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Wer hat angefangen?

Moshe Zuckermann*

Bei der Beantwortung dieser Frage darf man keiner optischen Täuschung verfallen. Es geht um die Okkupation.

Was am 7. Oktober in den israelischen Siedlungen am Gazastreifen geschah, ist kaum zu beschreiben. Es fehlen die Worte, um die Monstrosität, die von Mordlust, Blutrausch, Sadismus und Zerstörungswut angetriebenen Hamas-Terroristen verbrochen haben, darzustellen. Neben großem Entsetzen, entfachte das Grauen des Geschehenen ein unbändiges Bedürfnis nach Rache und Vergeltung. Das war denn auch schnell genug die fast einhellige Kollektivreaktion in Israel. So verbreitete sich in den etablierten Medien sogleich eine martialische Rhetorik, die – von ehemaligen Generälen, Militärexperten und sonstigen Beobachtern und Kommentatoren getragen – das “nun Anstehende” mit konsensueller Aggressivität debattierte. Die seit vielen Monaten dysfunktionale Regierung und das Militär, das versagt hatte und dessen Reaktion nun gefordert war, sahen sich durch die allgemeine Stimmung legitimiert (zumal das Entsetzen in der westlichen Welt eine spontane Solidarität mit Israel generierte), “das Hamas-Problem” diesmal ein für allemal zu lösen. Die Slogans einer sich zunehmenden faschisierenden Polemik kannten nun keinen Halt mehr: Gaza müsse “dem Erdboden gleich gemacht” werden; die Hamas gehöre “ausgemerzt”; man dürfe nun endlich beweisen, daß “auch wir barbarisch werden können”. Und man ging sogleich ans Werk. Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen sind bereits Tausende Bewohner aus dem Gazastreifen durch Bombardements der israelischen Luftwaffe zu Tode gekommen, unter ihnen viele Hunderte Kinder und Frauen. Eine humanitäre Katastrophe ist bereits entstanden, und sie bildet erst der Anfang. Daß humanitäre Hilfe angesichts des großen Elends zugelassen werde, wie von Präsident Biden während seines Israel-Besuchs gefordert, wird von den allermeisten Israelis in Rage abgeschmettert. Den “Tiermenschen” gebühre kein Mitleid, geschweige denn materielle Unterstützung. Sie wird dennoch gewährt werden müssen – zu viele Zivilisten sind betroffen. Die Hilfe ist auch (so Biden) Voraussetzung dafür, daß Israel mit der begonnenen Militäraktion unerbittlich brachial fortfahren darf. Schlimmstes steht noch beiden Seiten bevor.

Und wieder einmal wird die Frage gestellt: Wer hat angefangen? Das hört sich merkwürdig an, wenn man die totale Überraschung, mit der der bestialische Angriff der Hamas am 7. Oktober auf israelischer Seite erlebt wurde, bedenkt. In früheren Zeiten pflegte man –teils juristisch, teils moralisch bewegt – klar und deutlich festzustellen, wer der Aggressor und wer das Opfer der Aggression bei einem (militärischen) Gewaltakt sei. Der Aggressor wurde Verantwortung und Schuld beigemessen, und entsprechend wurde er verurteilt. Dies hat sich in den letzten Jahrzehnten verwässert, als sich herausstellte, daß sich große Mächte herausnahmen, von ihnen begangene Aggressionsakte mit moralischer Notwendigkeit zu begründen. Nicht nur bestimmten sie dabei, was als moralisch zu gelten habe, sondern sie durften sich gewiß sein, daß ihnen die “Verurteilung” durch andere nichts anhaben, ihnen mithin egal bleiben konnte. Und doch lohnt es sich, über die Frage “Wer hat angefangen?” einiges zu sagen.

Im vorliegenden Fall reicht es nicht aus, festzustellen, wer am 7. Oktober den Angriff gestartet hat. Denn der Angriff hat auch einen Kontext. Es geht hier nicht darum, die Hamas zu verteidigen bzw. die Monstrosität ihrer Taten zu relativieren. Bei der Hamas handelt es sich um eine fundamentalistisch-religiöse Bewegung, die sich durch islamistische Radikalität auszeichnet; wer sich mit ihr identifiziert, legt ein Bekenntnis ab. Aber Hamas ist auch die Institution, die den Gazastreifen verwaltet, sich also um die Versorgung der Bevölkerung in diesem Landstrich zu kümmern hat. Hamas versteht sich auch als eine palästinensische Militärformation, die Israel Widerstand leistet. Abgesehen davon, daß Israel die zwischen der Hamas und der PLO seit vielen Jahren herrschende Feindschaft instrumentalisiert hat, um die Ambitionen der PLO, einen palästinensischen Staat zu gründen, in Schach zu halten bzw. ganz zu neutralisieren, also eine Art tacit agreement mit dem erbitterten Feind eingegangen ist (Israel hat die Gründung der Hamas gefördert, und gerade Netanjahu hat immer dafür gesorgt, daß die Herrschaft der Hamas im Gazastreifen nicht so erschüttert werde, daß die Hamas stürzt), hat Israel die Kontrolle über den Gazastreifen nie aufgegeben. Der Gazastreifen ist ökonomisch, in der Wasser- und Elektrizitätsversorgung und auch in der Ermöglichung der Finanzierung durch Katar von Israel vollkommen abhängig; Israel hat bestimmt, daß der Gazastreifen keinen Hafen und keinen Flughafen habe darf. Nicht von ungefähr redet man von Gaza als dem “größten Gefängnis der Welt”. Israel hat die unmittelbare Besatzung von Gaza im Jahrer 2005 zwar aufgegeben und sich aus diesem Gebiet zurückgezogen. Zugleich hat es aber die ursprüngliche Funktion des Gefängniswärters nie aufgegeben.

