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Der Wandel hat viele Stimmen: Strukturwandel und Migration im Ruhrgebiet

Die 2. Migrationskonferenz in Bochum am 9. Mai ging der Frage nach, wie Strukturwandel und Migration das Arbeits- und Sozialleben im Ruhrgebiet bis heute prägen – und was das für Teilhabe, Ausgrenzung und Zusammenhalt bedeutet.

Ozan Dağhan

Das Ruhrgebiet hat viele Bilder von sich selbst hervorgebracht: Fördertürme im Abendlicht, stillgelegte Zechen als Kulturorte, Industriekulissen als Freizeitlandschaft. Es sind Bilder eines Strukturwandels, die längst zur regionalen Identität gehören. Doch wie dieser Wandel erzählt wird und wer darin sichtbar wird, bleibt eine gesellschaftliche wie politische Frage.

Das Ruhrgebiet als zentraler Ort der Arbeitsmigration

Im Kunstmuseum Bochum wurde diese Frage zum Ausgangspunkt einer Konferenz gestellt, die historische, politische und zivilgesellschaftliche Perspektiven zusammenführte. Unter dem Titel „Strukturwandel und Migration im Ruhrgebiet“ diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und zivilgesellschaftliche Akteure darüber, wie eng Arbeitsmigration, Deindustrialisierung, soziale Unsicherheit und politische Teilhabe miteinander verbunden sind. Veranstaltet wurde die Konferenz von den Mitgliedsvereinen der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF) im Ruhrgebiet, dem Institut für Soziale Bewegungen der Ruhr Universität Bochum, dem Interdisziplinären Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (InZENTIM) der Universität Duisburg-Essen und der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW.

Die Konferenz wurde durch das Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Bochum Jörg Lukat eröffnet. Anschließend begrüßte Dr. Caner Tekin vom Institut für Soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum. Er verortete die Konferenz als Teil eines Austauschs zwischen Wissenschaft und migrantischen Vereinen. Ziel sei es dabei, „historische und soziologische Erkenntnisse“ zusammenzuführen und in gesellschaftliche Debatten einzubringen. Düzgün Altun vom Bundesvorstand von DIDF stellte in seiner Begrüßungsrede das Ruhrgebiet als zentralen Ort der Arbeitsmigration und des Strukturwandels heraus. Gerade hier werde deutlich, dass soziale Krisen nicht als Folge von Migration gedeutet werden dürften: „Krisen sind also systemisch, haben nichts mit Herkunft, Glaube oder Hautfarbe der Menschen zu tun, die hier leben.“ Entscheidend seien gemeinsames Handeln und konkrete soziale Forderungen gegen Spaltung und rassistische Deutungen.

Foto: Neues Leben / Bochum

Eine Zwischenbilanz für das Ruhrgebiet

Der erste Vortrag rückte die historische Dimension des Themas in den Mittelpunkt. Unter dem Titel „Industriewandel und Migration vom Anwerbestopp (1973) bis heute: Eine Zwischenbilanz für das Ruhrgebiet“ zeigte der Historiker Prof. Dr. Lutz Raphael auf, wie eng Arbeitsmigration und Montanindustrie miteinander verbunden waren und wie der Strukturwandel für viele Menschen zum Strukturbruch wurde. Mit dem Rückgang industrieller Arbeitsplätze veränderten sich Arbeitsbiografien, Familienstrategien, Bildungswege und Aufstiegschancen. Für die Jahre zwischen 1980 und 2000 beschrieb Raphael Zuwanderung im Zeichen von Massenarbeitslosigkeit, unsicheren Zukunftsperspektiven und neuen Fragen von Bildung, Ausbildung, sozialem Aufstieg und Teilhabe. Zugleich machte er deutlich, dass Migrantinnen und Migranten nicht nur Leidtragende waren, sondern sich dauerhaft etablierten, soziale Netzwerke aufbauten und den Wandel der Region mit gestalteten.

