Die Regisseurin und Anthropologin Mirjam Pietchamoe lebt seit Ende 2025 in Rojava. Sie arbeitet dort an der Rojava-Universität und ist an verschiedenen kulturellen und künstlerischen Projekten beteiligt. Derzeit beobachtet sie die Entwicklungen in der Region Cezîre nahe der türkischen und irakischen Grenze. Im Gespräch mit unserer Zeitung beschreibt sie die Stimmung der Menschen mit drei Worten: Schmerz, Trauer, Wut und Widerstand. Pietchamoe, die nach vielen Jahren in Köln bewusst nach Rojava gegangen ist, um sich mit der kurdischen Bevölkerung zu solidarisieren, richtet einen klaren Appell an Europa: Nicht mit Dschihadisten verhandeln – sondern mit den demokratischen Kräften sprechen.
Yücel Özdemir
Frau Pietchamoe, können Sie sich kurz vorstellen? Seit wann sind Sie in Rojava und was machen Sie hier?
Ich bin Regisseurin und Anthropologin. Ich habe in Köln gelebt und gearbeitet und dort Ethnologie studiert. Nach Rojava bin ich gekommen, um zum kulturellen Erbe, zur Erinnerungskultur und vor allem zur demokratischen Kultur zu forschen. Außerdem arbeite ich in einem Kunstprojekt gemeinsam mit Studierenden der Kunstfakultät der Rojava-Universität.
Seit wann sind Sie vor Ort?
Ich bin seit Ende 2025 in Rojava. Tatsächlich war ich erst sehr kurze Zeit hier, als die Angriffe auf Aleppo begannen, die sich inzwischen auf weite Teile des Landes ausgeweitet haben.
Wie erleben die Menschen diese Angriffe? Wie sieht der Alltag aus?
Die Gefühle sind sehr widersprüchlich, aber drei Dinge dominieren: großer Schmerz, tiefe Trauer und enorme Wut. Seit den Angriffen auf Aleppo Anfang Januar sehen wir, wie das Selbstbestimmungsrecht der Kurdinnen und Kurden systematisch untergraben wird.
Es gab immer wieder Abkommen mit der Demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens – doch sie wurden nie eingehalten. Deshalb ist die Angst sehr groß, dass erneut ein repressives Regime aufgebaut wird, ähnlich dem Assad-Regime.
Was diese Angst weiter verstärkt, sind konkrete Erfahrungen: Berichte, Videos und Augenzeugen, die zeigen, dass die militärischen Kräfte der sogenannten Übergangsregierung, insbesondere HTS, IS-Gefangene freigelassen haben. Das schafft massive Instabilität.
In den letzten Wochen wurden sehr viele Menschen vertrieben – je nach Quelle sprechen wir von 130.000 bis zu 300.000 Menschen, die vor den Angreifern fliehen mussten.
Gleichzeitig ist der Widerstandswille hier enorm. Die Menschen vertrauen auf ihre eigene Kraft und auf ihre Selbstverteidigungskräfte. Die gesamte Bevölkerung beteiligt sich an der Verteidigung – nicht nur militärisch, sondern auch beim Schutz der Zivilbevölkerung und der demokratischen Errungenschaften.
Zur Übergangsregierung gehören auch ehemalige IS- und HTS-Mitglieder. Ist der Bevölkerung bewusst, wie gefährlich diese Kräfte sind?
Ja, absolut. Schon als Assad 2024 gestürzt wurde, war das vielen Menschen hier klar. Viele sagten bereits damals: Das ist auch ein Angriff auf uns. Ein Angriff auf die Frauenrevolution, auf die Rechte der Frauen, auf die demokratischen Strukturen die hier erkämpft wurden. Diese sogenannte Übergangsregierung ist aus dschihadistischen Strukturen hervorgegangen. Ihr Ziel ist ein islamistisches Syrien und sie wollen ihre Ideologie mit Gewalt durchsetzen.
Die Massaker an Drusen und Alawiten im letzten Jahr sind hier sehr präsent. Die Menschen wissen genau, womit sie es zu tun haben.
Gleichzeitig sehe ich etwas sehr Beeindruckendes: Trotz aller Angriffe gibt es einen starken Willen, gemeinsam mit Arabern, Assyrern und Armeniern eine friedliche Zukunft aufzubauen. Das berichten mir sowohl Menschen aus der Selbstverwaltung als auch aus den Frauenstrukturen.
Große arabische Clanstrukturen haben teils ihre Position verändert. Wie ist das Verhältnis zwischen Arabern und Kurden?
Grundsätzlich wissen alle, die ernsthaft an einer demokratischen Lösung interessiert sind: Das geht nur gemeinsam. Es gibt Araber, die sind bewusst bei den kurdischen Strukturen geblieben und haben sich nicht auf die Seite der HTS gestellt.
