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Die Zukunftsangst der Frauen in Deutschland

Seit einigen Jahren zeigen Umfragen in Deutschland einen wachsenden Unterschied zwischen Frauen und Männern bei der Bewertung der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung. Frauen äußern häufiger größere Sorgen, blicken skeptischer auf die Zukunft und vertrauen politischen Institutionen weniger. Repräsentative Erhebungen legen nahe: In Deutschland gibt es einen deutlichen Gender Gap bei den Zukunftserwartungen – gespeist aus finanziellen Unsicherheiten, Fragen der persönlichen Sicherheit, globalen Krisen und anhaltenden strukturellen Ungleichheiten.

Dilan Baran

Skeptischer Blick auf die Politik

Besonders sichtbar wird dieser Unterschied im politischen Stimmungsbild. Der regelmäßig erhobene Deutschlandtrend von Infratest dimap für die ARD zeigt, dass Frauen politische Entwicklungen negativer beurteilen als Männer. Bereits 2024 hatten mehr Frauen in mehreren Erhebungen angegeben, dass Deutschland sich „eher in die falsche Richtung entwickle“, als Männer.

Dass es sich dabei nicht nur um eine Momentaufnahme handelt, bestätigt der internationale Vergleich. In der „Survey on Drivers of Trust in Public Institutions 2024“ der OECD gaben in Deutschland 41 Prozent der Männer, aber nur 32 Prozent der Frauen an, der nationalen Regierung zu vertrauen. Der Vertrauensabstand ist damit deutlich messbar – und er geht zulasten der Frauen.

Teuerung trifft auf strukturelle Ungleichheit

Ein zentraler Treiber dieser Skepsis sind wirtschaftliche Sorgen. Die hohe Inflation der Jahre 2022 und 2023 war laut Statistisches Bundesamt die stärkste seit Jahrzehnten: 6,9 Prozent im Jahr 2022 und 5,9 Prozent 2023. 2024 schwächte sich die Teuerung zwar deutlich ab (die durchschnittliche Inflationsrate lag bei 2,6 Prozent) doch die Verunsicherung wirkt nach.

Frauen sind von Preissteigerungen strukturell stärker betroffen. Sie verfügen im Durchschnitt über geringeres Einkommen, arbeiten häufiger in Teilzeit und sind überproportional in Minijobs sowie im Niedriglohnsektor vertreten. Auch im Alter zeigen sich die Folgen: 2023 waren 17,6 Prozent der Frauen ab 65 Jahren armutsgefährdet, gegenüber 14,2 Prozent der Männer (EU-SILC 2023, Destatis). Aktuellere Daten bestätigen weiterhin ein erhöhtes Armutsrisiko für Frauen. Ökonomische Unsicherheit ist damit für viele Frauen keine abstrakte Größe, sondern Teil der eigenen Lebensrealität.

Globaler Krisenausdruck und psychische Belastung

Zu den finanziellen Sorgen kommen globale Krisenherde: Pandemie, der Krieg in der Ukraine, im Nahen Osten und der Klimawandel. Mehrere Studien zeigen, dass Frauen diese Entwicklungen als stärker belastend empfinden.

Das Robert Koch-Institut dokumentierte im Rahmen von „GEDA 2021/2022“, dass Frauen signifikant häufiger depressive Symptome berichteten als Männer. Auch internationale Daten weisen in dieselbe Richtung: Das „Allianz Pulse 2025“ der Allianz zeigt für Deutschland einen Gender Gap im Zukunftsoptimismus von rund zwölf Prozentpunkten – Frauen bewerten ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektiven deutlich pessimistischer.

Schon bei jungen Menschen ist dieser Unterschied erkennbar. Das Deutsche Jugendinstitut stellte im DJI-Survey AID:A fest, dass junge Frauen häufiger psychische Belastungen und Zukunftssorgen angeben als junge Männer. Der pessimistischere Blick beginnt also früh.

