Am 30. Oktober jährt sich das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei zum 65. Mal. Wie es der Schriftsteller Max Frisch und später der Musiker Cem Karaca ausdrückten, wurden zwar Arbeiter gerufen, doch „es kamen Menschen an“. 65 Jahre nachdem der erste sogenannte „Gastarbeiter“ deutschen Boden betrat, sind die Türkeistämmigen fester Bestandteil der Gesellschaft hier – mit alten und neuen Herausforderungen.
Alev Bahadır*
Die Geschichte der Migration der Türkeistämmigen nach Deutschland ist ausreichend bekannt und in den vergangenen Jahren auch immer wieder Gegenstand unserer Artikel, aber auch von Filmen, Liedern, Büchern und Theaterstücken gewesen. Im Kern stand das Interesse der deutschen Unternehmen und der deutschen Politik mit Arbeitskräften aus dem Ausland die Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg anzukurbeln. Wie auch heute noch, erfolgte die Migration aus einer reiner Verwertungslogik. Die Arbeitskräfte sollten herkommen, arbeiten und schnell zurückgehen. Maßnahmen für eine Einbindung der Menschen gab es nicht, sie waren geholt worden, um sie anschließend wieder wegzuschicken.
Natürlich entwickelte sich alles anders. Aus dem Plan von einem Jahr wurden Jahrzehnte. Familien wurden nachgeholt, erste Kinder in Deutschland geboren. Man baute Häuser im Dorf in der Heimat, aber lebte nie darin. Auch wenn die Sehnsucht blieb, überwog die soziale – und oft auch politische – Sicherheit, die man in Deutschland erarbeitete. Geschenkt wurde den Türkeistämmigen und anderen Arbeitern aus dem Ausland nichts. Die Jahrzehnte waren geprägt von Knochenarbeit, sozialer Ausgrenzung, Rassismus, aber auch wilden Streiks und politischen Kämpfen.
Bald organisierten sich die Türkeistämmigen. Mit größeren Wellen von politischen Geflüchteten aus der Türkei spiegelte sich auch die ideologische Bandbreite zusehends in Deutschland wider. Faschistische Gruppen, wie die Grauen Wölfe, gründeten hier Ableger, genauso wie linke Gruppen. Mit DITIB ist eine Behörde des türkischen Staats unmittelbar in Deutschland vertreten. Und Ende der 1970er bzw. Anfang der 1980er gründeten sich in vielen Orten Vereine, die sich 1980 der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF) anschlossen. Bis heute kämpfen wir Seite an Seite mit unseren Kolleginnen und Kollegen mit und ohne Migrationshintergrund für eine Gesellschaft ohne Rassismus, Aufrüstung und Sozialabbau. Gleiche Rechte, das fordern wir bis heute, und ist auch dringend notwendig.
Diskriminierung ist nach wie vor vorhanden
Heute leben rund 3 Millionen Türkeistämmige in Deutschland und bilden somit die größte Gruppe der Migranten. Etwas mehr als die Hälfte besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft, der Rest sind noch türkische Staatsbürger. Menschen mit Migrationshintergrund, unter ihnen auch Türkeistämmige, sind überdurchschnittlich oft von Diskriminierung auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt betroffen. So erhalten bei der Wohnungssuche Bewerber mit einem türkisch- oder kurdischklingenden Namen – trotz gleicher Voraussetzungen – 25 % seltener eine positive Rückmeldung als Menschen mit deutschem Nachnamen. Auch wenn es Entwicklungen gab, studieren sie seltener und arbeiten öfter im Niedriglohnsektor als Menschen ohne Migrationshintergrund, was einander auch bedingt. In kaum einem anderen Land der Welt ist z.B. der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft abhängig wie in Deutschland. Kinder aus Arbeiterfamilien – was die meisten Türkeistämmigen bis heute sind – haben es doppelt und dreifach schwer, Anschluss auf dem Gymnasium zu finden und später zu studieren. Struktureller Rassismus, sei es in der Schule, auf dem Amt oder bei der Polizei, führen heute noch dazu, dass wir nicht von einer echten Chancengleichheit sprechen können. In den extremsten Beispielen führt der Rassismus zu physischer Gewalt, zur Ermordung, wie es u.a. in Hanau oder bei den NSU Morden der Fall war, und zur fehlenden Aufklärung durch die Behörden, weil diese ebenfalls in rassistischen Mustern ermitteln.
