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Amedspor steigt auf – ein Hoffnungsschimmer für die kurdische Bevölkerung in der Türkei

In der türkischen Süper Lig gibt es in diesem Jahr einen ganz besonderen Aufsteiger: Amed SFK wird in der kommenden Saison erstmals in der höchsten türkischen Fußballliga spielen und dort auf die großen Klubs wie Galatasaray, Beşiktaş oder Fenerbahçe treffen.

Yekta Doğan

Dem kurdisch geprägten Verein aus der Provinzhauptstadt Diyarbakir (kurdisch: Amed) reichte zum Saisonabschluss in der zweiten Liga ein 3:3 bei Alagöz Holding Iğdır FK, um als Zweiter hinter Erzurumspor FK den Aufstieg perfekt zu machen.

Diyarbakir liegt im Südosten der Türkei und gehört zu den strukturschwächeren Regionen des Landes. Die wirtschaftliche Lage ist angespannt, und auch politisch musste der Klub immer wieder gegen Widerstände ankämpfen. Umso bemerkenswerter ist der jetzige Aufstieg.

Die Farben von Amedspor – Grün, Rot und Weiß – sind an die kurdische Flagge angelehnt. Der Klub gilt als Vertreter der kurdischen Bevölkerungsgruppe. Die geschätzt 15 Millionen in der Türkei lebenden Kurdinnen und Kurden machen rund 19 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, besonders der Südosten des Landes ist kurdisch geprägt.

Viele Kurdinnen und Kurden sehen den Klub als eine Art Nationalmannschaft. Deshalb sind die Spiele häufig politisch aufgeladen und immer wieder von Anfeindungen geprägt. Ein Beispiel dafür war das Drittliga-Duell bei Bursaspor im März 2023, bei dem es zu rassistischen Anfeindungen kam und Spieler sowohl von Gegenspielern als auch von Fans attackiert wurden. Auch durch Schiedsrichter, den türkischen Fußballverband oder das Sportgericht wurden dem Verein in den vergangenen Jahren immer wieder Steine in den Weg gelegt.

Politische Äußerungen oder Symbole werden dabei kaum geduldet. So auch zuletzt am 1. Februar: Beim 7:0 gegen Adana Demirspor feierte Spieler Cekdar Orhan sein Jokertor mit der Geste des Haareflechtens (türkisch: „saç örme“). Er bezog sich damit auf eine Protestwelle in den sozialen Medien, nachdem dschihadistische Milizen der syrischen Übergangsregierung einer ermordeten kurdischen Kämpferin die Haare abgeschnitten hatten. Das Sportgericht wertete die Geste als „ideologische Propaganda“ und sperrte Orhan für fünf Spiele. Zudem wurde Amed SFK zu einer Geldstrafe von 600.000 türkischen Lira (gut 11.000 Euro) verurteilt. Der „Soldatengruß“ oder der „Wolfsgruß“ hingegen werden vom türkischen Sportgericht nicht geahndet.

Zuletzt kam es bei der Meisterschaftsfeier zu absurden Szenen, als Amedspor-Spieler Mbaye Diagne eine senegalesische Fahne zeigen wollte und von mehreren Menschen unter lautem Geschrei aufgefordert wurde, sie wieder einzupacken, weil sie fälschlicherweise für eine kurdische Fahne gehalten wurde.

Ähnliche Szenen dürften auch in der kommenden Saison zu erwarten sein. Zwar sind die Anfeindungen gegen Amed SFK im Zuge des Auflösungsprozesses der PKK und durch Veränderungen in der Politik des türkischen Staates in der „Kurdenfrage“ verhältnismäßig zurückgegangen. Zudem erhielt der Verein zum Aufstieg Glückwünsche von allen großen Istanbuler Vereinen sowie von Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Doch auch diese Entwicklung hängt an einem dünnen Faden und kann sich mit jeder neuen Eskalation oder politischen Veränderung im Nahen Osten wieder drehen.

Außerdem sitzt der Rassismus gegenüber Kurdinnen und Kurden bei vielen Türken weiterhin tief. Vor allem bei Risikospielen gegen nationalistisch geprägte Fangruppen wie jene von Trabzonspor sind Spannungen und Anfeindungen zu erwarten.

Der türkische Fußball dürfte in der kommenden Saison deshalb noch stärker zu einem politischen Schauplatz werden. Ob sich Amed SFK trotz schwieriger finanzieller Bedingungen, Anfeindungen und Diskriminierung in der Süper Lig halten kann, bleibt abzuwarten. Für viele Kurdinnen und Kurden ist der Aufstieg jedoch ein Hoffnungsschimmer und ein Grund zum Feiern. Zum ersten Mal in der Geschichte des türkischen Fußballs wird eine Mannschaft Millionen von Kurdinnen und Kurden in der Süper Lig repräsentieren.

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