Nicht unerwähnt mag auch bleiben, daß sich Hamas immer wieder gegenüber der PLO zu profilieren trachtet. Dies geschah in den letzten 15 Jahren vor allem durch Eskalation der Gewalt gegen Israel, die entweder in beschränkte militärische Operationen oder auch einen (begrenzten) Krieg mündete, wobei man, wie gesagt, von israelischer Seite darauf achtete, Hamas nicht zu stürzen. Die Leiderfahrung der Bewohner Gazas (wie auch die der Bewohner der israelischen Ortschaften an der Grenze des Gazastreifens) wurde stillschweigend in Kauf genommen. Es war stets die unausweichlich entstehende humanitäre Krise bei den palästinensischen Bewohnern Gazas, die der jeweiligen Gewaltrunde, bewirkt durch Druck der Weltöffentlichkeit, ein Ende setzte. Was sich aber über Jahre anstauen musste, war ein gewaltiger Hass auf Israel, der durch die religiöse Emphase eine zusätzliche Fundierung erfuhr. Man bedenke zudem, dass viele Gazabewohner der Generation der im 1948er Krieg (der Nakba) aus Palästina Vertriebenen enstammen.

Es wird noch lange dauern, bis man die monströsen Gewaltexzesse der Terroristen am 7. Oktober wird begreifen können. Aber mit einer systematischen Entmenschlichung der Täter wird man ihnen nicht beikommen. Das Reden von “Tiermenschen” hat etwas mit israelischen Bedürfnissen zu tun, so auch opportune Vergleiche mit den Nazis in der Shoah. Es verweist eher auf die Unfähigkeit der Israelis, die ihnen widerfahrene Katastrophe anders, als durch die Dehumanisierung der Gazabewohner zu rezipieren und einzuordenen. Die Dehumanisierung gerinnt dabei zur Wesensbestimmung: das sei sie nun einmal, die Hamas, die aber auch immer mehr mit Gaza insgesamt und seinen Bewohnern gleichgesetzt wird. Das ist eine alte rhetorische Praxis in Israel: Kein anderer, als Israels Premier Menachem Begin nannte die Palästinenser während des Libanonkrieges von 1982 “zweibeinige Tiere”; der ehemalige Generalstabsschef der IDF, Rafael Eitan, bezog sich auf die Araber insgesamt als “zugedröhnte Küchenschaben in einer Flasche”; die verbalen Hemmungslosigkeiten der Straße seien hier ausgespart. Was dabei völlig zugrunde geht, ist die Fähigkeit, auch Unschuldige als solche anzuerkennen, geschweige denn, zu bemitleiden. Wenn die massenhafte Tötung von Kindern im Gaza damit abgetan wird, dass sie eben den Preis für die Untaten der Hamas zahlen (im noch gängigen Fall) bzw. aber am besten alle getötet werden sollten, “solange sie noch klein sind” (im nicht seltenen extremen Fall), dann hat die Verrohung auch auf israelischer Seite Einzug gehalten. Die ist freilich nicht neu – die Bombardierung der Zivilibevölkerung Gazas hat Tradition; freilich nehmen sich Kampfjets und die Anonymisierung der Opfer eleganter aus, als der direkte physische Terrorakt. Das hält man sich als Menschlichkeit zugute.

“Wer hat angefangen?” ist also keine Frage des partikularen Moments im fortlaufenden Prozeß. Es ist eine Frage, die eine historisch entstandene Struktur belangt. Wer von der kontextuellen Strukktur nicht reden will, der sollte auch von ihren unausweichlichen immanenten Folgen schweigen. Ohne Beendigung der Okkupation haben weder Palästinenser noch Israelis eine Zukunft in dieser Region.

*Moshe Zuckermann ist Professor Emeritus der Universität Tel Aviv. Er lebt in Israel.

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