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Fußballkrise und Fondsskandal in der Türkei: Wie säubert man etwas, das vom Schmutz lebt?

Drei Tage vor dem Istanbuler Derby zwischen Galatasaray und Beşiktaş im Oktober 2025 schickt der Süper-Lig-Schiedsrichter Yasin Kol seinem Chef eine Liste. Darauf das Gespann für das Spiel, mittendrin er selbst. Ferhat Gündoğdu, Vorsitzender der Zentralen Schiedsrichterkommission MHK, die festlegt, wer in der Türkei welches Spiel pfeift, gibt sein Okay. Angesetzt wird das Spiel wie von Kol bestellt, nur der Videoschiedsrichter ist ein anderer. So steht es in der Akte der Istanbuler Staatsanwaltschaft.

Yekta Doğan

Seit Anfang Oktober sitzt Gündoğdu in Untersuchungshaft, mit ihm vier weitere Funktionäre. Vorgeworfen werden ihnen Urkundenfälschung, Veruntreuung und illegal gesammelte Daten über die eigenen Schiedsrichter, gegen Kol hat die Staatsanwaltschaft am 5. Oktober Untersuchungshaft wegen Spielmanipulation beantragt. In den Chats auf Gündoğdus Handy tauchen außerdem dubiose Nachrichten mit İbrahim Hacıosmanoğlu auf, dem Präsidenten des türkischen Fußballverbands TFF. Vor einem Jahr trat Hacıosmanoğlu, mit Rückendeckung aus dem Präsidentenpalast, als „Retter“ des türkischen Fußballs vor die Kameras, präsentierte Hunderte Schiedsrichter mit Wettkonten und versprach: „Der ganze Schmutz muss weg.“ Jetzt wird vor seiner Tür gekehrt.

Wer in diesen Wochen türkische Nachrichten verfolgt, weiß, dass parallel dazu der „Fondsskandal“ viel Aufsehen erregt. Knapp zwei Wochen vor den Festnahmen im Fußball, am 17. September, zog die Kapitalmarktaufsicht SPK über hundert Investmentfonds aus dem Verkehr. Rund 455.000 Menschen kommen seitdem nicht mehr an ihr Geld, darunter viele, die jahrelang für eine Wohnung gespart oder vom schnellen Aufstieg geträumt hatten. Nach allem, was bisher bekannt ist, hatten die Fonds die Kurse ausgewählter Aktien künstlich hochgetrieben, diese Aktien als Sicherheit für Kredite verpfändet und damit die nächste Runde finanziert. Solange frisches Geld nachkam, lief es. Als mehrere Investoren ihr Geld abziehen wollten, platzte die Blase.  Mittendrin im Skandal: zwei stellvertretende Vorsitzende der Regierungspartei AKP. Die eine, Fatma Betül Sayan Kaya, soll mit ihrem Mann rechtzeitig ausgestiegen sein, mit rund zwei Milliarden Lira Gewinn. Der andere, Nihat Zeybekci, kam zu spät und erklärte sich zu „einem von 455.000 Geschädigten“, als hätte er mit dem Apparat, der das alles möglich gemacht hat, nichts zu tun.

Vorab: Hier geht es nicht um „türkische Verhältnisse“, als ob es so etwas hierzulande nicht gäbe. Beim Cum-Ex-Skandal haben sich Banken und Investoren jahrelang Steuern erstatten lassen, die nie gezahlt worden waren, unter den Augen der Behörden. Beispiele wie diese gibt es viele – auch im als „lupenrein“ geltenden Deutschland. Es geht darum, anhand dieser Beispiele das Systematische daran aufzuzeigen und von der bekannten Ausrede wegzukommen, man müsse nur die faulen Äpfel aussortieren. Genau das hatte auch Hacıosmanoğlu versprochen. Wenn aber über 150 Schiedsrichter wetten, über tausend Spieler vor dem Disziplinarausschuss landen und eine Kommission Spiele nach Gunst verteilt, dann sind das keine faulen Äpfel mehr. Dann reden wir über ein System.

