Am vergangenen Sonntag haben mehrere zehntausende Menschen am internationalen Frauentag demonstriert. Auch wenn die Zahlen in den vergangenen Jahren immer hoch waren, sticht dieses Jahr besonders heraus. Mit 30.000 Teilnehmenden in Berlin und vielen weiteren Tausend in Städten wie Hamburg, München oder Köln war das Bild der Demonstrationen vor allem von jungen Frauen geprägt. Eine Tatsache, die sich nicht einzig und allein mit „gutem Wetter“ erklären lässt.
Alev Bahadır
In der Vergangenheit gab es immer wieder Aufschwünge bei den 8. März-Demonstrationen, insbesondere wenn Frauenrechte auf der Kippe standen und es große Bewegungen zu Frauenthemen gab. So z.B. als Donald Trump das erste Mal US-Präsident wurde und somit der Anführer der sogenannten „freien Welt“ ganz offen und ohne jeden Versuch es zu verbergen ein sexistischer Chauvinist wurde. Oder als die „Me too“-Bewegung in nie zuvor dagewesenem Maß die weltweite Dimension von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch aufzeigte. Oder als in Deutschland Kämpfe gegen die Medizinerin Kristina Hänel nach §219a im Strafgesetzbuch fürs „Werben für Schwangerschaftsabbrüche“ verurteilt wurde und eine neue Bewegung gegen die Kriminalisierung von Abbrüchen entstand. Die diesjährige Demonstration hat einmal mehr gezeigt, dass nun auch so eine Zeit der Umbrüche und Bewegung ist – und die Frauen in Deutschland nicht tatenlos zusehen wollen.
Die Veröffentlichung der sogenannten Epstein-Files hat weltweit eingeschlagen wie eine Bombe. Die Enthüllungen haben eine tiefe Erschütterung, Angst und Wut ausgelöst – über mächtige Männer, die vor allem junge Frauen, eigentlich Kinder, missbraucht haben und dennoch über Jahre hinweg ungeschoren davonkamen. Dass selbst höchste politische Kreise damit in Verbindung gebracht werden, hat das Gefühl verstärkt, dass die Mächtigen sich gegenseitig schützen, während die Opfer allein gelassen werden.
Auch der Fall von Gisèle Pelicot in Frankreich hat international für Aufsehen gesorgt und zumindest die europäische Öffentlichkeit tief getroffen. Auf vielen Demonstrationen war ihr Satz zu lesen: „Die Scham muss die Seiten wechseln.“ Dieses Zitat wurde auf zahlreichen Schildern bei den Demonstrationen am 8. März getragen und drückte das wachsende Bewusstsein aus, dass Gewalt gegen Frauen kein individuelles Problem ist, sondern ein gesellschaftliches.

Foto: Eren Gültekin / Berlin
Gegen Krieg, Rassismus und Sozialabbau
Beim 8. März sind deshalb viele Themen aufgekommen, die Frauen beschäftigen. Sei es der andauernde Genozid in Palästina, bei dem in unbeschreiblichem Maß Frauen und Kinder ermordet werden. Oder der Angriff auf Rojava, das mit seinen weiblichen Kämpferinnen und ihren zu Zöpfen geflochtenen Haaren für die Kämpfe von Frauen für Selbstbestimmung und gegen Terror steht. Oder die jüngsten Völkerrechtswidrigen Angriffe auf den Iran durch die USA und Israel. Der Iran, der unweigerlich mit der gewaltsamen Ermordung von Jina Mahsa Amini durch das islamistische Regime verbunden ist. Dass bei einem der ersten Angriffe auf den Iran ausgerechnet eine Mädchengrundschule getroffen wurde, macht die Grausamkeit der Tat nur noch greifbarer. Die andauernden und immer weiter eskalierenden Kriege beschäftigen Frauen so auch in Deutschland. Vermutlich würde man viele von ihnen, die am Sonntag auf der Straße waren, nicht unbedingt bei einer Palästina- oder Irandemonstration treffen. Doch am 8. März spielt die Tatsache, dass Frauen weltweit ohne Sicherheit und Frieden leben müssen, zusammen mit anderen Faktoren zusammen.
So dass auch ihre ökonomische und politische Situation in Deutschland auch immer schwieriger wird. Während Reallöhne gleich bleiben, aber Lebenshaltungskosten immer weiter steigen, sind es bis heute Frauen, die vor allem in atypischen Beschäftigungen arbeiten. Sie füllen Regale im Supermarkt auf, pflegen alte Menschen in Heimen oder erziehen Kinder im Kindergarten. Das alles oft für niedrige Löhne und unter extremen Personalmangel. Die seit letztem Jahr bestehende, von der CDU geführte Bundesregierung tritt ihre Rechte noch viel offensichtlicher und unverdeckter, als es die Ampelregierung noch tat. Renteneintrittsalter sollen erhöht, Arbeitszeiten verlängert werden. Teilzeit wird als „Lifestyle“-Entscheidung betitelt, wo sie für Frauen, die meist für die Carearbeit zuständig sind, brutale Realität ist. Die Politik macht Wahlkämpfe, voll von Rassismus und Vorurteilen, auf dem Rücken von Migranten und wenn Bundeskanzler Merz angesprochen wird, wie er das mit dem „Stadtbild“ denn meine, grinst er in die Kamera und erklärt: „Fragen Sie doch ihre Töchter“. Wer solche Väter hat, braucht jedoch keine „schützende“ männliche Hand, die Frauenrechte instrumentalisiert, um ihre spaltende Politik fortzuführen.
Und als reiche das alles nicht, wird im letzten Atemzug des baden-württembergischen Wahlkampfs ein Video veröffentlicht, in dem der CDU-Spitzenkandidat von einer 16-jährigen Schülerin schwärmt und anschließend vom „Gegen“-kandidaten von den Grünen noch in Schutz genommen wird.

Foto: Eren Gültekin / Berlin
„Der Staat schützt uns nicht“
Für viele junge Frauen mag der 8. März 2026 vielleicht der erste Tag gewesen sein, an dem sie auf einer Demonstration waren. Das Bewusstsein allerdings ist klar: Der Staat ist es nicht, der Frauenleben schützt – im Gegenteil. Mit seiner Beteiligung an Kriegen weltweit leiden Frauen auf dem gesamten Planeten unter Armut, Gewalt und Tod. Mit der Kürzung der Mittel im Etat für Frauenschutz wird das Leben der Frauen der Aufrüstung und Profitgier der Mächtigen geopfert. Mit dem Rassismus und Chauvinismus der Herrschenden sollen die Werktätigen dieses Landes, egal welchem Geschlecht sie angehören, gespalten werden. Doch was nicht folgt ist Resignation und Stillstand, sondern Wut, Entschlossenheit und Bewegung.
Die Bewegungen wachsen. Sei es die Friedensbewegung und mit ihr auch vergangene Woche 50.000 Schülerinnen und Schüler gegen die Wehrpflicht. Oder die antirassistischen Kämpfe, die von tausenden ausgefochten werden und nun auch, das ist deutlich geworden, die Frauenbewegung, die einmal mehr gezeigt hat, dass sie bereit ist zu kämpfen für Gleichberechtigung, Sicherheit und internationale Solidarität.