Strukturwandel – nicht nur materiell, sondern auch symbolisch

Nach dieser historischen Einordnung rückte die Frage in den Mittelpunkt, wie der Strukturwandel heute erzählt und dargestellt wird. In ihrem Vortrag „Die symbolische Arbeit am Strukturwandel in der postmigrantischen Gesellschaft: Visionen, Leerstellen und Konfliktzonen auf Social Media“ machte Dr. Victoria Huszka deutlich, dass Strukturwandel nicht nur materiell, sondern auch symbolisch verhandelt wird. In sozialen Medien entstehe häufig das Bild eines urbanen, kreativen und grünen Ruhrgebiets, das den Wandel erfolgreich bewältigt habe. Doch diese Erzählung habe Leerstellen: Wer weniger Zeit, Bildung, Mobilität oder digitale Kompetenz habe, bleibe leichter unsichtbar. Die Kommunikation über Regionalentwicklung müsse deshalb pluraler werden und stärker danach fragen, wie Menschen mit unterschiedlichen Biografien und Ressourcen in der Region gut leben können. Zugleich brauche es Räume, auch digitale, in denen negative Erfahrungen mit dem Strukturwandel ausgesprochen werden können, bevor rechte Akteurinnen und Akteure sie für eigene Deutungen nutzen.

Foto: Yeni Hayat

Soziale Unsicherheit als Werkzeug der Ausgrenzung

Wenn Bilder darüber entscheiden, welche Erfahrungen sichtbar werden, stellte sich im dritten Teil der Konferenz die Frage, wie soziale Unsicherheiten politisch gedeutet und für Abgrenzung genutzt werden. Prof. Dr. Jutta Schmitz-Kießler sprach unter dem Titel „Soziale Krise als politisches Narrativ: Wie Rechtspopulisten den Strukturwandel im Ruhrgebiet nutzen“ darüber, wie Erfahrungen von Krise, Abstieg und Entfremdung in Narrative von Schuld, Zugehörigkeit und Ausschluss übersetzt werden. Rechtspopulismus beschrieb sie als Deutungsmuster, das soziale Konflikte vereinfacht und in ein Schema von „wir“ und „die anderen“ überführe. Im Ruhrgebiet könne es an reale Erfahrungen von Strukturwandel, Arbeitsplatzverlusten, Armut und Abstiegsangst anknüpfen. Entscheidend sei, ob diese Erfahrungen als Folgen wirtschaftlicher und politischer Entwicklungen verstanden oder bestimmten Gruppen zugeschrieben werden. So könnten soziale Fragen zu Zugehörigkeitsfragen umgedeutet werden.

Welche Rolle spielen Gewerkschaften, Initiativen und Migrantenorganisationen?

In der Podiumsdiskussion „Sozialer Wandel, Rechtsruck und zivilgesellschaftliche Antworten“ diskutierten Prof. Dr. Emra İlgün-Birhimeoğlu, Dr. Esma Çakır-Ceylan, Ali Can, Dr. Moritz Müller und Düzgün Altun darüber, wie soziale Unsicherheit, Ausgrenzung und politische Entfremdung im Ruhrgebiet zusammenwirken und welche Rolle Gewerkschaften, migrantische Organisationen, Bildungsinitiativen und lokale Netzwerke gegen Spaltung und rechte Deutungen spielen können. 

Die 2. Migrationskonferenz machte deutlich: Der Wandel hat viele Stimmen. Die große Beteiligung zeigte, wie wichtig Räume sind, in denen Geschichte, Gegenwart und politische Verantwortung zusammengeführt werden. Doch die Geschichte von Strukturwandel und Migration im Ruhrgebiet wird erst dann vollständig erzählt, wenn die Erfahrungen der Menschen, die diese Region aufgebaut, ihre Krisen getragen und ihre Gegenwart mit gestaltet haben, Teil des öffentlichen Diskurses werden.

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