Am 9. April 2026 kamen in der Heinrich-Wolgast-Schule in Hamburg St. Georg über 200 Menschen zusammen, um Rolf Becker zu gedenken. Anlass war sein Geburtstag am 31. März. Rolf Becker war vieles – Künstler, Kommunist, Antifaschist, Vater, Nachbar und Freund. Als all das und mehr wurde ihm mit zahlreichen kulturellen und persönlichen Beiträgen gedacht. Die Veranstaltung war auf Initiative der DIDF Hamburg gemeinsam mit dem Anwohner*innenverein St. Georg und dem Auschwitz-Komitee entstanden und brachte zahlreiche Freunde und Wegbegleiter Rolf Beckers zusammen.
Gedenken an einen Internationalisten
Durch den Abend führten der Hamburger Schauspieler Michael Weber und Emre Ögüt, Mitglied des Vorstandes der DIDF. In der Begrüßungsrede betonte Idil Calli im Namen der DIDF Hamburg den großen Wert, den Rolf auf Internationalismus gelegt hatte. Eine jahrzehntelange gemeinsame Arbeit habe ihn mit DIDF verbunden, in der er mit seiner Kunst immer die Einheit der Arbeiterklasse, egal aus welchem Land, spürbar gemacht habe. Sie betonte: „Rolf war Internationalist. Für den die Nöte und Sorgen der Menschen in allen Teilen der Welt von gleichem Rang waren. Es ist dieses kulturelle Werk, dass für uns alle ein Beispiel dafür ist, was es heißt Haltung zu zeigen. Rolf hätte wie viele andere auch eine glänzende Karriere machen können, auf großen internationalen Bühnen sehr viel Geld verdienen können. Sein Talent reichte dafür alle Male. Doch er entschied sich dafür, mit diesem seinen Talent, im Laufe seines Lebens Zehntausende Menschen Mut zuzusprechen.“
Norman Paech sprach über das Völkerrecht
Einen wichtigen, inhaltlichen Beitrag, der wohl auch in Rolfs Sinne gewesen wäre, hielt der Völkerrechtler Norman Paech. Er erinnerte an den letzten öffentlichen Auftritt Rolfs gegen das NATO-Manöver „Red Storm Bravo“ im vorherigen Herbst und legte all die Gründe für den Widerstand gegen die NATO und die Kriegsvorbereitungen dar. Seine Darlegungen zeigten auf, wie die westlichen Mächte, allen voran die NATO und die USA, das Völkerrecht zwar teils zur Propaganda nutzen, es aber in den Taten mit Füßen treten. Paech scheute nicht davor zurück, zu betonen, dass auch im Ukraine-Krieg zwar eindeutig ein völkerrechtswidriger Angriff Russlands vorliegt, dieser jedoch nicht unprovoziert gewesen sei. Es waren die USA und die NATO, die den Krieg nutzen, um „Russland zu ruinieren“, wie er die ehemalige Außenministerin Baerbock zitierte. Um dieser Politik etwas entgegenzusetzen brauche es Widerstand gegen die Militarisierung und den aktuellen Kriegskurs – klare Worte, die zum Anlass passten, obwohl es eine Gedenkveranstaltung war.

Die Erinnerung lebendig halten
In verschiedenen Redebeiträgen von Freundinnen und Wegbegleiterinnen wurde deutlich, wie zentral für Rolf das Gedenken an die Opfer des Faschismus und der Kampf gegen Krieg und Faschismus, der Kampf gegen jede Form der Unterdrückung, im Hier und Jetzt war. Zeitzeugin Antje Kosemund, Freundin Norma von der Walde und die Vorsitzende des Auschwitz-Komitees, Susanne Kondoch-Klockow, erzählten auch persönliche Anekdoten darüber, wie Rolf Menschen in seinen Bann ziehen und mit seiner Haltung anderen imponieren konnte – ob im Restaurant, in der Bahn oder einfach im Gespräch. Auch Rolfs lange Freundschaft mit Esther Bejarano war ein wichtiges Thema – Susanne Kondoch-Klockow erinnerte an das Gedicht, das Bejarano zu Rolfs 80. Geburtstag vortrug, darüber, wie sie ihn gefragt habe, ob er ihr Bruder sein wolle, und er habe eingewilligt. Eine Freundschaft, die zu einer Wahlverwandtschaft wurde – die beiden hatten unzählige gemeinsame Auftritte und politische Proteste gemeinsam bestritten. Bei der Trauerfeier für Bejarano im Juli 2021 hatte Rolf die Rede gehalten.
