Ausstellung „Alle Tage Wohnungsfrage“ des Frankfurter Historischen Museums.
Die Stadt Frankfurt steht seit Jahrzehnten im Zentrum wohnungspolitischer Konflikte. Mit der Ausstellung „Alle Tage Wohnungsfrage – Vom Privatisieren, Sanieren und Protestieren“ präsentiert das Historische Museum Frankfurt eine Konfrontation mit genau diesen Konflikten und beleuchtet, wie eng die Wohnungsfrage mit der Geschichte und Gegenwart der Stadt verwoben ist.
Ann-Kristin Müller
Zu Beginn führt die Ausstellung in die Chronik der Frankfurter Wohnverhältnisse. Historische Karten, Werkpläne und Fotografien aus den 1880er und 1890er Jahren machen sichtbar, wie die Industrialisierung neue Arbeiterquartiere entstehen ließ und damit den Grundstein für das moderne städtische Wohnen legte. Besonders deutlich wird dies an den frühen Eisenbahnersiedlungen im heutigen Gallus, die exemplarisch zeigen, wie sich Wohnen zwischen Zweckmäßigkeit, räumlicher Enge und einem ersten sozialen Anspruch bewegte.
Der Blick auf die 1950er Jahre zeigt, wie stark Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg von Zerstörung geprägt war und wie umfassend der Wiederaufbau erfolgte. Von den großflächigen Verwüstungen entstanden städtische Wiederaufbauprojekte, um den akuten Wohnraumnotstand möglichst schnell zu lindern. In dieser Phase entstanden zahlreiche Nachkriegssiedlungen, getragen von einem gemeinwohlorientierten Anspruch, der Frankfurt zu einer Vorreiterin sozialen Wohnens machte.
Vom Gemeinwohl zum Renditeobjekt
Bis 1990 galt in Deutschland das Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz (WGG), das Wohnungsunternehmen verpflichtete, dauerhaft bezahlbaren Wohnraum bereitzustellen und Gewinne zu begrenzen. Im Gegenzug erhielten diese Unternehmen weitreichende Steuerbefreiungen. Mit dem Steuerreformgesetz von 1990 wurde dieses System jedoch abgeschafft. Dies mit besonders gravierenden Folgen für Städte wie Frankfurt.
Frankfurt verfügte traditionell über große Bestände gemeinnütziger Wohnungen, etwa in den Eisenbahnersiedlungen oder den Siedlungen des „Neuen Frankfurt“. Mit dem Wegfall der Gemeinnützigkeit wurden in den 1990er- und 2000er-Jahren zehntausend dieser ehemals geschützten Wohnungen privatisiert und an große Immobilienkonzerne verkauft. Damit verloren ganze Quartiere ihre soziale Funktion und Mietpreise stiegen deutlich. So gerieten ehemals stabile Nachbarschaften unter wirtschaftlichen Druck.
Die Frankfurter Ausstellung zeigt anhand von Grafiken unmissverständlich, wie drastisch sich die Lage seither verändert hat. Zwischen 2001 und 2020 sank die Zahl öffentlich gebundener Wohnungen von rund 40.000 auf nur noch 22.000. Parallel dazu nahmen Quadratmeterpreise kontinuierlich zu. Dies ist ein Trend, der sich vor allem in stark nachgefragten Metropolen wie Frankfurt besonders ausgeprägt zeigt. Kein Wunder also, dass 52 % der Bevölkerung heute Angst haben, dass Wohnen unbezahlbar wird.
Besonders anschaulich wird dieser Wandel in drei exemplarischen Frankfurter Siedlungen: der Carl-von-Weinberg-Siedlung im Westend, der Knorrstraße im Gallus und der Henri-Dunant-Siedlung in Sossenheim. Diese Wohnanlagen, einst Ausdruck einer sozial orientierten Wohnpolitik und geprägt von den Ideen des „Neuen Frankfurt“, befinden sich heute weitgehend in privater Hand. Die Folgen zeigen sich in allen drei Quartieren in Form von umfassenden Sanierungsbedarf und -projekten, rapide steigenden Mieten und einer spürbar zunehmenden Verdrängung der Bewohner.
