Dr. Victoria Huszka ist Post-Doc in der Abteilung Empirische Kulturwissenschaft und Kulturanthropologie am Institut für Archäologie und Kulturanthropologie der Universität Bonn. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Sozial-ökologischen Transformationsprozessen in Europa, der kritischen Regionalforschung und Stadtforschung und in der Zivilgesellschaft im Digitalen. Im Rahmen der Migrationskonferenz in Bochum haben wir mit ihr über die Bilder im Ruhrgebiet gesprochen.
Ozan Dağhan
Was versteht man unter „symbolischer Arbeit am Strukturwandel“? Wie wird der Strukturwandel sprachlich, medial und symbolisch dargestellt, gedeutet oder bewertet?
Wenn eine Region ihren wirtschaftlichen Kern verliert, muss sie sich nicht nur materiell, sondern auch symbolisch neu aufstellen: Es entsteht ein Kampf um die Frage, was diese Region ist und was sie werden soll. Unter „symbolischer Arbeit am Strukturwandel” verstehe ich die alltäglichen Praktiken, mit denen Menschen, Institutionen und Medien an diesem Bild einer Region mitwirken, durch Sprache, Bilder und Erzählungen. Diese Arbeit findet heute zu einem erheblichen Teil in den sozialen Medien statt. Millionen von Beiträgen und Kommentaren formen hier ein bestimmtes Bild des Ruhrgebiets nach der Kohle: urban, kreativ, grün – ein Region, die den Strukturwandel als erfolgreichen Prozess bewältigt hat. Diese Bilder entstehen vor allem durch die symbolische Arbeit von Regional- und Stadtmarketingagenturen, Wirtschaftsförderungen und Influencer:innen.
Welche Leerstellen oder Konfliktzonen zeigen sich in Debatten über Strukturwandel in der Gesellschaft? Welche Perspektiven, Erfahrungen oder Gruppen werden in diesen Debatten ausgeblendet und wo entstehen gesellschaftliche Spannungen?
Das dominante Bild des „neuen Ruhrgebiets” auf Instagram, meinem Untersuchungsfeld, schließt systematisch bestimmte Gruppen auf subtile Weise aus. Wir wissen aus sozial- und medienwissenschaftlichen Forschungen, dass digitale Partizipation über soziale Medien beispielsweise zwar niedrigschwellig wirkt, aber trotzdem auf das Vorhandensein von Ressourcen aufbaut: Zeit, Bildung, Mobilität und digitale Kompetenz. Es werden also überproportional häufig Gruppen ausgeschlossen, die ohnehin marginalisiert sind, weil sie aus strukturellen Gründen schlechteren Zugang zu diesen Ressourcen haben. Entsprechend sind migrantische Bevölkerungsgruppen, aber auch nicht-männliche Akteur:innen deutlich weniger in die Gestaltung dieser dominanten Vision des Ruhrgebiets nach der Kohle involviert, obwohl sie die Region entscheidend gestaltet haben und auch nach wie vor prägen. Diese Abwesenheit ist als Ergebnis davon zu sehen, wer an der Produktion regionaler Bilder mitbeteiligt wird und wer nicht.
Was lässt sich daraus für digitale Öffentlichkeiten und politische Kommunikation ableiten? Wie sollten soziale Medien, Öffentlichkeit und politische Kommunikation gestaltet werden, damit Strukturwandel und Migration sachlicher, differenzierter und weniger spaltend diskutiert werden?
Meine Forschung zeigt, dass die Gestaltung digitaler Öffentlichkeiten eine politische Frage ist, obwohl sie oftmals unpolitisch daherkommt (es geht ja “nur” um Bilder). Wer die Bilder einer Region produziert, bestimmt jedoch mit, welche Perspektiven und Probleme sichtbar werden und welche nicht. Gleichzeitig ist Öffentlichkeit sehr heterogen, wir kennen dafür im Alltag den Begriff der Echokammern. In diesen “Bubbles” werden Debatten schnell emotional geführt, das beeinflusst auch den Umgang mit solchen politischen Fragen – statt offenem Austausch kommt es schneller zur Konfrontation mit Extremen. Für eine sachlichere und inklusivere Kommunikation, insbesondere über regionalen Strukturwandel und Migration, braucht es erstens eine bewusste Erweiterung der Gruppen, die zur Mitgestaltung eingeladen werden. Die Mainstream-Kommunikation im Bereich der Regionalentwicklung und des -marketings sollte sich also pluraler aufstellen. Denn es sollte hier nicht nur darum gehen, Visionen auf externe Sichtbarkeit und Standortkonkurrenz auszurichten, sondern auch Fragen aufzuwerfen, die eine Relevanz für in der Region lebende Menschen haben: wie Menschen mit unterschiedlichen Biografien und Ressourcen hier gut leben können beispielsweise. Und zweitens braucht es Räume – auch digitale –, in denen negative Erfahrungen mit dem Strukturwandel artikuliert werden können, damit diese Problematisierungen nicht sofort von rechts besetzt werden. Zivilgesellschaftliche Gruppen können dabei eine zentrale Rolle spielen: als Produzenten eigener Gegenerzählungen, die weder das glatte Erfolgsbild des Regionalmarketings, noch die Angstbilder des Rechtspopulismus reproduzieren. Das bringt jedoch auch mit sich, dass die großen Tech-Konzerne für die politische Kommunikation derzeit nicht umgangen werden können, auch wenn das mit den eigenen Idealen schwer zu vereinbaren ist.