Und ein System versteht man nicht, wenn man jeden Fall für sich betrachtet, den Fonds hier, den Schiedsrichter dort. Man muss fragen, was sie verbindet. Hier wie dort sitzen Leute aus dem Machtapparat mitten im Geschäft. Hier wie dort haben die Aufseher weggesehen oder mitgemischt. Und hier wie dort kommen die Details nicht durch Kontrolle ans Licht, sondern weil sich entweder jemand innerhalb der Macht einen Vorteil davon verspricht oder Kräfte außerhalb des Machtapparats sie gegen dessen Willen öffentlich machen.

Ein Jahr „Säuberung“

Seit Hacıosmanoğlus Auftritt im Oktober 2025 rollt die Lawine. Nach den Schiedsrichtern traf es die Spieler, dann die ersten Klubpräsidenten, im Sommer 2026 Funktionäre, die auf Niederlagen des eigenen Vereins gesetzt haben sollen. Jetzt ist sie bei denen angekommen, die die Schiedsrichter einteilen. Für Hacıosmanoğlu wird die Luft dünn. Die Auszüge aus der Akte erscheinen in Sabah, A Haber und Yeni Şafak, Blättern aus dem engsten Umfeld des Palastes. Erste Vorstandsmitglieder sind zurückgetreten, er selbst will bleiben. Warum gerade jetzt, und warum gerade dort? Darauf kommen wir zurück.

Jeder Pfiff hat einen Preis

Warum ausgerechnet Schiedsrichter? Weil ihre Entscheidungen im populärsten Spiel der Welt bares Geld sind. Sender kaufen die Bilder eines Spiels, Sponsoren die Aufmerksamkeit, aber das meiste Geld bewegt, wer auf die Ungewissheit wettet. Der Staat sitzt mit am Tisch: Legale Sportwetten laufen über die staatliche Behörde Spor Toto, die am Umsatz mitverdient. Daneben wuchert ein illegaler Markt, dessen Größe niemand seriös beziffern kann, der aber, wie wir gleich sehen, bis auf die Trikots der Großklubs reicht.

Die Klubs stecken bis zum Hals in der Kreide. Galatasaray, Fenerbahçe, Beşiktaş und Trabzonspor schulden zusammen rund 1,6 Milliarden Euro. Für sie ist ein Sieg keine rein sportliche Frage, sondern eine von Europapokalgeld und vom Abbezahlen der Bankkredite. Wenn aber ein Elfmeter über Millionen entscheidet, wird der Mann mit der Pfeife zum Investitionsobjekt. Und wer bestimmt, welcher „Unparteiische“ welches Spiel pfeift, verwaltet einen Wert. Die MHK-Akte liest sich deshalb weniger wie ein Kriminalroman als wie eine Buchhaltung: Ansetzung gegen Loyalität, Beförderung gegen Gefälligkeit.

Die Schulden aber bleiben. Aus dem laufenden Geschäft lassen sie sich nicht abbezahlen, dort machen die vier Großen zusammen Verlust, und die Banken wollen ihr Geld trotzdem. Wer hält die Klubs also über Wasser?

Wer zahlt, will glänzen

Zum Beispiel die Familiendynastie Koç. Bei der größten Kapitalistenfamilie des Landes sitzt das Geld locker, sobald ein Ball rollt. Ali Koç hat Fenerbahçe in seiner Amtszeit jahrelang aus eigener Tasche gestützt. Sein Vater Rahmi Koç überwies vergangenen Monat 40 Millionen Euro an die Banken, bei denen der Rivale Beşiktaş verschuldet ist. Das sind beim aktuellen Kurs gut 6.300 Jahre türkischer Mindestlohn. Bei den eigenen Arbeitern sitzt das Geld weniger locker. Die Koç-Raffinerie Tüpraş machte 2024 über 18 Milliarden Lira Gewinn. Ihren Arbeitern bot der Konzern im Frühjahr 2025 trotzdem nur 21 Prozent mehr Lohn, weit unter der Inflation. Erst als die Belegschaft Ende April die Arbeit niederlegte, legte Koç deutlich nach. Großzügig ist man bei Koç offenbar nur auf dem Rasen. Und auch dieses Geld haben vorher die Arbeiter in Raffinerien und Fabriken erarbeitet.