Uns erreichen Videos von arabischen YPJ-Kämpferinnen, die klar sagen: „Wir haben diese Strukturen gemeinsam aufgebaut – und wir werden Seite an Seite weiterkämpfen.“
Ein zentraler Punkt ist dabei die Perspektive der Frauen. Auch für Frauen ist völlig klar, dass ein Regime wie das von Dscholani ihnen keine Zukunft bietet. Jolani gibt sich dem Westen über liberal und gemäßigt, aber den Menschen hier ist klar: er vertritt eine zutiefst Frauenfeindliche politische Perspektive.
Viele sagen: Wenn Rojava zerstört wird, verschwindet ein Modell. Was ist das für ein Modell?
Die Kurdinnen und Kurden kämpfen seit Jahrzehnten gegen die Unterdrückung ihrer Identität – gegen Sprachverbote, gegen Entrechtung.
Auf dieser Grundlage und auch durch den gemeinsamen Kampf gegen den IS ist hier ein pluralistisches, demokratisches System entstanden: ein basisdemokratisches, konföderales Modell mit Räten und Kommunen. Ökologie, soziale Gerechtigkeit und insbesondere die Befreiung der Frau stehen im Zentrum.
Frauen sind in allen politischen Institutionen vertreten, es gibt das Prinzip der Doppelspitze, echte Mitbestimmung. In den letzten Jahren wurden drei Universitäten aufgebaut – zwei kurdischsprachige, eine arabischsprachige. Vor zwei Jahren kam an der Rojava-Universität eine Kunstfakultät hinzu. Für mich ist vor allem die demokratische Kultur interessant, die hier gelebt und gestärkt wird. Aus ihre entsteht das demokratisch konförderale Modell, dass ein Zusammenleben unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen durch demokratische Strukturen ermöglicht. Das ist ein Hoffnungsschimmer für den gesammten Mittleren Osten.
In Deutschland gab es zuletzt große Solidaritätsdemonstrationen. Kommt das bei Ihnen an?
Ja, sehr. Das bedeutet den Menschen hier unglaublich viel und gibt Kraft. Die Situation ist extrem schwer – Kobane ist faktisch belagert. Während wir hier teilweise noch Strom haben, gibt es dort weder Strom noch Wasser. Deshalb ist die internationale Solidarität enrom wichtig. So spühren die Meschen, dass sie trotz der Belagerung nicht alleine sind und das sie und ihr Schicksal nicht geleugnet werden können.
Hat sich die Wut auf die Türkei weiter verstärkt?
Die Wut war immer da. Die Türkei hat diese Region schon lange mit Drohnen- und Luftangriffen bombardiert. Es ist völlig klar, dass der türkische Staat dieses demokratische Modell nicht akzeptiert. Im Zuge der Angriffe auf die Selbstvewaltung in den letzten Wochen gab es immer wieder Berichte von türkischsprachigen Angreifern und Unterstützung der Türkei durch Informationen und Waffen. Aktuell findet in der Türkei ein erneuter Friedensprozess zwischen dem türksichen Staat und der kurdischen Freiheitsbewegung statt. Die jetztigen Angriffe werden hier auch als Versuch verstanden diesen Prozess zum Scheitern zu bringen und damit in der Türkei eine Lösung der kurdischen Frage zu verhindern. Die Kurdinnen und Kurden kämpfen also gerade an unterschiedlichen Fronten um ihre Anerkennung und grundlegende Menschenrechte. Dabei wählen sie immer wieder den Weg von politischen Verhandlungen. Aber wenn sie existenziell bedroht sind, sind sie auch bereit sich militärisch zu verteidigen. Dass haben wir in den letzten Wochen vor Ort eindrücklich gesehen.
Wie reagieren die Menschen auf die Normalisierung und Legitimierung der Übergangsregierung im Ausland, etwa auf die Einladung Dscholanis nach Berlin?
Das hat hier große Wut ausgelöst. Es findet eine gefährliche Normalisierung dschihadistischer Kräfte statt. Im Kampf gegen den IS sind 15.000 bis 16.000 Menschen gefallen – auch, um Europa zu schützen. Dass jemand wie Dscholani nun eingeladen wird, ist ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die für die Befreiung vom IS gekämpft haben. Er darf nicht nach Berlin reisen. Stattdessen müssen die demokratischen Kräfte gehört werden: die Selbstverwaltung Nordostsyriens, Vertreter:innen der Drusen, Alawiten – und vor allem politische Frauen.
Wie ist die humanitäre Lage aktuell? Wie kann man aus Europa helfen?
Das Nötigste ist in Cezîre vorhanden, aber es sind sehr viele Geflüchtete angekommen – viele ohne Kleidung oder Habseligkeiten. Die Lage in Kobane ist besonders dramatisch: kein Wasser, kein Strom. Es gibt Berichte, dass Kinder erfroren sind. Manche Menschen schlafen noch in Autos. Materielle Hilfe ist wichtig – aber entscheidend ist politischer Druck. Eine politische Lösung, Dialog und internationale Solidarität sind das, was langfristig hilft. Gerade Europa kann ein Ort sein, an dem die Völker des Mittleren Ostens zusammen kommen, politische Perspektiven diskutieren und vereint handeln.

