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30 Jahre DIDF-Jugend: Bundeskonferenz

Vom 27. Februar bis 1. März findet die Bundeskonferenz der DIDF-Jugend statt. Gleichzeitig feiert die DIDF-Jugend dieses Jahr ihr 30-jähriges Bestehen. Wir haben mit Roylan Tolay vom Bundesvorstand über die Konferenz und das Jubiläum gesprochen. 

Eure Bundeskonferenz steht bevor. Wie bereitet ihr euch darauf vor und welche Themen werden dort von euch behandelt?

Wie bei jeder Vorbereitung auf unsere Bundeskonferenz sammeln wir die Erfahrungen aus den Ortsgruppen, um gemeinsame Schwerpunkte für die kommende Zeit festzulegen. Inhaltlich setzen wir dabei einen klaren Fokus auf unsere Ansprache über die Junge Stimme sowie auf unsere Sport- und Kulturangebote. Formate wie Fußballturniere, Halayabende, Filmabende oder Konzerte verstehen wir bewusst als niedrigschwellige Räume, um Gemeinschaft aufzubauen und neue Jugendliche zu erreichen. Gerade weil Kultur immer mehr zur Geldfrage wird, schaffen wir eigene, für alle zugängliche Angebote. Diese Räume sind dabei ausdrücklich politisch: Hier bringen wir Alltagserfahrungen zusammen und setzen Zeichen gegen Rassismus, Militarisierung und Sozialabbau. Ein zentrales Beispiel sind die „Çay & Baklava“-Formate. Mit einer einfachen Ansprache haben wir damit hunderte Jugendliche erreicht. Sie kamen nicht wegen des Essens, sondern wegen des großen Bedürfnisses nach Austausch, Gemeinschaft und dem Gefühl, nicht allein zu sein. Viele erleben Diskriminierung, Leistungsdruck, finanzielle Sorgen und Zukunftsängste und fühlen sich von klassischer Politik nicht abgeholt. Schnell wurde klar: Das sind geteilte Erfahrungen. Gleichzeitig konnten wir viele neu aus der Türkei zugewanderte Jugendliche erreichen und Trennlinien nach Herkunft oder Glauben aufbrechen. Darauf haben wir aufgebaut, indem wir die Teilnehmenden direkt in die Planung weiterer Aktivitäten und die Organisierung an den Hochschulen eingebunden haben. Genau solche Formate wollen wir auf der Bundeskonferenz auswerten und weiterentwickeln. Dort werden wir außerdem ein aktualisiertes gemeinsames Selbstverständnis verabschieden, das unsere 30 Jahre Organisierung bündelt und unsere Ansprache nach außen klarer und gezielter macht.

Warum braucht es die DIDF-Jugend auch nach 30 Jahren noch?

Dass es die DIDF-Jugend seit mittlerweile 30 Jahren gibt, zeigt vor allem eines: Die Probleme, wegen derer wir uns damals organisiert haben, sind nicht verschwunden – sie haben sich verschärft. Wir erleben täglich, wie türkeistämmige Jugendliche für Krisen verantwortlich gemacht werden, unter denen wir selbst leiden. Steigende Mieten, fehlende Ausbildungsplätze oder kaputtgesparte Schulen werden nicht als politisches Versagen benannt, sondern Migration wird zum Sündenbock gemacht.

Diese Verschiebung spüren wir ganz konkret: bei Bewerbungen, bei der Wohnungssuche, in der Schule, durch Blicke und Kontrollen. Statt über Sozialabbau, schlechte Arbeitsbedingungen und wachsende Ungleichheit zu sprechen, werden wir problematisiert. In Politik und Wirtschaft zählt zunehmend nur noch, wie „nützlich“ Menschen für den Arbeitsmarkt sind: Willkommen ist, wer billig arbeitet, unerwünscht ist, wer Schutz vor Krieg, Gewalt und Repression sucht. Gleichzeitig erleben wir eine zunehmende Militarisierung. Viele von uns kennen die Folgen von Krieg und Flucht aus den Herkunftsgeschichten unserer Familien. Hier sehen wir, wie Jugendliche aus türkeistämmigen Familien gezielt von der Bundeswehr angesprochen werden, weil ihnen Perspektiven fehlen.

Diese Entwicklungen gehen mit einer gefährlichen Spaltung einher. Sie verläuft längst nicht mehr nur zwischen „deutsch“ und „nicht deutsch“. Parallel wächst der Einfluss türkischen Nationalismus, der den hier erlebten Rassismus aufgreift und einfache Antworten liefert: nationale Identität statt gemeinsamer Kämpfe hier. So werden wir entlang von Herkunft, Religion und Ethnie gespalten – in Türken, Kurden, Aleviten oder Sunniten. Konflikte werden importiert, die nichts mit unseren realen Lebensbedingungen in Schule, Betrieb oder Uni zu tun haben.

Gerade deshalb ist es heute notwendiger denn je, dass wir uns als türkeistämmige Jugendliche bewusst organisieren. Den Begriff „türkeistämmig“ nutzen wir dabei ausdrücklich, um Jugendliche mit Wurzeln im geografischen Raum der Türkei zusammenzubringen – unabhängig von ethnischer oder religiöser Zuschreibung. Unser 30-jähriges Bestehen fällt in eine Zeit, in der der Bedarf an Selbstorganisation nicht kleiner, sondern größer geworden ist. Genau deshalb braucht es uns heute dringender denn je.

⁠Was plant ihr konkret dieses Jahr? 

Dieses Jahr ist für uns nicht nur Jubiläum, sondern auch ein Jahr voller Bewegung und Kämpfe. Weltweit gehen Menschen auf die Straßen, um ihre Unzufriedenheit zu zeigen – und genau daran knüpft unser 30-jähriges Bestehen an. In der letzten Sonderausgabe der Jungen Stimme haben wir unsere Geschichte, unsere Kämpfe und unsere heutigen Aufgaben zusammengeführt. Sie zeigt, warum unsere Organisierung nicht nur „immer noch“, sondern gerade jetzt notwendig ist. Wir sprechen damit gezielt Türkeistämmige an, die sich oft fragen, ob politisches Engagement überhaupt Sinn macht, und die von Leistungsdruck, Existenzängsten, Rassismus oder ihrem Umfeld täglich gebremst werden.

Ein zentraler Schwerpunkt in diesem Jahr ist unser internationales Jugendcamp vom 31. Juli bis 9. August 2026. Jugendliche aus unterschiedlichsten Ländern kommen zusammen, um Solidarität praktisch zu erleben – durch politischen Austausch, gemeinsames Lernen, Diskussionen, Kreatives, Workshops, Sport, Musik, Theater oder Film. Gerade in Zeiten von Krieg, Aufrüstung und sozialer Unsicherheit zeigt das Camp: Unsere Probleme sind keine nationalen Einzelfälle, und als internationale Jugend können wir gemeinsame Antworten entwickeln. Auch unsere Festivals spielen eine wichtige Rolle. Sie sind weit mehr als Feiermomente: Wir kommen mit tausenden jungen Menschen in Kontakt, verbreiten unsere Inhalte, erreichen neue Leute und setzen ein klares Zeichen für Zusammenhalt, Frieden und Solidarität.

Insgesamt geht es uns 2026 darum, unsere Werkzeuge – Publikationen, Camps, Festivals und Kulturformate – gezielter zu nutzen, noch mehr Türkeistämmige zu erreichen und deutlich zu machen: Gerade jetzt ist es wichtig, sich zu organisieren. Wir tun das seit 30 Jahren und werden auch weiterhin auf jeden Spaltungsversuch mit unserer Organisierung antworten.

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