Schon der Ausgangspunkt dieser Uraufführung wirkt wie eine Falle: Ausgerechnet für seinen autobiografischen Bestseller „Keine Aufstiegsgeschichte“ soll der aus Altona stammende Autor Olivier David auf der Bühne geehrt werden – als lebender Beweis dafür, dass man es „mit Fleiß und Entschlossenheit“ aus der Armut zu Erfolg und Ansehen bringen kann. Ein geschniegelt-zynischer Vertreter des Hanseatischer Kaufmannsbund verkündet diese Mär mit goldblitzendem Lächeln. Doch schon nach wenigen Minuten ist klar: Diese Inszenierung glaubt selbst kein Wort davon.
Dilan Baran
Am Ernst Deutsch Theater in Hamburg wird derzeit eine Inszenierung von Davids Roman „Keine Aufstiegsgeschichte“ gespielt. Statt das Buch nachzuerzählen greift Regisseur Marco Damghani Gedanken und Erfahrungen des Buches auf und verwandelt sie in eine neue theatrale Geschichte. Sie macht erfahrbar, wie sich Armut anfühlt, wie sie den Umgang mit Zeit und Beziehungen erschwert, Handlungsfähigkeit lähmt und Selbstbilder verformt.
Damghani lässt den Protagonisten gleich von fünf Darstellerinnen und Darstellern spielen. Jede Szene ist ein neues „Level“, jedes Scheitern ein „Game Over“. Dann übernimmt der nächste Olivier. Diese kluge Struktur verhindert eine (Anti-)Heldenbiografie – und entlarvt damit das gesellschaftliche Märchen vom individuellen Scheitern oder Aufstieg. Der Einzelne ist austauschbar, die Verhältnisse bleiben.
So entsteht eine ungewöhnliche Dynamik: rasend schnell, fast wie ein Live-Computerspiel und der Zuschauer empfindet zeitlichen und sozialen Druck, so wie Erschöpfung am eigenen Leibe mit. Die pragmatische aber fantasievolle Drehbühne von Hugo Gretler wird mit tollen Kostümen von Ragna Hemmersbach ergänzt. Humor, Tempo und theatrale Tricks sorgen dafür, dass man den Abend nicht nur als betrübend und entmutigend erlebt – sondern als überraschend humorvoll, unterhaltsam und auch ermächtigend.
Gerade darin unterscheidet sich diese Inszenierung von vielen anderen Arbeiten über soziale Ungleichheit. Oft bleibt es auf großen Bühnen bei der bloßen Darstellung von Elend: Armut wird gezeigt, beklagt. Hier jedoch wächst ein klares Argument. Das Stück interessiert sich weniger für individuelle Tragik als für Struktur. Die Frage lautet nicht: „Warum schafft er es nicht?“, sondern entlarvt, warum alle glauben sollen, sie könnten es schaffen.
Bemerkenswert ist zudem, wie zugänglich dieser Abend ist. Trotz komplexer Gedanken braucht man kein Theater-Vorwissen. Gerade Menschen, die sonst kaum ins Theater gehen, finden hier sofort einen Zugang. Man versteht die Regeln intuitiv – und wird gerade deshalb umso stärker mit den Inhalten konfrontiert.
Den Schluss und auch den Höhepunkt bildet eine Rede. Olivier bedankt sich – und klagt an. Im Gegensatz zur Methodik vorher, kann einem diese Form der direkten Ansprache fast zu platt erscheinen, allerdings gehört zu einer Preisverleihung zugegebenermaßen auch eine Rede. Warum also etwas verkomplizieren, was auch einfach geht. Was bleibt, ist kein persönlicher Triumph, sondern ein deutliches Plädoyer: Die Vielen unten stehen den Wenigen oben gegenüber und müssen diese in gemeinsame Stärke verwandeln. Und ihre Erfahrungen lassen sich nicht in Erfolgsgeschichten umdeuten. Die Ehrung entlarvt sich damit als ideologisches Ritual, als Versuch, aus einem Einzelfall eine Systemlegitimation zu basteln.
Und genau dadurch wirkt dieser Abend lange nach: nicht als Lebensgeschichte eines Einzelnen, sondern als kollektive Erfahrung – und als Aufforderung, die gesellschaftlichen Verhältnisse gemeinsam zu bezwingen.

