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Rudolf Diesel – Ein bewegender Mann

Ali Candemir

Kaum eine andere Person des vergangenen Jahrhunderts bewegt uns noch heute so sehr wie Rudolf Diesel. Der nach Diesel benannte Verbrennungsmotor hat in knapp der Hälfte aller europäischen PKWs und fast allen LKWs seinen Platz. Beinahe die gesamte Schifffahrt und ein Großteil des Schienentransports werden mittels Dieselmotoren abgewickelt. In einigen Jahren wird der weltweite Verbrauch an Diesel über dem von Benzin liegen. Doch Rudolf Diesel selbst sah die geniale Erfindung des Dieselmotors nicht als seine größte Leistung an. Es ist eine Leistung, die trotz andauernder Aktualität in Vergessenheit geraten ist, die Frage nach sozialer Gerechtigkeit.

1858 kommt Rudolf Diesel als Sohn des Buchbinders Theodor Diesel in Paris zur Welt. Sein Vater war zehn Jahre zuvor, nach der gescheiterten Märzrevolution, nach Frankreich geflüchtet. Mit dem Beginn des Deutsch-Französischen Kriegs 1870 war die Familie Diesel gezwungen, Frankreich in Richtung London zu verlassen. Die finanziell angeschlagene Familie entschied sich dazu, Rudolf Diesel zu seinem Onkel nach Augsburg zu schicken. Nach dem Diesel seine Ausbildung an der Industrieschule als bester Schüler abschloss, ging er nach München, um an der Technischen Hochschule den Beruf des Ingenieurs zu erlernen. Schon während seines Studiums hatte er die Idee, einen Motor zu bauen, der die Dampfmaschine ablösen sollte.

Bereits 1897 gelang es ihm, einen Motor zu bauen, der deutlich weniger Energie verbrauchte, als die Dampfmaschine. Zu der Zeit mussten Dampfschiffe alle paar Tage an Land gehen, um Kohle einzulagern. Mit Diesels Erfindung war es nun Schiffen möglich, ohne Zwischenhalt, um die Welt zu fahren. Dies war eine Revolution. Doch begnügte sich Diesel damit nicht. Er wollte einen Motor für den Alltagsgebrauch bauen. Einen Motor für den einfachen Mann, sowie er heute in Traktoren verwendet wird. Damit erleichterte er die Arbeit von hunderttausenden Bauern. Seine Erfindungen machten Diesel schon zu Lebzeiten zu einem berühmten Mann. Diesel liebäugelte sogar damit, seine Berühmtheit dafür zu nutzen, um als Politiker für „Soziale Gerechtigkeit“ zu kämpfen. In seinem Werk „Solidarismus“ hielt er sein Gesellschaftskonzept fest. Diesel schätzt diese Leistung sogar höher ein, als die Erfindung des Verbrennungsmotors. „Dass ich den Dieselmotor erfunden habe, ist schön und gut. Aber meine Hauptleistung ist, das ich die soziale Frage gelöst habe.“

In seiner Schrift legt Diesel das Konzept einer solidarischen Wirtschaft dar, in dem ehemals abhängig Beschäftigte die Finanzierung, Produktion und Verteilung von Gütern vornehmen und Anteilseigner der Betriebe sind. Ein solidarisches Sparverhalten sieht Diesel als grundlegendes Element seines Gesellschaftskonzepts. „Ihr seid in Deutschland 50 Millionen Menschen, die von Gehalt, Lohn, Salär abhängen“, schreibt Diesel. Wenn jeder einen Betrag von nur einem Pfennig pro Woche in eine „Volkskasse“ einzahlen würde, ergäbe dies ein Kapital von einer halben Million Mark pro Woche. Würde gar jeden Tag ein Pfennig beiseite gelegt, „so habt ihr pro Jahr 182 Millionen und in zehn Jahren schon zwei Milliarden Mark zu eurer wirtschaftlichen Erhöhung zur Verfügung“.

Diesel wiederspricht mit dem Sparverfahren der klassischen Nationalökonomie, welche das Einzelinteresse in den Vordergrund rückt.  Dieses Sparverfahren versteht Diesel als die „vollkommene Gleichsetzung des Einzelinteresses mit dem Gesamtinteresse“, „die freie Vereinbarung der Menschen zu gegenseitiger Gerechtigkeit durch Arbeit, Einigkeit und Liebe“. „Der Solidarismus ist die Sonne, welche gleichmäßig über alle scheinend, durch ihre milde Wärme und ihr glänzendes Licht die Menschheit aus ihrem Winterschlaf zur wirtschaftlichen Erlösung erwecken wird.“

„Die Volkskasse“, in denen die Millionen Pfennige zusammengeführt werden, stellt die Existenzgrundlage der gemeinschaftlichen Betriebe dar. Aus der Volkskasse werden Kredite und Bürgschaften für gemeinschaftliche Betriebe vergeben. Diesel bezeichnet diese Betriebe als „Bienenstöcke“. „Ebenso wie für Schuhe errichtet ihr unter dem Schutz der Haftung der Gesamtheit – der Volkskasse – noch andere Bienenstöcke für Kleider, Wäsche, Möbel, Hausgerät usw.“, die schließlich die wichtigsten Lebensbedürfnisse der Mitarbeiter, den „Bienen“ und anderer befrieden können.

