Unter dem Namen „Ailem Güvende” – „Meine Familie ist sicher” – geht der türkische Staat massiv gegen LGBTI+-Organisationen und Menschen aus ihrem Umfeld vor. In 15 Provinzen wurden Ermittlungen gegen 162 Personen sowie neun Vereine und 13 Unternehmen eingeleitet. Wohnungen und Vereinsräume wurden durchsucht, Menschen festgenommen, Inventar beschlagnahmt.
Begründet wird das Vorgehen mit Vorwürfen wie „Obszönität”, „Prostitution“, „Drogenbesitz“ und „Verstößen gegen das Vereinsrecht“. Justizminister Akın Gürlek stellte die Operation zugleich in den Zusammenhang mit der von Erdoğan ausgerufenen „Familien- und Bevölkerungsdekade 2026–2035″.
Damit wird die politische Kampagne der AKP fortgeführt. Denn betroffen sind auch Organisationen wie Kaos GL, Pembe Hayat, SPoD, 17 Mayıs, Lambdaistanbul und ÜniKuir, die seit Jahren für die Rechte von LGBTI+-Menschen arbeiten.
Wer schützt eigentlich die Kinder?
Besonders häufig wird das Vorgehen mit dem Schutz von Kindern begründet. Kinder müssten vor sexueller Ausbeutung und Gewalt geschützt werden – daran besteht kein Zweifel. Aber Kinderschutz darf nicht zu einem politischen Vorwand werden, um eine ganze gesellschaftliche Gruppe unter Generalverdacht zu stellen. Gleichzeitig wird sich so alten rechten Narrativen bedient, die LGBTI+ Personen in Zusammenhang mit Gewalt an Kindern setzen – eine haltlose Behauptung, die dazu dient, sie weiter zu stigmatisieren und zu kriminalisieren. Vor allem stellt sich die Frage: Wie ernst meint es die Politik tatsächlich mit dem Schutz von Kindern?
In der Türkei müssen hunderttausende Kinder und Jugendliche statt zur Schule zur Arbeit gehen. Nach Angaben der İSİG („Rat für Arbeitssicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz”) starben allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres mindestens 40 Kinder bei Arbeitsunfällen. Im August kamen weitere 15 Kinder und Jugendliche hinzu.
Hinter diesen Zahlen stehen keine abstrakten Fälle. Es sind Kinder, die in Fabriken, Werkstätten, auf Baustellen oder im Rahmen von Ausbildungsprogrammen arbeiten. Sie sterben, weil ihre Familien auf ihr Einkommen angewiesen sind und weil Arbeit für Kinder und Jugendliche längst zu einem Teil des sozialen Alltags geworden ist.
Allein 2025 starben nach den von Evrensel zitierten İSİG-Daten mindestens 94 Kinder bei der Arbeit. Gleichzeitig waren nach Angaben von Abgeordneten und Gewerkschaften rund 1,5 Millionen Kinder aus der Schule ausgeschieden. Kinder müssen überall geschützt werden – vor sexuellem Missbrauch ebenso wie vor Ausbeutung, Armut und tödlichen Arbeitsbedingungen.
Kindesschutz ist aber für die Regierung nur ein Vorwand. Wenn Kinder arbeiten gehen müssen, um ihre Familien durchzubringen, ist es kein Problem. Wenn Kinder mit Erwachsenen verheiratet werden, was in der Türkei immer wieder vorkommt, und die Regierung das nicht verfolgt, gibt es kein Problem. Aber ausgerechnet Kindesschutz soll es jetzt sein, der die Verfolgung von marginalisierten, oppositionellen Gruppen rechtfertigen soll.
Repression trifft die kritische Öffentlichkeit
Die Entwicklung beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf LGBTI+-Organisationen. Auch im digitalen Raum werden oppositionelle Stimmen zunehmend eingeschränkt. Konten werden mit Verweisen auf „nationale Sicherheit”, „öffentliche Ordnung” oder „Obszönität” gesperrt.
Am 14. September traf es unter anderem die X-Konten der Zeitung Evrensel, von Amnesty International Türkei, den Barış Akademisyenleri (Akademiker für den Frieden) und der Medienrechtsorganisation MLSA. Bereits zuvor waren unter anderem die Konten von soL Haber und dem Aile Dayanışma Ağı gesperrt worden. Im Juni traf die Sperrwelle auch linke Jugend- und Massenorganisationen wie Emek Gençliği, SOL Genç und Halkevleri.
Evrensel erklärte nach der Sperrung seines X-Kontos, die Zeitung werde dadurch nicht zum Schweigen gebracht. Für die Zeitung ist der Vorgang Teil eines seit Jahren andauernden staatlichen Drucks auf kritische Medien.
Auch die EMEP-Abgeordnete Sevda Karaca reagierte auf die Operation. Sie forderte die Freilassung der Festgenommenen und betonte, dass die Verteidigung der Rechte von LGBTI+-Menschen zugleich die Verteidigung der Rechte und Freiheiten aller bedeute.
Das ist auch aus menschenrechtlicher Sicht der entscheidende Punkt. Menschenrechte gelten nicht erst dann, wenn man mit den Betroffenen politisch übereinstimmt. Gerade Minderheitenrechte zeigen, ob ein Staat bereit ist, gleiche Rechte auch dort zu gewährleisten, wo gesellschaftliche Mehrheiten sie nicht verteidigen.
Politischen Positionen, auch von LGBTI+ Gruppen, dürfen kritisiert werden. Aber ihre Existenz, ihre Organisation und ihre öffentliche Arbeit dürfen nicht allein deshalb kriminalisiert werden, weil sie nicht in das von der Regierung propagierte Familienbild passen.
Die verschiedenen betroffenen Gruppen sind politisch keineswegs identisch. Eine LGBTI+-Organisation, eine sozialistische Jugendorganisation, eine Gewerkschaft, eine linke Zeitung oder eine Menschenrechtsorganisation verfolgen unterschiedliche Ziele. Doch sie haben etwas gemeinsam: Sie beanspruchen Öffentlichkeit und organisieren Menschen außerhalb der staatlich vorgegebenen Grenzen.
Genau diese unabhängige Öffentlichkeit wird zunehmend unter Druck gesetzt.
„Ailem Güvende” klingt nach Schutz. Doch eine Gesellschaft wird nicht dadurch sicherer, dass der Staat festlegt, welche Lebensweise als normal gilt und welche als Gefahr behandelt wird.
Familien brauchen Schutz vor Gewalt und Armut. Kinder brauchen Schutz vor Missbrauch – aber auch davor, ihre Kindheit in Fabriken, Werkstätten und auf Baustellen zu verlieren. Und Menschen brauchen Schutz davor, wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer politischen Tätigkeit oder ihrer öffentlichen Kritik staatlich verfolgt zu werden.
Das ist kein Widerspruch. Es ist derselbe Kampf um das Recht, selbstbestimmt und ohne staatliche Repression leben zu können.
Die Operation „Ailem Güvende” steht deshalb für mehr als eine Reihe von Festnahmen. Sie zeigt, wie der Begriff der Familie zunehmend politisch aufgeladen und mit Moral, staatlicher Kontrolle und Repression verbunden wird.
Wer entscheidet, welche Familie geschützt werden soll – und wer schützt die Kinder, deren Leben durch Armut und Ausbeutung gefährdet sind?

