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Artemis II: Das Kapital greift nach den Sternen

Nach neun Tagen landete die Crew der Artemis-II-Mission der NASA wieder auf der Erde. Seit 1972 hatte es keinen Weltraumflug mehr gegeben, der über die erdnahe Umlaufbahn hinausging. Die Artemis-II-Mission hat sogar den Rekord für die größtmögliche Entfernung von der Erde um 6.600 km gebrochen.

Jakob Dost

Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk sagte der deutsche Astronaut Alexander Gerst, damit wäre eine neue Ära begonnen. Bei der Artemis-II-Mission, die laut NASA „for all humanity“ (für die gesamte Menschheit) erfolgt, gehe es vor allem um die Wissenschaft, meint Gerst. Weder er noch andere Politiker wie Forschungsministerin Bär (CSU) werden müde, die Rolle des European Service Module der Europäischen Weltraumorganisation ESA, für das Gelingen der Mission zu betonen. Falls man wichtige Bauteile beitrage, könne man in Zukunft auch mitfliegen oder beeinflussen, welche Experimente durchgeführt würden, weiß Gerst.

Artemis-Abkommen als Aushebelung des Völkerrechts

Dass dies auch den Entscheidern in Deutschland wichtig ist, zeigt sich daran, dass das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) 2023 dem 2020 von den USA initiierten Artemis-Abkommen unterzeichnet hat, obwohl das Abkommen stark kritisiert wird – auch aus Deutschland. „Die Artemis Accords sind der Versuch der Amerikaner, sich auf leisen Sohlen die Legitimation einzuholen, um vom Weltraumvertrag abweichen zu können“, sagte Stephan Hobe, Direktor des Instituts für Luftrecht, Weltraumrecht und Cyberrecht an der Universität zu Köln gegenüber Spektrum.

Der Weltraumvertrag besagt, fremde Himmelskörper dürfen nicht angeeignet werden. Die USA sind der Auffassung, dass Bergbau im Weltraum keine Aneignung von Himmelskörpern ist – eine international kritisierte Interpretation, unter anderem durch Russland und China. Bekräftigt wird diese Kritik durch Abschnitt 11 des Artemis-Abkommens, „Konfliktentschärfung von Weltraumaktivitäten“. Dort ist die Einrichtung von „Sicherheitszonen“ „zur Vermeidung schädlicher Störungen“ (durch andere Länder) die Rede, natürlich nur „um ihren Verpflichtungen aus dem Weltraumvertrag nachzukommen“. Doch genau dieser verbiete solche „Zonen“, so Völkerrechtler Hobe.

Indem die USA den Beitritt zum Artemis-Abkommen zur Bedingung für die Beteiligung am Artemis-Programm machen, spielen sie ihren weltraumtechnischen Vorsprung aus, um ihre Rechtsinterpretation des Weltraumvertrags durchzudrücken, indem sie mehrere Länder hinter ihr Abkommen versammeln. Auch Deutschland stellt sich dahinter, daran ändert auch die Zusatzerklärung des DLR nichts, die das Artemis-Abkommen als eine unverbindliche Erklärung deutet.

Dem Kapital ist die Erde zu endlich

Denn am Ende des Tages wollen die deutschen Banken und Konzerne ihren Teil am Kuchen nicht verpassen. Mit fünf Milliarden US-Dollar beteiligte sich Deutschland an der Artemis-II-Mission allein, die in Summe rund 90 Milliarden US-Dollar kostete. In einer Zeit, in der Wissenschaft, Kunst und Kultur zusammengekürzt werden, sind solche Unsummen sicherlich nicht aus Liebe zur Menschheit aufgewandt.

Auf der ganzen Welt hat das Kapital riesige Probleme, veritable Anlagequellen zu finden, weshalb es waghalsiger wird. Ein Heilsbringer ist dabei „die KI“. Ein anderer: Der Weltraum. Zum einen besteht der Regolith, die „Erde“ des Monds, aus Stoffen wie den Oxiden von Silizium, Eisen, Titan, Aluminium und Magnesium, die man für die Weiterverarbeitung auf dem Mond oder gar die Rückführung zur Erde gewinnbar wären. Aber auch Helium-3, das auf der Erde nicht vorfindbar ist, könnte für die irdische Kernenergieerzeugung extrahiert werden.