 

Diesel erweiterte die Idee der genossenschaftlichen Finanzierung und Produktion mit genossenschaftlichem Konsum. „Eure Bienenstöcke tauschen also ihre Waren aus; in jedem derselben entsteht auf diese Weise ein Tauschlager, dessen Waren den Bienen und deren Familienmitgliedern … zu den denkbar billigsten Preisen, da keinerlei Zwischenspesen darauf lasten“, zur Verfügung stehen.

Diesel entwirft so einen geschlossenen Kreislauf von Finanzierung, Produktion und Konsum von genossenschaftlichen Gütern, die weder in Konkurrenz zu anderen Produzenten treten, noch auf Märkten auftauchen. „Die wahre Genossenschaft tritt gar nicht in die allgemeine Konkurrenz ein, weder für die Produktion noch für den Konsum, sie arbeitet lediglich für ihren eigenen Bedarf.“ Es geht also nicht um Gewinn, sondern um Bedürfnisbefriedigung. In den Genossenschaften, die sich Diesel erdachte, sollte sowohl Produktion, als auch Gewinnaneignung gesellschaftlich sein.

An den zur damaligen Zeit bestehenden Produktionsgenossenschaften wie der Glashütte Albi kritisierte Diesel, diese seien als allgemeine Betriebsform einer Volkswirtschaft undenkbar. Dies einfach aus dem Grund, „weil sie sich wegen ihrer meist ungenügenden Mittel gegen die übermächtige Konkurrenz der verschiedenen Formen großkapitalistischer Produktion oder kapitalistischer Vereinigung nicht halten können“. Sie seien nach innen zwar genossenschaftlich, nach außen aber kapitalistisch.

Die Ideen Diesels wurden jedoch nie in die Realität umgesetzt. Er verstarb kurz vor dem 1. Weltkrieg unter bislang ungeklärten Umständen, welche noch immer Spekulationsspielraum bieten. Victor Glass, Autor einer Dieselbiographie, mutmaßt, dass Diesel im Auftrag des Deutschen Kaiserreichs ermordet wurde. Kaiser Wilhelm II. habe Diesel-Schiffsmotoren für den Kampeinsatz nutzen wollen, da die Marine als kriegsentscheidend eingestuft wurden. Diesel jedoch, wollte das nicht. Die Erfahrungen, die er im Exil und Ausland gemacht hatte, sowie seine solidarisches Weltbild, ließen es ihm nicht zu, den militärischen Einsatz seiner Motoren zu erlauben. Und falls ein Land sich das Recht nähme, Dieselmotoren militärisch zu nutzen, müsse dieses Recht auch den Gegnern zugesprochen werden.

Diesel wurde zuletzt auf dem luxuriösen Dieselschiff „Dresden“ gesehen. In bester Laune hatte der 55-Jährige vom Deck aus noch die sternklare Nacht vom 29. auf den 30. September 1913 bewundert. Er wollte am 30. September in London an einem Treffen der „Consolidated Diesel Manufacturing Ltd.“ teilnehmen und im englischen Ipswich einen Neubau der belgischen Maschinenfabrik von George Carels eröffnen, die sich auf Dieselmotoren spezialisiert hatte. Als ihn seine Begleiter am 30. September morgens während der Überfahrt von Antwerpen nach Harwich wecken wollten, fanden sie seine Kabine leer und sein Bett unbenrtzt vor. Am 10. Oktober sah die Besatzung eines holländischen Bootes bei heftigem Seegang die Leiche Diesels im Wasser treiben – die offizielle Version lautete „Selbstmord“. Bis heute ist nicht geklärt, warum Diesel starb, aber Viktor Glass ist sich sicher, dass er nicht freiwillig ins Wasser sprang. „Diesel hatte sich sein Nachtzeug bereits akkurat zurecht gelegt und seine Taschenuhr so an der Wand der Kabine befestigt, dass er sie vom Bett aus sehen konnte. Das spricht definitiv nicht für Selbstmord“, sagt der Autor. Auch in Briefen an seinen Sohn und seine Frau gibt es kein Anzeichen für Selbstmord-Gedanken. Ein Unfall wurde sofort ausgeschlossen. Denn die See war an dem Abend extrem ruhig und auch die Reling war so hoch, dass man – auch bei großer Unachtsamkeit – nicht darüber fallen konnte.“Er ist zuerst mit Chloroform betäubt und dann brutal über die Brüstung ins Meer geworfen worden“, sagt Viktor Glass. Grund: Wenn Konkurrenten auch das Recht bekommen, die gleiche Technologie zu benutzen, verliert das deutsche Kaiserreich seine Vorteile.

 

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