Auf der Militärmesse in Nürnberg Ende Februar wurden unter einer Fremdmarke Militärfahrzeuge auf Basis von VW Amarok und Crafter gezeigt. VW orientiert sich hin zur Rüstungsproduktion. Unten findet sich eine Abschrift von einem Interview, dass wir auf YouTube mit Lars Hirsekorn, Betriebsrat bei VW Braunschweig, geführt haben.
Lars, weshalb präsentierte VW die Fahrzeuge in Nürnberg unter einer Fremdmarke? Will VW Kritik umgehen?
Ja, das ist ein kleiner Erfolg der Antikriegsbewegung. VW findet es unangenehm, den Namen an Rüstung zu hängen. Sie wiegeln in der Öffentlichkeit ab, um Kritik zu entgehen. Doch Wolfgang Porsche plädiert schon länger dafür, weil die Renditen höher sind, als auf dem Zivilmarkt. Denn bei Rüstung zahlt der Staat jeden Preis, der aufgerufen wird.
Wie ist die Stimmung im Werk Osnabrück, wo die Fahrzeuge gebaut wurden? Und wie bei euch in Braunschweig?
Die Osnabrücker Kollegen, die ich kenne, halten sich bedeckt. Doch klar ist: Die meisten wollen normale Autos, keine Militärgüter, bauen. Würden wir bei der aktuellen Auslastung bleiben, müsste man die Arbeit aufteilen – via Arbeitszeitverkürzung. Doch im Tarifvertrag wurde sich auf Verlängerung geeinigt, was Kollegen sauer aufgestoßen ist. Zudem sehe ich keine Bereitschaft der IG Metall zur Auseinandersetzung mit dem Konzern. Viele Kollegen werden zwangsläufig mitmachen, einige kündigen sicher. Wir müssen gesamtgesellschaftlich und in der IG Metall die Debatte „Was produzieren wir?“ führen. Das wird die nächsten Monate prägen.
Eure Erklärung „Nein zum Umbau auf Kriegswirtschaft“ beruft sich auf § 2 der IG-Metall-Satzung. Zugleich zeigt sich VW-Betriebsratschefin Cavallo für Rüstung offen. Wie passt das?
Viele IG-Metall-Vorstandsmitglieder fühlen sich ohnmächtig vor der Schließungswelle in der Automobilindustrie und bei Zulieferern – dort lockt die Rüstung mit einem gigantischem Topf. Doch waren es die Erfahrungen aus zwei Weltkriegen, die den Abrüstungsparagrafen in die Satzung gebracht haben. Denn Arbeiter verlieren nur an Kriegen. Statt dem einfachen Weg muss die Auseinandersetzung mit den Konzernen gesucht werden.
Wie oft kommt das Argument, man könne vorübergehend Rüstung produzieren, bis die aktuelle Flaute überwunden ist?
Kaum. Sie hält auch keiner Überprüfung stand. Denn der Rüstungsmarkt ist schädlich für die Gesellschaft. Spätestens zu Friedenszeiten jammern dann die Rüstungsarbeiter. Hinzu kommen die Auswirkungen der Rüstung. Durch die Ölpreisexplosion beispielsweise wissen unsere Logistikkollegen nicht mehr, wie sie den Pendelweg bezahlen sollen. Statt dass sich der Staat für die Rüstung exorbitant verschuldet, sollte der Nahverkehr ausgebaut werden und wir sollten die Konversionsideen der 80er Jahre wieder aufgreifen: Neue Produkte entwickeln oder Arbeitszeit kürzen. Denn wir produzieren genug für den Reichtum.
Wird der Widerspruch gegen die Produktionsumstellung auch beim 1. Mai sichtbar sein?
Wir werden versuchen, ihn in möglichst vielen Städten auf die Demonstrationen zu tragen. Im IG-Metall-Vorstand gibt es auch zwei Lager zu dieser Frage. Zudem haben wir Erklärungen von Ford Köln, ZF Hannover, Snop Automotive in Thüringen, und auch fast der Hälfte der Braunschweig-Betriebsräte gegen Kriegsproduktion. Da passiert viel, wo wir uns gegenseitig solidarisch zeigen müssen, um andere auch zu ermutigen, sich öffentlich zu äußern und dagegen zu stellen.

