Dr. Moritz Müller ist Bildungsreferent im IG Metall Bildungszentrum Sprockhövel und Experte für gewerkschaftliche Geschichte sowie Arbeitsgestaltung. Auf der Migrationskonferenz in Bochum hat er am Abschlusspodium teilgenommen. Mit uns spricht er über die Rolle von Gewerkschaften im Angesicht von Sozialabbau und die innerbetriebliche Solidarität.
Ozan Dağhan
Welche Rolle spielen Gewerkschaften angesichts von sozialem Wandel, Rechtsruck und wachsender Unsicherheit in der Arbeitswelt?
Gerade in Zeiten großer Veränderungen sind viele Menschen verunsichert, suchen Antworten und Orientierung. Leider sind rechte Kräfte dabei erfolgreich, Verteilungs- und Klassenkämpfe zu Kulturkämpfen umzudeuten. Als Gewerkschaft müssen wir klar machen: Die Lage ist nicht deshalb so schlecht, weil hier zu viele Menschen aus anderen Kulturkreisen leben, „die Jugend“ nicht arbeiten will usw., sondern weil Teile der Politik und der Kapitalseite die Krise auf Kosten der abhängig Beschäftigten lösen wollen.
Warum müssen soziale Fragen, Arbeitsbedingungen und migrationspolitische Debatten aus gewerkschaftlicher Sicht zusammengedacht werden?
Beschäftigte mit Migrationshintergrund müssen genauso ihre Rechnungen zahlen und etwas in den Kühlschrank kriegen, wie Beschäftigte ohne Migrationshintergrund. Zugleich haben sie häufiger schlechte Arbeitsbedingungen, stehen unter besonders hohem Druck oder sind seitens der Unternehmen und der Politik leichter angreifbar. Durch Kontakt und Gespräche miteinander können Beschäftigte erkennen, dass sie – trotz aller Unterschiede – im Kern die gleichen Interessen haben. Und dass ein Angriff auf migrantische Kolleginnen und Kollegen ein Angriff auf alle Beschäftigten ist.
Was können Gewerkschaften konkret tun, um Solidarität im Betrieb zu stärken und rechten Spaltungstendenzen entgegenzuwirken?
Wir müssen stärker als zuvor in Gesprächen und Auseinandersetzungen schon am Arbeitsplatz zeigen, dass wir uns nicht auf den guten Willen von Politik und Kapital, sondern nur auf unsere eigene Stärke verlassen können. Die Rechten sind auch deshalb so erfolgreich, weil viele Menschen die Erfahrung machen, dass alles immer schlechter wird, weshalb sie dann die Ellenbogen ausfahren. Wir dürfen Solidarität also nicht nur predigen, sondern müssen diese zarte Pflanze jeden Tag im Betrieb pflegen, damit sie wachsen kann. Wenn Beschäftigte die Erfahrung machen, dass sie ihre Probleme im Betrieb zusammen lösen könne, sind sie weniger anfällig für diejenigen, die sie gegen ihre Kolleginnen und Kollegen aufhetzen wollen.