Ein Blick in die Präsidentenlogen zeigt, woher das Geld sonst noch kommt. Bei Fenerbahçe regiert seit Juni wieder Aziz Yıldırım. Sein Vermögen hat er nicht mit Fußball gemacht: Seine Firma Maktaş hat Aufträge über Hunderte Millionen Dollar abgewickelt, viele davon Infrastrukturprojekte für die NATO. Bei Beşiktaş sitzt Serdal Adalı, dessen Holding seit Jahrzehnten für die US-Armee und -Luftwaffe baut und liefert, unter anderem auf dem Stützpunkt Manas, über den der Krieg in Afghanistan versorgt wurde. Bei Galatasaray wurde im Mai der Hotelier Dursun Özbek zum vierten Mal gewählt. Er soll dem Klub über 20 Millionen Euro aus eigener Tasche zugeschossen haben. Yıldırım und Adalı standen übrigens 2012 schon einmal vor Gericht wegen Spielmanipulation. Beide wurden verurteilt und 2015 freigesprochen. Warum, dazu später.

Am offensten geht es in Çorum zu. Seit dieser Saison spielt dort zum ersten Mal ein Klub in der Süper Lig, der den Namen eines Munitionsherstellers trägt: Arca Çorum FK. Erdoğan gratulierte persönlich zum Aufstieg. Arca baut gerade in Estland ein Werk für 155-Millimeter-Artilleriegranaten, im eigenen Sponsoring-Text heißt es, man wolle „zu unserer Heimat Çorum und zum Sport beitragen“. Granaten für die NATO-Ostflanke, Tore für die Heimat. „Sportswashing“ lässt sich hier in seiner unmaskiertesten Form beobachten: Derselbe Name, der auf den Granaten steht, steht jetzt auf dem Trikot. Fußballbegeisterte aus Deutschland denken jetzt sicher an Rheinmetall, dessen Werbung die Pressewände und die Stadionfassade von Borussia Dortmund schmückt.

Trikots, Wettscheine, Wohnungen

Aber nicht alle wollen glänzen. Manche wollen waschen.

Bei Galatasaray unterschreibt im September 2023 Präsident Dursun Özbek persönlich einen Vertrag mit Uğur Vergili, Chef von Başkent İnşaat, für Werbung auf den Hosen. Keine drei Wochen später wird Vergili bei einer Operation gegen die „Şahinler“-Mafiabande gefasst. Im Januar 2026 verurteilt ihn ein Istanbuler Gericht zu über 20 Jahren Haft, zur Urteilsverkündung erscheint er nicht mehr. Ein Jahr nach Vergili prangt „meritking.news“ auf dem Rücken der Galatasaray-Trikots, angeblich ein Sportnachrichtenportal, vom Verband abgesegnet. Meritking ist zugleich der Name einer der bekanntesten illegalen Wettseiten des Landes. Alarm schlug nicht die Aufsicht, sondern die NET Holding, ein Konzern, der in Nordzypern Hotels mit Casinos unter dem Namen „Merit“ betreibt. Der Konzern fürchtete um seine Namensrechte und seinen Ruf (wenn Glücksspielkonzerne die Sittenwächter spielen, ist der Abend schon fortgeschritten). Nach gut zwei Wochen war der Vertrag gekündigt. Ein paar Monate später kursierte ein Video, auf dem Meritking Galatasaray-Trikots an Kinder einer Dorfschule verteilt. Heute wirbt auf dem Ärmel ein lizenzierter Anbieter. Die Ware ist dieselbe, nur die Lizenz ist jetzt da.

Den Stadionnamen hatte sich 2021 Erden Timur gekauft, mit dem bis dahin teuersten Namensdeal im türkischen Sport. Aus dem Sponsor wurde ein Vizevorsitzender der Galatasaray-Fußball-AG. Heute stehen Timurs Immobilienfirmen wegen Geldwäsche unter Zwangsverwaltung, er selbst soll das Geld eines Wettbarons über Wohnungsverkäufe gewaschen haben.

