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Erdoğan kennt keinen Halt

TURKEY-POLITICS-DEMO

 

İHSAN ÇARALAN

 

Lügen haben kurze Beine.

Die Medien des Kapitals verbreiteten die Lüge, der Zugang zum Gezi-Park sei auf Anweisung des Ministerpräsidenten wieder freigegeben worden. Noch bevor die Tinte dieser Mitteilung getrocknet war, sprach der Ministerpräsident sein letztes Wort.

Die Protestierenden auf dem Taksim-Platz bezeichnete er als“eine Menschenmenge, die von einer Handvoll Plünderern provoziert” worden seien. Doch das war ihm noch nicht genug und er ging weiter:“Wir werden das Kulturzentrum am Taksim-Platz auch abreissen und werden dort eine Moschee bauen.” Seine Provokationen setzte er also fort und erreichte jetzt den Mißbrauch der Religion. In einem Fernsehsender erklärte er alle, die Alkohol trinken, zu“Alkoholikern” und machte deutlich, dass er neue“Alkoholverbote” erlassen wir. Und er wiederholte sein Beharren auf einer“sunnitisch-muslimischen, konservativen Gesellschaft”.

Natürlich ist es kein Mißbrauch der Religion, wenn jemand die Gebote einer Religion befolgt, der er angehört. Genau so ist es kein Mißbrauch, wenn jemand beauptet, seine Religion daran glaubt, dass seine Religion wertvoller sei als andere Religionen, und wenn er versucht, andere von dieser Einstellung zu überzeugen.

Mißbrauch einer Religion ist es jedoch, wenn jemand den religiösen Glauben anderer anspricht, um seine politischen Ziele zu erreichen. Genau dies geschah, als der Ministerpräsident erklärte, eine Moschee am Taksim-Platz bauen zu wollen, um seine Gefolgschaft geschlossen hinter sich zu versammeln, nachdem er mit seinem Bauvorhaben auf dem Gezi-Park gescheitert war.

Dabei hatte sein Parteifreund und der OB von Istanbul einen Tag zuvor erklärt, er werde ein Projekt nicht gegen den Willen der Bevölkerung durchsetzen. Hinzu kommt, dass der Bau einer Moschee am Taksim-Platz weder auf der Tagesordung des Istanbuler Stadtparlaments, noch des Bezirksparlament von Beyoglu stand. Auch die Kommunalverwaltung und andere zuständige Behörden hatten sich mit dem Thema noch nicht befasst. Der Ministerpräsident hatte jedoch längst beschlossen, dass die Moschee gebaut wird und er hatte auch ihren Standort entschieden.

Es sieht also so aus, dass die Moschee am Taksim-Platz gegenüber einer Kirche gebaut werden soll. Und die Moschee wird in ihren Ausmaßen alles andere übertreffen und damit wird unterstrichen, dass die Regierung knapp sechs Jahrhunderte nach der Eroberung von Istanbul mit einem wiederbelebten Eroberungsgeist das Land regiert. Warum sollte auch Erdogan, der auf dem Hügel Çamlıca eine zweite Sultanahmet Moschee bauen ließ, am Taksim-Platz nicht eine zweite Hagia Sophia* als Moschee nachbauen lassen?

Somit würde der Traum aller reaktionärsten Kreise wahr werden und die auf eine Handvoll geschrumpte Kirchengemeinde könnte täglich von Moscheegängern belästigt werden.

Die Jagd nach Profit, der bei städtebaulichen Projekten entsteht und auf mehrere Dutzend Milliarden Dollar beziffert wird, wird also mit dem Mißbrauch von religiösen und konservativen Werten verschleiert.

Das erreicht man am besten, indem man sich des Populismus, der Scharlatanerie und despotischer Herrschaftsformen bedient, um Bevölkerungsmassen gegeneinander auszuspielen.

Der Ministerpräsident und seine Partei gehen wie Pinochet, Peron und Hitler zuvor den Weg, der die Unterdrückung des für seine Forderungen kämpfenden Volkes, die Unterstützung seiner Helfer und die Begünstigung des Kapitals vorsieht.

Das bedeutet allerdings auch, das der Ministerpräsident und seine Gefolgschaft es künftig nicht mehr so leicht haben werden. Das hat er jetzt auch erkannt. Und hierin liegt der Grund dafür, warum er immer wieder und ohne Halt neue Projekte auftischt.

 

(*) Die Umwandlung von Hagia Sophia ist einer der wichtigsten Träume der traditionellen Bewegung, der auch der Ministerpräsident angehört. Und es sollte niemanden überraschen, wenn er demnächst eine neues Projekt vorstellt, das die Eröffnung dieser neuen Moschee ankündigt und somit eine neue Debatte auslöst.

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