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Avnet: Streik bringt Tarifvertrag

Nach 14-stündigen Verhandlungen haben sich die IG Metall und der Arbeitgeber in der Nacht auf Donnerstag auf eine tarifliche Lösung für die rund 350 Beschäftigten beim Halbleiter-Logistiker Avnet Logistics in Poing geeinigt. Nach drei Tagen Streik erhalten die Beschäftigten nun sehr hohe Abfindungen, eine Lohnerhöhung, weitere Bonuszahlungen, eine Arbeitszeitreduzierung bei vollem Lohnausgleich sowie 1000 Euro netto als Krisenbonus („Entlastungsprämie“). IG Metall-Mitglieder bekommen als Abfindung zusätzlich einen Mitgliederbonus in fünfstelliger Höhe.

„Mit diesem starken Verhandlungsergebnis ist es uns gelungen, alle Avnet-Beschäftigten trotz der Schließung des Betriebs für zwei bis drei Jahre finanziell abzusichern. Wir haben unsere Streikziele alle erreicht. Möglich gemacht haben das die Beschäftigten selbst durch ihre Solidarität und ihre Entschlossenheit zum Erzwingungsstreik“, kommentiert Sibylle Wankel, Erste Bevollmächtigte der IG Metall München.

Die konkrete Höhe der Abfindungen ist abhängig vom Alter der Beschäftigten und der Dauer ihrer Betriebszugehörigkeit. Zusätzliche Abfindungen gibt es für Eltern, Schwerbehinderte, ehemalige Leiharbeitnehmer*innen und IG Metall-Mitglieder. Die Wochenarbeitszeit wird ab 1. Juni bei vollem Lohnausgleich von 40 Stunden auf 37,5 Stunden reduziert. Ab 1. Juli steigen die Gehälter um 2,5 Prozent. Bei Erreichen bestimmter Produktivitätsziele erhalten die Beschäftigten bis zu drei zusätzliche Monatsgehälter.

IG Metall-Streikleiter Philipp Schlemmer sagt: „Die Avnet-Beschäftigten haben den Kopf nicht in den Sand gesteckt, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Dieser Mut zahlt sich jetzt aus. Erst durch den Streik haben wir gemeinsam den Arbeitgeber zu einer sehr guten tariflichen Lösung bewegt. Ich ziehe den Hut vor dieser großartigen Belegschaft.“

Auch Bayerns IG Metall-Bezirksleiter Horst Ott zollt Respekt: „Mit diesem tollen Erfolg haben die Beschäftigten von Avnet gezeigt, was man erreichen kann, wenn man sich organisiert und zusammensteht. Das ist umso bemerkenswerter, da das Unternehmen insgesamt bereits streikerfahren war. Die Schließung des Logistikzentrums in Poing wird für Avnet jetzt sehr teuer. Der stattliche Mitgliederbonus ist eine Anerkennung für alle IG Metall-Mitglieder, die mit ihrer Solidarität und Courage unsere Bewegung bei Avnet überhaupt erst ins Rollen gebracht haben.“

Der Streik bei Avnet ist seit Donnerstagmorgen ausgesetzt. In einer Urabstimmung entscheiden die IG Metall-Mitglieder bei Avnet über die Annahme des Verhandlungsergebnisses und die Beendigung des Streiks. Erforderlich ist eine Zustimmung von mindestens 25 Prozent.

Hintergrund:
Im bislang tariflosen Betrieb Avnet Logistics in Poing erhalten die Beschäftigten bisher im Vergleich zum Flächentarifvertrag deutlich weniger Geld, müssen aber länger arbeiten. Im Juni 2025 war eine betriebliche Beschäftigungssicherung ausgelaufen, die der Arbeitgeber nicht verlängern wollte, was große Zukunftsängste in der Belegschaft auslöste. Daraufhin fanden von Dezember 2025 bis März 2026 fünf Tarifverhandlungen statt, die aber ohne Ergebnis gescheitert sind. Mit einem Warnstreik Anfang März und einem ganztägigen Warnstreik Mitte März hat die Belegschaft den Druck auf den Arbeitgeber erhöht. Mitte April verkündete Avnet, das Logistikzentrum in Poing bis Ende 2026 zu schließen. Dann votierte die Belegschaft in einer Urabstimmung für einen unbefristeten Streik mit dem Ziel einer tariflichen Lösung. Nach drei Tagen Streik ist diese nun erreicht worden.

Avnet macht mit seinen Produkten einen Milliardenumsatz und erzielt deutlich zweistellige Margen. Avnet Logistics übernimmt für konzerneigene Schwesterfirmen die anspruchsvolle Distribution von Halbleitern und anderen Elektronikkomponenten. Von Poing aus werden zahlreiche Kunden in ganz Deutschland beliefert.

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