Eine Stimme der Unterdrückten
Der Abend war durchzogen von zahlreichen kulturellen Beiträgen – Rolf war Künstler, der das Theater liebte. Auch seine Frau Sylvia Wempner und sein Sohn Anton Wempner rezitierten zahlreiche Texte, in erster Linie von Bertolt Brecht, der Rolf sein Leben lang begleiteten:
„Wir kleinen bürgerlichen Handwerker, die wir mit dem biederen Brecheisen an den Nickelkassen der kleinen Ladenbesitzer arbeiten, werden von den Großunternehmern verschlungen, hinter denen die Banken stehen. Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?“, rezitierte Anton Wempner die Dreigroschenoper. Aber auch Texte von William Shakespear und Heinrich Heine waren Teil des Programms – sie alle verband ihr Inhalt, der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen anprangerte, was auch Rolf zu Lebzeiten getan hatte. Leslie Franke und Herdolor Lorenz von KernFilm erinnerten in ihrer Ansprache daran, wie Rolf auch ihren Filmen seine Stimme geliehen hatte – Dokumentarfilmen, die sich gegen den Kapitalismus richten – und dafür niemals Geld nehmen wollte. Auch bei Streiks und Protesten sprach Rolf häufig. Cem Ince, Mitglied des Bundestages und Betriebsrat bei VW Salzgitter, berichtete von seinem Kennenlernen mit Becker auf diese Weise. Als Rolf erfahren habe, dass Ince für den Bundestag kandidiere, sei er nicht begeistert gewesen und habe ein Auge darauf geworfen, ob sich seine Haltung auch nicht verändere. Es waren diese Anekdoten, die den Abend füllten und die Erinnerung an Rolf spürbar machten. Eine Hymne auf Rolfs Leidenschaft für das Schauspiel war der Auftritt von Michael Weber und Christoph Finger die die „Flüchtlingsgespräche“ von Brecht vorführten, den Raum zum Lachen und Nachdenken brachten und für einen Moment an die zahlreichen Bühnen erinnerten, auf denen Rolf sein Leben lang das Gleiche getan hatte.
Aus der Nachbarschaft
Dass Rolf Becker auch in seiner Nachbarschaft in St. Georg, wo die Veranstaltung stattfand, ein gerne gesehener Freund war wurde in der Rede des Vertreters des Anwohner*innenvereins St. Georg deutlich. Dieser berichtete davon, wie Rolf Haltung gegen steigende Mieten zeigte und zuweilen den Stadtteilrat agitierte. Er war ein wichtiger Bestandteil des sozialen Lebens vor Ort – das wurde auch durch den Auftritt des Stadtteilchors Drachengold deutlich. Auch die Arbeiterliedergruppe des Internationalen Jugendvereins Hamburg animierte mit „Bella Ciao“ zum Mitsingen. Den krönenden Abschluss des Abends machten Joram Bejarano Yurtseven als Microphone Mafia, die den Saal zum Tanzen brachten. Die Band berichtete auch von den zahlreichen Auftritten, von denen sie ausgeladen werden, weil sie ihre Stimme gegen die Unterdrückung der Palästinenser erheben – wie auch Rolf es immer getan hatte. Künstler mit Haltung, die auch in schwierigen Zeiten aussprechen, was gesagt werden muss – ein passender Abschluss für ein Fest für Rolf Becker, das seinem Andenken in jeder Hinsicht gerecht wurde.

