch schon Folgeveranstaltungen nach dem Streiktag geplant, bei denen wir uns nicht nur mit unseren Mitschülern und Freunden, sondern auch mit anderen Gruppen austauschen, wie wir gemeinsam gegen die Wehrpflicht aber auch generell gegen Aufrüstung und Militarisierung aktiv werden können.
Außerdem kommen wir auch Anfang nächsten Jahres vom 09.-11.01.26 wieder am Luxemburg-Liebknecht-Wochenende bundesweit zusammen, um den Kampf gegen Krieg und Aufrüstung, den Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht geführt haben, weiterzuführen und den beiden zu gedenken.