„Säubern“ heißt im Kapitalismus umverteilen

Bleibt die Frage, warum gerade jetzt aufgeräumt wird und warum die Akte ausgerechnet in den Palastmedien landet. Die Antwort führt über den Fußball hinaus.

Die herrschende Klasse der Türkei ist kein geschlossener Block. Da ist das alte Istanbuler Großkapital, Familiendynastien wie Koç und Sabancı, die schon reich waren, als es die AKP noch gar nicht gab. Da sind die Konzerne, die unter der AKP mit Staatsaufträgen groß geworden sind, im Bau, in der Energie, in der Rüstung. Und quer dazu stehen die Cliquen im Machtapparat selbst, rund um Ministerien, Familien und Parteiflügel, zusammengehalten von Vetternwirtschaft und Korruption. Sie alle leben vom selben System, aber sie konkurrieren darum, wer wie viel davon abbekommt: Ausschreibungen, Lizenzen, Kredite, Medien – und Vereine, die Prestige und den Zugang zu Millionen Menschen bringen.

Und wer entscheidet, wer was bekommt? Der Staat. Engels nannte ihn den „ideellen Gesamtkapitalisten“: Er sorgt dafür, dass das Geschäft als Ganzes läuft, auch wenn er dafür einzelnen Kapitalisten auf die Füße treten muss. In der Türkei tritt er besonders kräftig zu. Er verteilt nicht nur Aufträge und Lizenzen, er nimmt auch wieder weg. Eines seiner Werkzeuge dafür heißt TMSF, offiziell ein Einlagensicherungsfonds. Wer ins Visier der Justiz gerät, und dahin gerät man in der Türkei selten zufällig, dessen Firmen kommen unter Zwangsverwaltung, und von dort wandern sie weiter. Eyüpspor kam im Januar mitsamt den Firmen seines Präsidenten, der im Wettskandal verhaftet worden war, unter die Verwaltung des Fonds. Kasımpaşa, der Klub aus Erdoğans Kindheitsviertel, der im „Recep-Tayyip-Erdoğan-Stadion“ spielt, geriet 2025 in ein Geldwäscheverfahren, kam ebenfalls an den Fonds und ging im Februar an die Kazancı Holding. Deren Eigentümer ist laut Forbes der zweitreichste Mann des Landes.

Wie es dagegen aussieht, wenn man zum engsten Kreis der Macht gehört, zeigt der Istanbuler Klub Başakşehir. Geführt wird er von Göksel Gümüşdağ, der mit einer Nichte von Emine Erdoğan verheiratet ist. Namenssponsor war die Klinikkette „Medipol“ des späteren Gesundheitsministers Fahrettin Koca. Das Stadion wurde mit öffentlichem Geld gebaut, ausgeführt von der Kalyon-Gruppe. Kalyon gehört auch die Mediengruppe Turkuvaz, also Sabah und A Haber. Es sind dieselben palastnahen Medienhäuser, die jetzt die Chats des Schiedsrichterchefs drucken.

Wie schnell sich aber die Fronten drehen können, zeigt der Manipulationsprozess von 2011. Damals waren AKP und Gülen-Bewegung noch Verbündete, Polizei und Justiz gingen gegen Fenerbahçe und Beşiktaş vor, Yıldırım und Adalı wurden verurteilt. Dann zerbrach das Bündnis. Aus dem Prozess wurde eine „FETÖ-Verschwörung“, die Funktionäre wurden freigesprochen und die Ermittler landeten im Gefängnis. Die Bewertung folgte der politischen Wetterlage: Solange die Gülen-Leute im Staat mitregierten, waren die Funktionäre Betrüger, als sie zum Staatsfeind wurden, waren dieselben Funktionäre Opfer einer FETÖ-Verschwörung.

Dasselbe Spiel bei den Sponsoren: Im April 2016 trennte sich Galatasaray mitten in der Laufzeit von seinem Trikotsponsor Dumankaya, nachdem dessen Manager wegen mutmaßlicher Gülen-Verbindungen festgenommen worden waren. Solange das Geld floss, war seine Herkunft kein Thema. Schmutzig wurde es erst, als der Machtapparat es dazu erklärte.

