„Ist die AfD die neue Arbeiterpartei“ fragte Deutschlandfunk in einer Sendung zu den Bundestagswahlen oder „Warum Arbeiter Trump lieben“ fragte das Jacobin Magazin bei seiner Wiederwahl. Solche oder ähnliche Aussagen hört man von linksliberalen Medien oft voller Genugtuung, um die reaktionäre Rückschrittlichkeit der Arbeiterklasse zu „beweisen“ und die „Fehlschlüsse des Marxismus“ zu unterstreichen.
Oktay Demirel
In Deutschland verzeichnet die AfD zunehmend Zuspruch aus der Arbeiterschaft, insbesondere in Regionen mit Strukturbrüchen und industriellen Kernen. Studien zeigen, dass Arbeiter, die sich von den etablierten Parteien abgehängt fühlen, die AfD aus Protest oder Sorge um Arbeitsplätze wählen. Das macht jedoch längst keine Arbeiterpartei aus der AfD. Der Anteil der AfD-Wähler unter Arbeitern ist seit 2021 gestiegen, teilweise auf bis zu 38 % bei den letzten Bundestagswahlen. In den USA hat Donald Trump maßgeblich von der Unterstützung der weißen Teile der Arbeiterklasse profitiert. Besonders in den industriell geprägten Staaten konnte er Wähler gewinnen, die sich von der Globalisierung abgehängt fühlten. Seine Rhetorik richtete sich gezielt an diese Gruppe, indem er versprach, Arbeitsplätze zurückzuholen und die Wirtschaft zu schützen.
Also ist die Arbeiterklasse somit „rechts“? Um das zu beantworten müssen wir ein bisschen weiter ausholen.
Entfremdung und Arbeit
Marx beschreibt die Entfremdung des Menschen vom Produkt seiner Arbeit als zentrales Merkmal des Kapitalismus. Der Arbeiter produziert nicht für seine eigenen Bedürfnisse, sondern für den Markt und im Gesamtprozess nur einen Teil des Endproduktes. Das Produkt tritt ihm als fremde Macht gegenüber. Diese Entfremdung betrifft nicht nur die Ökonomie, sondern auch das Bewusstsein: Der Mensch verliert sich als soziales Wesen in einer Gesellschaft wie den Kapitalismus, die auf Konkurrenz und Profit bzw. Anhäufung von Kapital und Reichtum basiert.
Somit ist der „Naturzustand“ der Arbeiterklasse in der Regel auch nicht Einheit, sondern Spaltung. Lohnabhängige stehen in Konkurrenz um Arbeitsplätze, Aufstiegschancen und Sicherheit. Solidarität ist möglich – aber sie entsteht nicht automatisch. Die Stellung im Produktionsprozess führt nicht direkt zu einem bestimmten (und positiven) Bewusstsein voller Einheit und Zusammenhalt. Ohne eine politisch-richtunggebende Organisation kann sich Unzufriedenheit ebenso nach rechts wie nach links kanalisieren. Wenn Arbeitsplätze unsicher sind, Löhne stagnieren und soziale Infrastruktur abgebaut wird, entstehen Verteilungskonflikte. Rechte Akteure verschieben diese Konflikte: Nicht Kapital gegen Arbeit, sondern „Einheimische gegen Migranten“ oder „Steuerzahler gegen Sozialschmarotzer“. In ostdeutschen Regionen mit Deindustrialisierung nach 1990 erzielte die AfD besonders hohe Wahlergebnisse unter Arbeitern. Nicht, weil dort viele Migranten lebten – oft ist das Gegenteil der Fall –, sondern weil soziale Unsicherheit kulturell umgedeutet wurde. Die reale Ursache (Strukturwandel, Privatisierung, Lohnsenkung, Arbeits- und Perspektivlosigkeit) wird ideologisch verschoben auf ethnische oder nationale Sündenböcke.
Die Klassenlage und Beziehung zum Produktionsprozess erzeugen Bedingungen für Bewusstsein, aber kein fertiges Klassenbewusstsein, die in die Arbeiterklasse getragen werden muss. Objektive Bedingungen schaffen Möglichkeiten für die Arbeiterklasse, aber ohne führende Kraft verpufft das Bewusstsein in Frustration, dem Nährboden für faschistische Tendenzen.
Geschichte als Klassenkampf
Marx begreift Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen. Er betont jedoch keine mechanische Fortschrittslinie. Klassenkämpfe führen nicht zwangsläufig zu „Höherem“. Revolutionen können scheitern, Gesellschaften können in Reaktion oder Barbarei zurückfallen. Die Geschichte ist offen. Was aber bei Marx klar hervorkommt, ist das Proletariat als Klasse, das nicht zu verlieren hat als seine Ketten aber dafür eine Welt zu gewinnen hat, die die soziale und kulturelle Entfaltung des Menschen beschleunigen und Hindernisse beseitigen kann.