Dass diese Entwicklung kein Zufall ist, macht der historische Kontext deutlich. Mit Abschaffung des WGG begann der Bund systematisch, ehemals gemeinnützige Eisenbahnerwohnungen zu verkaufen, kommunale Bestände wurden veräußert, und Sozialwohnungen fielen nach Ablauf ihrer Bindungen dem freien Markt zu. Was einst als öffentliche Daseinsvorsorge gedacht war, wurde in wenigen Jahren zu einem renditeorientierten Geschäftsfeld mit langfristigen Konsequenzen für die soziale Struktur der Stadt Frankfurt.
Sanierung als Geschäftsmodell
Viele der alten Frankfurter Gemeindesiedlungen befinden sich heute in einem stark sanierungsbedürftigen Zustand. Energetische Modernisierungen und umfassende Renovierungen, die eigentlich ökologisch sinnvoll erscheinen, entwickeln sich für viele Bewohner zu einer massiven finanziellen Belastung. Die Ausstellung zeigt anhand zahlreicher Beispiele, wie Verdrängung, Unsicherheit und anhaltender Protest längst zum Alltag vieler Haushalte geworden sind. Eindrücklich dokumentieren Fotos den Zustand heruntergekommener Wohnhäuser: aufgeplatzte Balkone, Schimmel an den Wänden, bröckelnde Fassaden, feuchte Keller, marode Dächer und freiliegende Leitungen. Eine Bewohnerin berichtet unter dem Titel „Schimmelwohnungen“ von stechendem Geruch, gesundheitlichen Beschwerden und jahrelang ignorierten Schäden, die letztlich erst dann wahrgenommen wurden, als sie als Vorwand dienten, Modernisierungen durchzusetzen und Mieten zu erhöhen.
Stimmen des Protests
Die Ausstellung macht deutlich, dass der Widerstand gegen steigende Mieten, Verdrängung und Privatisierung längst zu einem festen Bestandteil der Frankfurter Wohnrealität geworden ist. Im Zentrum steht die Überzeugung vieler Bewohner, dass Wohnraum nicht den Spekulanten gehört, sondern den Menschen, die darin leben.
Der wachsende Widerstand gegen steigende Mieten, Verdrängung und Privatisierung zeigt sich in Frankfurt in vielfältigen Formen: Mieter organisieren sich in Beiräten und Nachbarschaftsinitiativen, beteiligen sich an Demonstrationen und entwickeln gemeinschaftliche Strategien, um ihre Wohnverhältnisse zu verteidigen. Die Forderung nach einer stärkeren gesellschaftlichen Kontrolle über Wohnraum, bis hin zur Enteignung großer Immobilienkonzerne, ist längst kein Randthema mehr, sondern Ausdruck einer tiefen sozialen Krise, die durch überhöhte Mieten, renditeorientierte Sanierungen und den Ausverkauf kommunaler Bestände verschärft wird. Diese Proteste knüpfen an eine lange Tradition des Engagements an, das bereits im 19. und 20. Jahrhundert ein wichtiger Bestandteil sozialer Bewegungen war. Heute jedoch stehen die Betroffenen unter härteren Bedingungen denn je: weniger bezahlbarer Wohnraum, geringerer politischer Rückhalt und ein stetig wachsender wirtschaftlicher Druck. Trotzdem zeigen die zahlreichen Initiativen, dass kollektive Organisation ein zentrales Mittel ist, um Einfluss zu nehmen und die Entwicklungen nicht widerspruchslos hinzunehmen.
Was politische Entscheidung ist, kann politisch verändert werden
In Frankfurt prallen heute extreme Marktpreise, privatisierte Wohnungsbestände, Sanierungsdruck und ein Mangel an sozialem Wohnraum aufeinander. Die Ausstellung macht deutlich, dass diese Krise kein naturgegebenes Phänomen ist, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen der vergangenen Jahrzehnte: von der Abschaffung der Gemeinnützigkeit bis zur weitreichenden Privatisierung öffentlicher Bestände. Die Ausstellung zeigt die heutigen Konflikte in der Chronik der historischen Entwicklungen, verwebt statistische Fakten mit persönlichen Schicksalen und lässt die Betroffenen zu Wort kommen.
Die Wohnungsfrage ist keine Naturgewalt, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen und genau deshalb kann sie auch politisch verändert werden. Wohnraum kann zurückgewonnen werden, wenn Menschen sich zusammenschließen, ihre Interessen organisieren und gemeinsam Druck aufbauen. Protest, neue Konzepte und eine wieder gestärkte öffentliche Verantwortung sind zentrale Bausteine, um Wohnen wieder als soziale Aufgabe statt als Renditeobjekt zu begreifen.