Vor diesem Hintergrund lesen sich die Leaks im Fall Gündoğdu anders. Hacıosmanoğlu galt bei seiner Wahl 2024 als Kandidat mit Rückendeckung aus Ankara. Wenn nun ausgerechnet die Palastmedien seine Chats veröffentlichen, spricht vieles dafür, dass er einer anderen Clique im Regierungslager im Weg steht, die den Verband und das Geld, das durch ihn fließt, lieber selbst verwalten will. Auch beim Fondsskandal verläuft die Grenze mitten durch die Macht. Dass eine AKP-Vizechefin rechtzeitig aussteigt und ein AKP-Vizechef nicht, sagt einiges darüber, wer innerhalb der Macht was wann erfährt. Öffentlich gemacht hat das nicht die Aufsicht, die jahrelang nichts gesehen hat, sondern ein Oppositionspolitiker, der Sayan Kayas Börsengeschäfte mit Kaufzeitpunkt und Kurs vorlegte.

Und was passiert jetzt mit ihr? Sayan Kaya ist als Parteivize zurückgetreten und hat Berichten zufolge mit ihrem Mann rund 2,2 Milliarden Lira an die Staatskasse überwiesen, etwa so viel, wie die beiden verdient haben sollen. Angeklagt ist sie nicht, vernommen wurde sie bis heute nicht. Der Grund: Bei Börsendelikten darf die Staatsanwaltschaft nur ermitteln, wenn die Aufsicht Anzeige erstattet. Die SPK hat 37 Personen angezeigt. Eine Anzeige gegen Sayan Kaya und ihren Mann ist seit Ende September angekündigt, gestellt wurde sie bisher nicht. Wer nah genug an der Macht sitzt, gibt den Gewinn zurück und geht nach Hause. Bis jetzt jedenfalls.

Das also ist die Säuberung, von der Hacıosmanoğlu sprach: Der Schmutz wird nicht weggekehrt, er wechselt nur den Besitzer. Und egal, welche Clique am Ende oben liegt: Die Kleinsparer warten weiter auf ihr Geld, und die Fans bekommen ihren Fußball nicht zurück.

Politur für die Tribüne

Warum aber zahlen Kapitalisten für Vereine, die Jahr für Jahr Verluste schreiben? Weil das Geld in anderer Form zurückkommt. Als Ansehen: Der Name Koç steht dann für Meisterfeiern und große Transfers statt für Lohnkämpfe, Arca für Tore statt für Granaten. Als kurzer Draht zur Macht, wie ihn Başakşehir vorführt. Und als etwas, das sich schwer beziffern lässt: Ruhe.

Fußball ist eine der größten Bühnen, auf denen massenhaft Gefühle entstehen. Wer sich an diese Bühne hängt, wärmt sich an der Treue der Fans. So wird der Fußball zur Politur, die den Schmutz nicht wegmacht, sondern zum Glänzen bringt. Wer unter der Woche bei Arçelik am Band steht und Fenerbahçe im Herzen trägt, hat bis vor Kurzem am Wochenende dem Sohn des Konzernpatriarchen zugejubelt. Der Arbeiter aus Kadıköy und der Arbeiter aus Beşiktaş stehen sich gegenüber, als ginge es um ihr Leben. Ihre Präsidenten und Geldgeber dagegen helfen einander aus der Patsche: Ein Koç führte jahrelang Fenerbahçe, sein Vater bezahlt die Schulden von Beşiktaş.

Dass diese Ruhe nicht garantiert ist, wissen die Herrschenden genau. Nach dem Erdbeben im Februar 2023 hallte „Hükümet istifa“ (Regierung, tritt zurück) durch die Stadien. Nach den Gezi-Protesten standen Mitglieder der Beşiktaş-Fangruppe „Çarşı“ wegen angeblichen Umsturzversuchs vor Gericht, weil sie die Proteste massiv unterstützt hatten. Auf der Tribüne schreien Zehntausende gemeinsam. Was sie schreien, ist nicht unwichtig – vor allem nicht für die Herrschenden.