Unsicherheit im öffentlichen und privaten Raum

Ein weiterer Faktor ist das Sicherheitsgefühl. Laut „Sicherheitsreport 2023“ des Bundeskriminalamtes fühlten sich 38 Prozent der Frauen nachts in ihrer Wohngegend unsicher, gegenüber 18 Prozent der Männer. Neuere Umfragen aus dem Jahr 2025 bestätigen diesen Abstand: Rund 45 Prozent der Frauen, aber 56 Prozent der Männer gaben an, sich im öffentlichen Raum sicher zu fühlen.

Diese subjektiven Einschätzungen stehen im Kontext realer Gewaltbetroffenheit. Für 2023 registrierte das BKA 256.276 Opfer häuslicher Gewalt, davon waren 70,5 Prozent Frauen (Bundeslagebild Häusliche Gewalt 2023). Auch digitale Gewalt verstärkt das Gefühl der Bedrohung: Eine Studie der Landesanstalt für Medien NRW (2023) zeigt, dass insbesondere junge Frauen häufiger von Hassrede und sexueller Belästigung im Netz betroffen sind.

Die Frage nach körperlicher Unversehrtheit ist für viele Frauen daher alltäglicher als für Männer – im öffentlichen Raum ebenso wie im privaten und digitalen.

Mehr Verantwortung im Privaten, größere Abhängigkeit

Hinzu kommt eine strukturelle Dimension: Frauen tragen weiterhin einen größeren Teil unbezahlter Sorgearbeit. Nach der Zeitverwendungserhebung 2022 des Statistisches Bundesamt verbringen sie täglich durchschnittlich 44 Prozent mehr Zeit mit Care-Arbeit als Männer. Auch in der Pflege stellen sie die Mehrheit: Rund 62 Prozent der pflegenden Angehörigen sind Frauen (Pflegebericht 2023 des Bundesministerium für Gesundheit).

Gleichzeitig sind sie stärker auf funktionierende öffentliche Infrastruktur angewiesen. 2023 waren rund 63 Prozent der Pkw-Halter Männer (Kraftfahrt-Bundesamt). Frauen sind damit vermutlich häufiger auf öffentlichen Nahverkehr angewiesen – dessen Qualität und Finanzierung politisch umkämpft sind.

Wer stärker auf öffentliche Leistungen angewiesen ist, reagiert sensibler auf deren mögliche Verschlechterung.

Gleichstellung und Vertrauen

All diese Faktoren spiegeln sich im politischen Vertrauen wider. Laut OECD-Daten 2024 ist das Vertrauen in die nationale Regierung bei Frauen deutlich geringer als bei Männern (32 zu 41 Prozent).

Auch bei der Gleichstellung geht es nur langsam voran. Der „Equal Pay Day“ fiel 2026 auf den 27. Februar (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend). Trotz eines leicht gesunkenen Gender Pay Gap bleibt der Einkommensabstand substanziell – und damit ein struktureller Grund für Zukunftssorgen.

8. März Demonstrationen und 9. März Frauenstreik

Die neueren Daten aus 2024 und 2025 bestätigen das Bild der Vorjahre: Frauen in Deutschland bewerten wirtschaftliche und politische Entwicklungen häufiger negativ, äußern stärkere Zukunftssorgen, fühlen sich im öffentlichen Raum unsicherer und vertrauen staatlichen Institutionen weniger als Männer.

Diese Mischung aus objektiven Ungleichheiten – bei Einkommen, Armutsrisiko und Sorgearbeit – und messbaren Unterschieden im Sicherheits- und Vertrauensgefühl trägt dazu bei, dass Frauen pessimistischer auf die Zukunft des Landes blicken. Ob sich diese Stimmung ändert, hängt nicht nur von der allgemeinen wirtschaftlichen Lage ab, sondern davon, ob strukturelle Ungleichheiten reduziert und Sicherheit spürbar gestärkt werden kann. 

Die Frauenbewegung geht am 8. März deshalb wieder in zahlreichen Städten auf die Straße. Am Montag den 9. März ist nach Jahren außerdem mal wieder zu einem Frauenstreik aufgerufen. In Deutschland zunächst ein mehr symbolischer. Alle Frauen sind an diesem Tag dazu angehalten, um 12:00 Uhr für 5 Minuten die Arbeit niederzulegen und vor allem mit sichtbaren Nachrichten, wie über Schilder und Banner auf die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern hinzuweisen.

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