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„Klassengesellschaft akut“

Prof. Dr. Nicole Mayer-Ahuja ist Professorin für Soziologie mit den Schwerpunkten Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft an der Universität Göttingen. Vor kurzem erschien ihr Buch „Klassengesellschaft akut“. Wir haben mit ihr über Solidarität, Spaltung und soziale Bewegungen gesprochen.

Frau Mayer-Ahuja, in Ihrem Buch Klassengesellschaft akut beschreiben Sie, wie Solidarität erschwert wird. Wo genau verlaufen Spaltungslinien? Ist das nur ein Trend oder verbirgt sich dahinter was Tieferes? 

Das tiefere Problem heißt Kapitalismus. Die Klassengesellschaft, in der wir leben, bezieht ihre Dynamik aus Unterschiedlichkeit und Konkurrenz. Nicht nur Unternehmen konkurrieren ständig miteinander, sondern auch arbeitende Menschen: um Arbeitsplätze, Beförderung, interessante Projekte, Lebenschancen. Das ist ein allgegenwärtiger Kampf aller gegen alle. Deshalb ist Spaltung die Regel – Einheit und Solidarität sind die Ausnahme. Sie müssen und können erkämpft werden, aber immer drohen Rückschläge, wenn sich die Logik des Systems durchsetzt.

Die politische Rechte (ob AfD oder CDU/CSU) treibt diese Logik auf Spitze: Sie geht von der Ungleichheit der Menschen aus, etwa wenn sie argumentiert, Muslim*innen seien „anders“ und passten nicht ins Stadtbild. Sie befeuert die Spaltung zwischen Lohnabhängigen, indem sie gegen diejenigen hetzt, die nicht in Deutschland geboren sind, Bürgergeld beziehen, angeblich hohe Renten auf Kosten der Jungen einstreichen oder durch „Blaumachen“ die Krankenversicherung belasten. 

Eine solidarische Politik der Arbeit muss gegen diese Logik angehen: Weil sie von der Gleichheit der Menschen ausgeht, für Menschenwürde und Emanzipation steht. Das macht sie unverzichtbar – und so schwer durchzusetzen.

Wo verlaufen die Spaltungslinien? Kreuz und quer durch die arbeitende Klasse: zwischen Alt und Jung, Mann und Frau, Einheimischen und Zugewanderten, hoch und gering Qualifizierten oder zwischen Lohnabhängigen mit Job und jenen, die arbeitslos sind. Diese Spaltungen sind nicht einfach nur da. Sie werden von Unternehmen gezielt genutzt, um Konkurrenz anzufachen und Solidarität zu verhindern – und werden damit weiter vertieft. Wenn Frauen oder migrantische Beschäftigte als billige Arbeitskräfte eingesetzt werden, entsteht objektiv Druck auf die Löhne von männlichen, einheimischen Beschäftigten. Reagieren Gewerkschaften darauf mit Kampagnen gegen „Billigkonkurrenz“, mobilisieren sie faktisch eine Gruppe von Beschäftigten gegen die andere. Aber es geht auch anders: Indem man gemeinsam gute Löhne für alle erkämpft. 

Unternehmerische „Teile und Herrsche“-Politik kann auch bedeuten, dass gezielt Beschäftigte eingestellt und getrennt voneinander eingesetzt werden, die sich sprachlich nicht verständigen können. Für ein Logistikunternehmen beschreiben Richard Detje und Dieter Sauer, wie ver.di Vertreter*innen jeder dieser Herkunftsgruppen mobilisiert hat, um die Wahl eines Betriebsrats zu erkämpfen. Das gelang – gerade weil die Beschäftigten in jeder dieser Gruppen durch Herkunft und Sprache eng verbunden waren. 

Trotz kapitalistischer Bedingungen ist eine solidarische Politik der Arbeit möglich. Man muss nach Ansatzpunkten dafür suchen und sie gegen diejenigen durchsetzen, die gegensätzliche Interessen haben.

Frau Mayer-Ahuja sind wir nicht schon in Bewegung? Vor zwei Jahren zu dieser Zeit waren etwa zwei Millionen Menschen gegen die Remigrations-Pläne auf den Straßen, letztes Jahr wieder Hunderttausende, als es um gemeinsame Abstimmungen von Merz und der AfD ging. Wird diese Frage auf der Straße ausgetragen oder muss sich etwas anderes tun?

Es war großartig, dass die moralische Entrüstung über das Remigrationsgerede so viele Menschen auf die Straßen gebracht hat! Ein paar Wochen später wurde dann allerdings eine neue Bundesregierung gewählt, ausgerechnet Friedrich Merz wurde Kanzler. Seitdem werden regierungsamtliche Gewaltphantasien in der Migrationspolitik ungesetzt: Zurückweisungen an den Grenzen, Abschiebungen in Bürgerkriege, gegen europäisches und internationales Recht – immer mit dem Argument, man könne so die AfD stoppen. Dabei gewinnt nur das Original. 