Kein türkisches Sonderproblem

Bevor sich der europäische Fußball zurücklehnt: Am 29. September, am selben Tag, an dem Gündoğdu festgenommen wurde, sprach eine unabhängige Kommission der Premier League Manchester City in fast allen 115 Anklagepunkten schuldig. Der Klub, der seit 2008 einem Mitglied der Herrscherfamilie von Abu Dhabi gehört, hat laut Urteil über Jahre seine Einnahmen mit aufgeblähten Sponsorenverträgen von Firmen aus dem eigenen Umfeld geschönt, um mehr als eine Milliarde Dollar. Ligachef Richard Masters nennt es den bedeutendsten Fall in der Geschichte der Premier League. Dabei ist es nur die konsequente Form dessen, was der englische Fußball seit Gründung der Premier League geworden ist: ein Anlagemarkt für Staatsfonds, Oligarchen und Finanzinvestoren.

Und ganz oben? FIFA-Präsident Gianni Infantino überreichte Donald Trump im Dezember 2025 bei der WM-Auslosung in Washington einen eigens erfundenen „FIFA-Friedenspreis“. Im März 2026, wenige Tage nach Beginn der US-israelischen Angriffe auf Iran, stand Lionel Messi mit Inter Miami lächelnd im Weißen Haus.

Was heißt das? Es gibt keinen „sauberen“ Fußball im Kapitalismus, genauso wenig wie es einen „sauberen“ Kapitalismus gibt, an dem man den türkischen als besonders „schmutzig“ messen könnte. Es gibt nur den Schmutz in konkreten Formen: in England mit Scheichs und Finanzinvestoren, bei der FIFA mit Friedenspreisen für Kriegsherren, in der Türkei mit NATO-Bauunternehmern, Wettbaronen und einem Staat, der Klubs per Zwangsverwalter umverteilt. Die Formen unterscheiden sich, das Gesetz dahinter ist dasselbe. Wo der Sport zur Ware wird, kaufen sich die Kapitalisten ein, und mit ihnen ihre Interessen und ihre Machtkämpfe. Die Türkei ist deshalb kein exotischer Sonderfall, über den man in Deutschland den Kopf schütteln kann, sondern der Fall, an dem man das Ganze besonders gut sieht, weil die Krise dort die Schminke abgewaschen hat.

Wem gehört das Spiel?

Was folgt daraus? Vielleicht kommt bald ein neuer Verbandspräsident, dazu ein neuer MHK-Chef, eine neue Prüfungsordnung und eine Kampagne gegen illegale Wetten mit hübschen Videos und noch hübscheren Sponsoren. In einem Jahr werden die Namen andere sein. Das Prinzip bleibt, solange Klubs Kapitalanlagen sind, Spiele Wettobjekte und Vereinsvorsitze das Mittel, mit dem sich Kapitalisten den Ruf kaufen, den ihnen ihre Fabriken nicht verschaffen.

Die, ohne die das alles nichts wert wäre, stehen auf den Rängen und vor den Bildschirmen. Sie füllen die Stadien, kaufen die Trikots, sorgen für die Einschaltquoten und setzen die Wetten, auf denen Sender und Wettanbieter ihre Geschäfte bauen. Nur gehört ihnen nichts davon. Das zu ändern, entscheidet sich nicht auf dem Rasen und nicht in einer Kongresssitzung der TFF oder des DFB, sondern dort, wo überhaupt entschieden wird, wem was gehört: im organisierten Kampf derer, die mit ihrer Arbeit den Reichtum schaffen, mit dem andere sich ihre Vereine kaufen.

Das Kapital, schrieb Marx, kommt „von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend“ zur Welt. Das Kapital ist jetzt „Erwachsen“ und der Schmutz ist sein Geburtsmal. Einen „sauberen“ Kapitalismus hat es nie geben. „Der ganze Schmutz muss weg“, hat Hacıosmanoğlu gesagt. Da hat er ausnahmsweise recht.

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