Wir teilen mit unseren Leserinnen und Lesern einen Beitrag, den ein gewerkschaftlicher Vertrauensmann aus Hamburg über die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie für unsere Zeitung verfasst hat:
Der letzte Tarifvertrag in der deutschen Metall- und Elektrobranche mit einer Laufzeit von 25 Monaten läuft am 31. Oktober 2026 aus. Für die neuen Verhandlungen hat die verhandelnde Gewerkschaft IG Metall eine Entgeltforderung von lediglich 5 Prozent für 12 Monate beschlossen. Diese Tarifrunde begann leider im Schatten der Krise beim Automobilhersteller Volkswagen (VW) und hat Auswirkungen auf alle Tarifverhandlungen in ganz Deutschland. Die Arbeitgeber und das Management nutzen diese Situation als Vorwand: Unter dem Deckmantel der Wirtschaftskrise haben sie einen Generalangriff gestartet, um die Rechte und Errungenschaften, die sich die Beschäftigten und ihre Gewerkschaften seit dem Zweiten Weltkrieg erkämpft haben, zurückzudrehen und wieder einzukassieren!
Sie wollen die in der Metall- und Elektroindustrie geltende 35-Stunden-Woche auf 40 Stunden heraufsetzen – und nicht nur das, sondern Arbeitszeiten durchsetzen, die sogar über 40 Stunden hinausgehen. Nach Ansicht der Arbeitgeber seien nicht mehr sie selbst der Gegner; der sei nun im asiatischen Raum und in China mit ihren billigen Arbeitskräften. Mit diesem Vorwand wollen sie die Rechte aberkennen, die frühere Generationen und wir Arbeiterinnen und Arbeiter in jahrelangen Kämpfen erstritten haben. Neben den Arbeitszeiten wollen sie auch Urlaubsansprüche, Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld sowie sämtliche Prämien und Sonderzahlungen streichen. Zu diesem Zweck nehmen sie die Automobilindustrie, das industrielle Rückgrat der deutschen Wirtschaft mit ihrem hohen Organisationsgrad, ins Visier, um an der gesamten Arbeiterklasse ein Exempel zu statuieren und sie einzuschüchtern.
Den ersten Schritt wollten sie bei Mercedes machen, stießen dort jedoch auf entschiedenen Widerstand der Belegschaft, der auch Arbeitsniederlegungen umfasste! Den zweiten Schritt machten sie, indem sie 10 der 13 Haustarifverträge bei VW zum Jahresende kündigten! Das sind für uns Gewerkschafter und Beschäftigte rote Linien! Wenn wir diese Angriffe nicht stoppen, laufen die Gewerkschaften Gefahr, noch mehr an Durchsetzungskraft und Mitgliedern zu verlieren!
Die ersten Verhandlungen im Rahmen der bundesweiten Tarifrunde fanden am 8. Oktober in verschiedenen Tarifbezirken statt – der Berg kreißte und gebar eine Maus. Unsere Verhandlungskommission der IG Metall forderte 5 Prozent mehr Entgelt für eine Laufzeit von 12 Monaten; die Arbeitgeberseite legte hingegen keinerlei Angebot für eine Tariferhöhung vor. Im Gegenteil: Sie forderte, dass die Beschäftigten für das gleiche Geld 40 statt 35 Stunden arbeiten sollen! Wenn in der zweiten Verhandlungsrunde kein Ergebnis erzielt wird, das die Beschäftigten zufriedenstellt, endet am 31. Oktober die Friedenspflicht und ab dem 1. November haben wir das Recht, zu streiken.
Wie wird diese Situation nun in den Betrieben und an den Bändern aufgenommen? In einem Land wie Deutschland, in dem die Inflation bei rund 3,3 Prozent liegt und die Preise für Benzin und Energie täglich steigen, stößt die von unserer Gewerkschaft geforderte Erhöhung von lediglich 5 Prozent bei den Kolleginnen und Kollegen an der Basis auf wenig Begeisterung. Natürlich gibt es daneben Forderungen nach Beschäftigungssicherung und einer Beteiligung am Unternehmenserfolg, doch wenn die Auftragslage einbricht, nützt eine Vereinbarung zur Standortsicherung wenig! Denn die Arbeitgeber lassen in jeden Vertrag eine Ausstiegsklausel hineinverhandeln.
Die Arbeiterinnen und Arbeiter sind wütend: sowohl über die zu niedrige Tarifforderung der Gewerkschaft als auch darüber, dass die Arbeitgeber rein gar nichts geben wollen und obendrein verlangen, die Wochenarbeitszeit bei gleichem Lohn von 35 auf 40 Stunden anzuheben! Sie fragen zu Recht: „Warum sollten wir für die vergangenen und aktuellen Fehler des Managements zahlen?“ Es gibt leider nicht wenige Kolleginnen und Kollegen, die ankündigen, aus der Gewerkschaft auszutreten, falls der Abschluss unter 3 Prozent für 12 Monate liegt. Denn das käme einem Reallohnverlust gleich. Das hören und spüren wir als betriebliche Vertrauensleute jeden Tag!
Deshalb fordern sie anstelle kurzer Aktionen vollwertige, durchsetzungsstarke Streiks unter Einsatz unserer vollen Kampfkraft, so wie wir es 2018 getan haben. Nur so haben wir die Chance, diesen Generalangriff zurückzuschlagen, die bisher erkämpften Rechte zu verteidigen und unsere neuen Forderungen durchzusetzen! Wenn wir den kleinen Finger – die 35-Stunden-Woche – kampflos hergeben, werden sie in der nächsten Tarifrunde den ganzen Arm fordern! Dann wird unsere Kampfkraft derart geschwächt sein, dass sie sich nehmen, was sie wollen, ohne uns oder die Gewerkschaften überhaupt noch zu fragen! Es ist höchste Zeit, diesen Angriffen gemeinsam und entschlossen entgegenzutreten. Gemeinsam sind wir stark! Nicht nachlassen – der Kampf geht weiter!

