Wir haben mit Dr. Esma Çakır-Ceylan, Rechtsanwältin und Vorstandsmitglied des Bundesverbands der Migrantinnen in Deutschland über die besondere Situation von Frauen mit Migrationshintergrund im Zusammenhang mit Strukturwandel gesprochen. Das Interview wurde im Rahmen der Migrationskonferenz in Bochum geführt.
Ozan Dağhan
Welche besonderen Erfahrungen machen Migrantinnen im Zusammenhang mit sozialer Unsicherheit, Diskriminierung und Teilhabe?
Migrantinnen haben wesentlich zum wirtschaftlichen Aufbau des Ruhrgebiets beigetragen, sind heute aber besonders stark von den negativen Folgen des Strukturwandels betroffen. Sie arbeiten häufiger in niedrig bezahlten oder unsicheren Beschäftigungen, etwa im Reinigungs-, Pflege- oder Dienstleistungssektor. Sie arbeiten häufiger in Teilzeit und sind von Altersarmut höher betroffen. Sie erleben „multiple Prekarisierung“, also die Verbindung von unsicherer Arbeit, instabilen Wohnverhältnissen und eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Zudem sind sie auch von ethnischer und sozialer Segregation betroffen, weil sie eher von schlechter Wohnqualität und geringeren Bildungschancen betroffen sind.
Durch das geringe Einkommen, Sprachbarrieren und eingeschränkten Aufstiegschancen sind Migrantinnen häufiger armutsgefährdet. Sprachbarrieren führen gehäuft zu Diskriminierungserfahrungen. Diese Fakten führen insgesamt, aber auch teilweise einzeln für sich schon zu einem „Aussperren“ aus der Gesellschaft, so dass die Teilhabe nur bedingt möglich ist.
Welche Rolle spielen migrantische Frauenorganisationen, wenn es darum geht, Rechte sichtbar zu machen und politische Teilhabe zu stärken?
Sie spielen eine große Rolle, da nur sie sich sowohl auf die tatsächliche, als auch die rechtlichen Missstände in der Gesellschaft fokussieren und als Brücke und Sprachrohr fungieren. Dabei arbeiten auch die Frauenrechtsorganisierungen föderal: sie tragen die kommunale Ebene durch ihre Dachverbände bis zur Bundesebene hoch und sitzen mit Delegierten im Deutsche Frauenrat. Es gibt also mehrere Standbeine, die die Forderungen der Migrantinnen in die Politik tragen können. Wie sehr den Themen das erforderliche Maß an Bedeutung beigemessen wird, ist wiederum ein anderes Thema. Insgesamt ist in Deutschland der Feminismus leider immer noch sehr „weiß“, so dass auch hier regelmäßig ein Bedarf an Veränderung angemeldet wird.
Was müssen Politik und Zivilgesellschaft konkret tun, um insbesondere Migrantinnen besser vor sozialer Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt zu schützen?
Ich denke, dass oft der politische Wille für Veränderungen fehlt. Gewalt z.B. ist zwar kein Migrantinnenspezifisches Thema, sondern u.a. ein „globales“ Phänomen von Machtdemonstration, die bis hin zur höchsten Rechtsgutsverletzung schlechthin reichen kann, nämlich der Tötung einer Frau. Jedes Jahr steigen die Zahlen an häuslicher Gewalt in Deutschland. Geschlechterspezifische Gewalttaten werden vom Bundeskriminalamt erst 2 Jahren statistisch untersucht, das Hellfeld wird veröffentlicht. Wir wissen, dass frauenspezifische Gewalt jährlich steigt und setzen trotzdem die Istanbul Konvention nicht effizient um. Die Bundesrepublik sorgt nicht für eine lückenlose Finanzierung der Frauenhäuser. Migrantinnen, die keinen gesicherten Aufenthaltsstatus haben, sind teilweise schutzlos gestellt. Es ist für viele Frauen ein Teufelskreis. Ich habe das jetzt nur an dem Beispiel Gewalt dargestellt, aber es gibt sämtliche Themen, über die wir nicht nur diskutieren sollten.
Solidarischer Zusammenhalt, Sensibilisierung und Empowerment, gemeinsame Aufstellung von politischen Forderungen – daran sollten wir nicht ermüden.