Die großen Krisen des Kapitalismus markieren jeweils Übergänge zu neuen Kapitalismustypen. Nach jeder Krise entstand eine neue Form der Regulation. Heute, in der Phase der letzten Krise im Jahre 2008, befinden wir uns in der Krise des neoliberalen Parlamentarismus. Offen werden kapitalistische und imperialistische Staaten zu reaktionären und teilfaschistischen Staaten umgebaut und das Recht des Stärkeren setzt sich mehr und mehr durch. Eine „wertebasierte Grundordnung“, auf die man sich bisher noch bezog und die DEMOKRATIE und VÖLKERRECHT, die (zumindest in Sonntagspredigten) groß geschrieben wurden, ist nun mit dem aktuellen Iran-Krieg endgültig über Bord geworfen und die USA, die auf dem Abstürzenden Ast der Welthegemonie sitzen, versuchen mit aller Kraft noch ihre Position gegenüber China zu halten.
Neoliberalismus, Identität und Bewusstseinshemmung
Der Neoliberalismus förderte individuelle Bedürfnisse und Identitäten als Mittel der Machterhaltung der herrschenden Klasse. Statt kostenloser Kitas oder Pflegeeinrichtungen für Ältere, statt der Organisation der Bildung und Erziehung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die eine materielle Entlastung und Frauenemanzipation vom Patriarchat ermöglicht hätten, dominierten Quotenregelungen für DAX-Konzerne oder symbolische Sprach- und Genderpolitik. Statt einer sozialverträglichen und ökologisch haltbaren Transformation setzte man auf Dosenpfand und CO2-Emissionshandel.
Diese Maßnahmen suggerieren – wenn überhaupt- Gleichheit oder Nachhaltigkeit, ohne die Produktionsweise grundsätzlich anzutasten. In einer Phase, in der die Arbeiterbewegung organisatorisch geschwächt war, ersetzte Identitätspolitik die Klassenpolitik. Arbeiter, die sich verraten fühlten, zogen sich zurück, viele wurden Nichtwähler und hinterließen die Bühne der politischen Betätigung anderen. Diese Passivität jedoch sorgte für noch mehr Ausgrenzung und Prekarisierung der Arbeiterklasse. Wenn Arbeiter keine kollektive Hoffnung entwickeln, können sie sich autoritären und reaktionären Positionen zuwenden. Die Stellung zu den Produktionsmitteln erzeugt Widersprüche zum System, aber kein fertiges Klassenbewusstsein. Ohne politische Organisation – eine kämpfende Partei als Avantgarde –bleibt Bewusstsein zersplittert.
Hier kommt den Gewerkschaften eine wichtige Rolle zu: Wenn Gewerkschaften sich auf Sozialpartnerschaft beschränken und auf Streiks, auch politische, verzichten, Lohnabschlüsse Inflation nur teilweise ausgleichen, Reallohnverluste als „alternativlos“ vermittelt werden oder Krieg, Rentenkürzungen oder Schuldenbremse außerhalb gewerkschaftlicher Mobilisierung bleiben, erzeugt das Frustration. Wenn Gewerkschaften zum Schutz der Konkurrenzfähigkeit der Standort Deutschland den Verzicht für die Arbeiterklasse organisieren, hunderte Milliarden für das Kapital fordern, sich als „systemstützend“ outen und keine offensive Perspektive anbieten, entsteht ein Vakuum. Rechte Kräfte füllen dieses Vakuum mit scheinbarer Systemkritik.
Aber: Die Arbeiterklasse ist nicht per se konservativ oder faschistisch. Jedoch ist ihr „Naturzustand“ im Kapitalismus Konkurrenz und genau hier können rechte Ideologien anknüpfen: nationale Abgrenzung, Standortdenken, Sündenbockpolitik. Sie bieten scheinbar einfache Antworten auf reale soziale Unsicherheit und Abgehängtheit. Marx beobachtete die Arbeiterklasse seiner Zeit als potenziell universelle Klasse, als politische Konstruktion. Die „universelle Klasse“ entsteht im Kampf, nicht automatisch aus der ökonomischen Lage. Klasse ist nicht nur eine objektive Stellung im Produktionsprozess, sondern auch eine aktive politische Zusammensetzung.
Wenn die Arbeiterklasse heute nach rechts tendiert, ist das kein Beweis für ihre strukturelle Rückschrittlichkeit, sondern für das Fehlen einer überzeugenden Klassenperspektive, die materielle Verbesserungen mit gesellschaftlicher Veränderung verbindet.