Weil moralische Empörung schnell verpufft, brauchen wir eine nachhaltigere politische Mobilisierung, die an den Alltags- und Arbeitserfahrungen von Beschäftigten ansetzt. Leider werden diese bislang vor allem von rechts instrumentalisiert. Die Konkurrenz um Arbeit und in der Arbeit wächst? Dann Ausländer raus! Man arbeitet ständig am Limit und hört von Vorgesetzten: es geht nicht anders, der Markt will das so? Dann mehr Druck auf Geflüchtete, die auf der faulen Haut liegen. Sozialversicherung und Kommunen drohen bankrott zu gehen? Dann Zuwanderung in den Sozialstaat stoppen und gegen migrantische Beschäftigte hetzen, die im Niedriglohnsektor die schwere Arbeit machen, die sonst niemand will.

Aber in jedem Kopf stecken unterschiedliche Identitäten. Weil man eben nicht nur Teil einer Nation, sondern auch Teil der arbeitenden Klasse ist, die arbeiten gehen muss, um ihre Existenz zu sichern, können Alltags- und Arbeitserfahrungen zur Grundlage für eine solidarische Politik der Arbeit gemacht werden. Lohnabhängige können erkennen, welche Interessen sie als Lohnabhängige verbinden – und dass die wichtigste Spaltungslinie zwischen Kapital und Arbeit verläuft, ganz im Sinne von Bertolt Brecht: „Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“. Ziel muss sein, das „Wir“ der Lohnabhängigen zu erweitern – und das ist möglich, 

  • weil alle abhängig Beschäftigten das Problem haben, ihre Arbeitskraft möglichst durchgehend verkaufen zu müssen, fremden Reichtum zu mehren und einen Großteil des Lebens in Unternehmen zu verbringen, wo es nicht demokratisch zugeht, weil statt der Mehrheit das Management entscheidet, was und wie gearbeitet wird;
  • weil man selbst in Unternehmen, die ihre Belegschaft durch Outsourcing zerschlagen, im Arbeitsprozess kooperiert und die Stammbelegschaft in der Fabrik genauso wenig ohne Leiharbeiter*innen auskommt wie die Pflegekräfte im Krankenhaus ohne die Kolleg*innen im ausgelagerten Reinigungsdienst;
  • weil alle Lohnabhängigen auf soziale Sicherung und öffentliche Dienste angewiesen sind und es sie Lebenschancen kostet, wenn staatliche Kassen leer sind, weil man Reiche kaum besteuert und die Schuldenbremse die Budgets für Arbeit, Gesundheit oder Wohnen stranguliert. Stattdessen werden Milliarden in Sondervermögen für Rüstung gepumpt. Das ist nicht im Interesse arbeitender Menschen – denn im Krieg steigen die Profite, und die Proletarier fallen (Rosa Luxemburg);
  • und weil es gerade in Arbeitskämpfen nicht darauf ankommt, wo man herkommt, sondern wo man hinwill: dass man zusammen für bessere Löhne, menschengerechte Arbeitsbedingungen, planbare Perspektiven für sich und die Kinder kämpft.

Bei Solidarität geht es immer um Grenzziehung: Wer ist „wir“ – wer unser Gegenüber? Wer teilt unsere Interessen – wer vertritt gegensätzliche? Doch wo diese Grenze verläuft, ist eine Frage von Politik. 

Im Betrieb ist das offensichtlich: Der Unterschied zwischen Beschäftigten mit und ohne Migrationserfahrung spielt dort eine besonders geringe Rolle, wo der Betriebsrat alle vertritt, der Tarifvertrag für alle gilt und damit die Belegschaft gemeinsam dem Management gegenübersteht. Weil Arbeitende sich hier in erster Linie als Kolleginnen und Kollegen begegnen, ist Klasse wichtiger als Nation. Rassismus verschwindet nicht aus den Köpfen, aber er ist am Arbeitsplatz weniger prägend als im Wohnviertel oder auf dem Marktplatz. 

Im Bereich der Parteien und Parlamente ist das leider anders. Weil selbst frühere „Arbeiterparteien“ nicht mehr die Interessen von Lohnabhängigen vertreten, werden deren Erfahrungen ignoriert; zur herrschenden Politik (im Interesse von Unternehmen und Reichen) gebe es keine Alternative, heißt es. Deshalb meinen viele Beschäftigte, es sei egal, wen man wählt. Doch es gibt Alternativen. Wirtschaft und Politik werden von Menschen gemacht, die Entscheidungen treffen – und wo entschieden wird, kann man auch anders entscheiden. Es ist höchste Zeit für eine solidarische Politik der Arbeit. Sie muss auf der Straße stattfinden, aber auch in Parlament, Gewerkschaft, Betrieb. Wir müssen sie machen.

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