Was sich verändert hat
65 Jahre gehen natürlich nicht spurlos an einer Gruppe vorbei, auch wenn alles dafür getan wird, damit sie sich nicht als Teil der Gesellschaft fühlen. Deutschland hat bis in die 2000er Jahre geleugnet ein „Einwanderungsland“ zu sein. Entsprechend gab es lange Zeit keine Programme, Förderungen usw. Auf dem Rücken von Migranten, auch von Türkeistämmigen, wird bis heute Wahlkampf und Politik gemacht, wie wir es 2025 gesehen haben und heute noch sehen. Es hieß dann nicht mehr „das Boot ist voll“ wie noch in den 1990ern. Aber es wurde gesprochen von „straffällig“ gewordenen Migranten, von „irregulärer“ Migration, von „importierten Antisemitismus“ um nur einige von vielen Beispielen zu nennen. Gleichzeitig versucht die türkische Regierung gemeinsam mit ihren Lobbygruppen weiterhin einen Keil in die Menschen hier zu treiben.
Nichtsdestotrotz ist die Ausgangslage eine andere als 1960. Viele von uns sind hier geboren, sprechen besser Deutsch als Türkisch. Kennen die Türkei als Land, in dem Familienmitglieder leben und in dem Urlaub gemacht wird, aber nicht als Zuhause. Viele sind in der Nahrungskette nicht mehr ganz weit unten, arbeiten in guten Jobs, haben vielleicht auch ein Eigenheim, leben ein gutbürgerliches Leben. Sicherlich nicht alle und die oben beschriebenen Probleme bestehen weiter. Doch diese Tatsache eröffnet auch neue Probleme.
Türkeistämmige Menschen sind nicht frei von ihrer sozialen Zugehörigkeit und von Vorurteilen. Nur, weil die Großeltern oder Eltern selbst unter den schwierigsten Bedingungen hier gelebt und gearbeitet haben, bedeutet das nicht, dass es eine „natürliche Empathie“ mit Menschen gibt, die einen ähnlichen Weg heute durchmachen. Im Gegenteil, „nach unten treten“ ist eine beliebte Strategie, um die Menschen zu spalten. So wie der Deutsche nach unten tritt, wenn er seine Zukunft durch Sozialabbau und Angriff auf Rente und Arbeitsrechte gefährdet sieht, so passiert das auch bei dem Türkeistämmigen. So wie es heute mehr türkeistämmige Autoren, Schauspieler, Anwälte – ja sogar Bürgermeister oder Ministerpräsidenten gibt – so gibt es auch mehr, die sich von der Spaltungspolitik der Rechten beeinflussen lassen. Die „neuen“ Migranten seien das Problem. Dass diesen „Neuen“ ähnliche Ressentiments begegnen, wie unseren Großeltern wird hier ignoriert oder wegdiskutiert, indem man so tut, als wäre man selbst ja „anders“ gewesen. Und auch der Einfluss der reaktionären türkischen Kräfte, die den Zusammenhalt und Solidarität für eine bessere Zukunft für alle schwächen, indem sie die kulturellen und religiösen Unterschiede in den Vordergrund stellen, ist nach wie vor vorhanden.
65 Jahre sind eine lange Zeit, in der Entwicklungen passiert sind. In der vieles aber noch keine Fortschritte gemacht hat. Vor allem aber müssen die türkeistämmigen Werktätigen in Deutschland noch umso mehr Teil der sozialen Bewegungen werden. Wir müssen gemeinsam mit jenen ohne Migrationshintergrund bei antifaschistischen Kämpfen, in der Friedensbewegung und bei Arbeitskämpfen für eine bessere Gesellschaft einstehen. Bewegung gibt es, Türkeistämmige sind längst Teil der Gesellschaft – aber es ist noch viel zu tun.
*Alev Bahadır ist die Vorsitzende der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF)

