AfD bei einem Wohltätigkeitsfest der DİTİB-Mevlana-Moschee in Lauf an der Pegnitz? Kann das möglich sein? Die Irritation hat sogar zwei Seiten: Eine Partei, die seit Jahren mit migrations- und islamfeindlichen Positionen auftritt, geht zu einer von Moslems organisierten Veranstaltung und die Einladung an diese Partei wird von der Moscheegemeinde selbst ausgesprochen, dem vermeintlichen Feindbild dieser Partei.
Oktay Demirel
Es geht noch weiter: Nach dem Besuch bedankte sich die AfD öffentlich für die Gastfreundschaft und sprach von einem gelungenen Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Generationen und kultureller Hintergründe. Kritische Reaktionen aus den eigenen Reihen beantwortete die Partei mit dem Hinweis, man müsse zwischen Institutionen und Menschen unterscheiden.
Diese Begründung sticht doch stark ins Auge. Die AfD betonte, ihre politische Kritik an DİTİB und deren Verbindungen zur türkischen Religionsbehörde Diyanet bleibe bestehen. Ebenso halte man an der Ablehnung staatlicher Kooperationen mit der Organisation fest. Der Besuch bedeute jedoch nicht, dass man den Kontakt zu den Menschen in den Gemeinden verweigere. Wer politische Kritik an einer Institution mit einer Ablehnung ihrer Mitglieder gleichsetze, verkenne demokratische Grundprinzipien, so die AfD.
Klingt widersprüchlich, oder? Wie kann eine Partei einerseits den politischen Islam, Migration und die „multikulturelle Gesellschaft“ kritisieren und andererseits den Dialog mit Muslimen suchen? Ganz einfach: mit dem Konzept des „Ethnopluralismus“, das in weiten Teilen der AfD, die schließlich regierungsfähig werden will, auf positive Resonanz stößt. Während „Hass gegen Ausländer“ früher häufig offen mit biologischen Unterschieden zwischen Menschen begründet wurde, bedienen sich die Neuen Rechten zunehmend eines anderen Vokabulars: „Identität“, „Kultur“, „Heimat“ oder „Tradition“ stehen im Mittelpunkt ihrer Argumentation. Ihr zentrales Konzept lautet „Ethnopluralismus“, dem nach, alle Kulturen gleichwertig seien, tatsächlich aber ihre räumliche und gesellschaftliche Trennung bräuchten. Anders als klassische rassistische Ideologien behauptet er nicht die Überlegenheit einer Kultur über eine andere, sondern dass jede Kultur ein Recht auf den Erhalt ihrer Identität und ihres angestammten Lebensraums habe. Migration und eine multikulturelle Gesellschaft werden als Bedrohung für die kulturelle Eigenständigkeit aller Gruppen betrachtet, vor allem, wenn sie sich vermischen (man beachte, dass ca. 30 Prozent der deutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat).
Vor diesem Hintergrund erscheint dieser Besuch nicht als Widerspruch. Aus ethnopluralistischer Sicht können Menschen verschiedener kultureller Hintergründe respektvoll miteinander umgehen, ohne dass daraus die Vorstellung einer gemeinsamen Einwanderungsgesellschaft entsteht. Andere Kulturen werden nicht notwendigerweise abgewertet, sondern als „anders“ definiert und auf ihren jeweiligen kulturellen Raum verwiesen. Die Trennung der Kulturen wird dabei als Voraussetzung dargestellt. Die Idee „Vergesst nicht eure Wurzeln und Kultur!“ war schon immer die Grundlage der DITIB-Organisationen.
Bei AfD und DİTİB scheint der zentrale Gedanke somit identisch zu sein: Gesellschaften sollen nicht durch gemeinsame politische Werte und gleiche Rechte zusammengehalten werden, sondern durch Trennung in kulturelle Gemeinschaften, die in sich homogen sein sollen. Hier stellt sich natürlich auch die Frage, wie homogen ein Bayer oder ein Ostfriese sein können, ohne lange drauf einzugehen. Die Idee einer freien Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam eine politische Gemeinschaft bilden und für ihre gemeinsamen Klasseninteressen kämpfen, steht damit im grundlegenden Widerspruch zum ethnopluralistischen Weltbild.