Wer sichert sich den 1,8 Billionen USD Markt?

Andererseits ist die Raumfahrt selbst ein riesiges Geschäftsfeld geworden. Letztes Jahr hat der globale Raumfahrtmarkt ein Volumen von 600 Milliarden US-Dollar überschritten und soll laut McKinsey 2035 bei 1,8 Billionen US-Dollar liegen. SpaceX, Elon Musks Raumfahrtunternehmen, hat die NASA bei orbitalen Raketenstarts in den USA abgelöst und wickelt mittlerweile 95 % davon ab. So hat auch der Anteil dedizierter, privater Raumfahrtunternehmen am Artemis-Programm im Vergleich zum Apollo-Programm signifikant zugenommen.

Bei jährlichen Wachstumsraten von 7 bis 9 % ist der Kapitalzustrom in diesen Markt logischerweise beachtlich. Im Wettrennen, sich die meisten Pfründe zu sichern, geraten natürlich die westlichen und östlichen Kapitalisten auch in diesem Fall aneinander. 2030 plant China, Menschen zum Mond zu bringen. Unbemannt landete China bereits 2013 auf dem Mond. Mit der Internationalen Mondforschungsstation auch mit Russland vorangetriebenes Projekt zur Besiedlung des Mondes.

Dem wollen die westlichen Mächte zuvorkommen. Das Artemis-Programm ist zentraler Bestandteil ihrer Bemühungen, den Weltraum ökonomisch verwertbar zu machen. So sind es auch allen voran Staaten des Westens, die das Artemis-Abkommen unterzeichnet haben. Bedenkt man, dass der US-Kongress Kooperationen mit China in der Raumfahrt untersagt hat, werden die Postulate der „Stärkung des Völkerrechts“ „für die gesamte Menschheit“ flugs zur Farce.

Am Ende geht es auch um Krieg

Sowohl die Fortsetzung der Interessensgegensätze zwischen Ost und West auch im Weltraum als auch die Einführung von Konzepten wie den „Sicherheitszonen“, zeigen, dass die Vorstöße in der Raumfahrt auch militärischen Charakter haben und weiter annehmen werden. Wie sonst sollen bspw. Bergbaurechte verteidigt werden, wenn plötzlich mehrere Parteien Anspruch darauf erheben?

Auch kann der Weltraum für die irdische Kriegsführung eingesetzt werden. Dafür braucht es nicht einmal das Artemis-Abkommen. Der bestehende Weltraumvertrag verbietet lediglich die Stationierung von Massenvernichtungswaffen im Weltraum. Konventionelle Waffensysteme sind nicht ausdrücklich verboten, wenn auch sie völkerrechtlich und geopolitisch massive Spannungen provozieren würden.

In der jüngsten Fassung der Doktrin der US Space Force wird orbitale Kriegsführung ausdrücklich erwähnt. Auch das von Trump geplante Raketenabwehrsystem „Golden Dome“ setzt auf die Platzierung von Abwehrsystemen in der Erdumlaufbahn.

Die Kosten pro Kilogramm Nutzlast für orbitale Lasten sind von teils mehreren Zehntausend USD in den 1960ern auf von rund 1.500 USD gesunken. Mit dem Starship will Musk die Kosten auf unter 100 USD bringen. Sollte dieses Ziel erreicht werden, würde es die permanente Stationierung zehntausender konventioneller Munitionseinheiten im Orbit, die innerhalb von Minuten jeden Punkt der Erde erreichen könnten finanzierbar machen.

Eine neue Ära

Es ist selbstverständlich, dass die Artemis-II-Mission technisch und wissenschaftlich Begeisterung hervorruft. Doch keine Entfernung von der Erde löst uns von den hiesigen Problemen der Aufrüstung, Kriegsvorbereitung und Ressourcenplünderung, denn sie ist eine Systemfrage. Astronaut Gerst hat recht, wenn er meint, dass mit dem Griff des Kapitals nach dem Weltraum eine neue Ära begonnen hat – jedoch keine, von der sich die arbeitenden Massen der Erde eine bessere Zukunft erhoffen können.

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