Deutschlands Bildungssystem ist veraltet, weiterhin sehr stark militärisch verdrillt, monoton und unmodern, Lehrer sind demotiviert, die Schulstruktur zu bürokratisch und die Schulgebäude marode. Alles bereits bekannt und auch in unserer Zeitung mehrfach thematisiert. Dass solche Verhältnisse sich auch auf Leistung und Lernerfolge auswirken, steht außer Frage. Doch das deutsche Bildungsproblem ist noch tiefer verwurzelt als diese Symptome zeigen und die aktuelle PISA-Untersuchung bestätigt die Problemursachen deutlich: Es geht weiter bergab mit der Bildung im Land der Dichter und Denker.
Oktay Demirel
Debatten verzerren die Wirklichkeit
Deutschlands 15-Jährige haben bei PISA 2025 464 Punkte in Mathematik, 465 im Lesen und 486 in den Naturwissenschaften erreicht. Rund ein Drittel der Jugendlichen erreicht nicht einmal die grundlegenden Kompetenzstufen. Damit tummelt sich Deutschland irgendwo im Mittelfeld herum.
Kaum sind die Ergebnisse veröffentlicht, beginnt wieder die alte Debatte: zu viele Kinder mit Migrationsgeschichte, zu wenig Deutsch, überforderte Schulen. Ist Migration aber wirklich die Ursache der Bildungskrise? „Wenn der Faktor Migration herausgenommen wird, steht Deutschland anders dar“ hört und liest man nicht selten. Doch ausgerechnet die PISA-Ergebnisse selbst geben für diese „einfache Erklärung“ mit rechten Narrativen wenig her, genauso wie die Aussage, dass wir mehr Schwimmbäder hätten, wenn es keine Asylbewerber gebe. Denn die meisten wurden bereits lange vor 2015 geschlossen…
Die soziale Herkunft entscheidet
Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist in Deutschland besonders stark. Nur 2 von 100 „sozial benachteiligten“ Jugendlichen sind „leistungsstark“ (was das denn überhaupt heißen mag, ist eine andere Debatte…), bei den „sozial Privilegierten“ sind es hingegen 25 von 100, unabhängig von ethnischer Herkunft der Vorfahren. Entscheidend ist viel stärker, in welches Elternhaus man hineingeboren wird.
Das bestätigt auch der Chancenmonitor des ifo Instituts aus dem April dieses Jahres. Bei Kindern mit Eltern ohne Abitur aus dem untersten Einkommensviertel liegt die Wahrscheinlichkeit für einen Gymnasialbesuch bei 16,9 Prozent. Bei Kindern mit Eltern mit Abitur aus dem obersten Einkommensviertel sind es 80,3 Prozent. Das bedeutet: Die Chance auf das Gymnasium kann sich je nach sozialer Herkunft fast verfünffachen! (Nur Dumme würden daraus schlussfolgern, dass Reiche intelligenter sind, aber auch das ist eine andere Debatte…)
Wer Geld hat, hat Möglichkeiten: Nachhilfe, Bücher, Tablets und Programme, ein eigenes Zimmer zum Lernen, Zeit für die Kinder, gute Wohnlagen. Und genau hier liegt der Kern der Bildungsungleichheit.
Aus „Migrationshintergrund“ wird schnell „schuld“
Insgesamt besuchen Kinder mit Migrationsgeschichte im Durchschnitt seltener ein Gymnasium, als Kinder ohne Migrationsgeschichte mit 35,9 Prozent zu 42,8 Prozent. Wer diese Zahlen isoliert von sozialer Herkunft betrachtet, kann daraus schnell eine Geschichte über „Integrationsprobleme“ machen, wie wir das die Tage erleben. Doch sobald man Einkommen und Bildungsabschluss der Eltern berücksichtigt, verändert sich das Bild: Bei Familien ohne elterliches Abitur und mit einem Einkommen unter 2.750 Euro besuchen 17,8 Prozent der Kinder mit Migrationsgeschichte das Gymnasium – gegenüber 16,9 Prozent ohne Migrationsgeschichte. Bei Familien mit zwei Elternteilen mit Abitur und einem Einkommen von über 6.000 Euro liegt die Quote bei Kindern mit Migrationsgeschichte bei 80,3 Prozent und bei Kindern ohne Migrationsgeschichte bei 79,2 Prozent. In beiden Werten liegt der Anteil der Kinder mit Migrationsgeschichte leicht höher, sprich deutsche Arbeiterkinder sind im deutschen Bildungssystem sogar stärker ausgeschlossen von Teilhabe. Damit wird eine plumpe Erklärung „Migration = ungebildet“ leicht widerlegt und deutet auf die Klassenfrage der Schulbildung in Deutschland hin.
Nicht die ethnische Herkunft macht ein Kind „schlecht in der Schule“, sondern die soziale Herkunft entscheidet darüber, welche Chancen ein Kind bekommt.
Natürlich kann es einen Unterschied machen, ob ein Jugendlicher seit seiner Geburt Deutsch spricht oder erst im schulpflichtigen Alter nach Deutschland kommt. Sprache und Migrationserfahrung können deshalb konkrete Hürden darstellen. Aber daraus darf nicht die Behauptung werden, „Migranten sind das Bildungsproblem“. Lehrkräftemangel, fehlende frühkindliche Sprachentwicklung oder Bildung, unterschiedliche Fördermöglichkeiten, die Nicht-Kenntnis des deutschen mehrgliedrigen Schulsystems und die soziale Konzentration in bestimmten marginalisierten Stadtteilen verschärfen die Probleme.
Bildung ist Klassenfrage
Die deutsche Bildungsdebatte dreht sich gerne um „Aufstieg durch Bildung“. Jeder soll es schaffen können, heißt es. Der amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär wird weiterhin als Mythos hochgehalten, auch wenn niemand mehr daran glaubt (außer man wird Profisportler oder Musiker). Doch die Realität sieht ganz anders aus.
Wenn die Wahrscheinlichkeit für den Besuch eines Gymnasiums so stark davon abhängt, wie viel die Eltern verdienen und welchen Bildungsabschluss sie besitzen, dann ist Bildung längst nicht nur eine Frage von Begabung und Fleiß. Das zeigt sich eben bei Kindern mit Migrationsgeschichte. Sie sind überproportional häufig in den sozialen Schichten zu finden, die ohnehin schlechtere Bildungschancen haben. Migration -das darf man aber auch nicht leugnen- kann eine zusätzliche Hürde sein. Aber sie erklärt nicht die soziale Auslese im deutschen Bildungssystem. Das Bildungssystem müsste unterschiedliche Startbedingungen ausgleichen, die unmittelbar mit der Migrationserfahrung zusammenhängen können, aber dazu müsste viel Geld investiert werden, was aber heutzutage primär in Aufrüstung und Militär gesteckt werden soll.
Da ist es bequemer, den Blick politisch nach rechts zu verschieben. So sucht man die Ursache des Problems beim Einzelnen: bei „schlechten Manieren“, „mangelnde Integrationsbereitschaft“ oder fehlenden Deutschkenntnissen. Über Armut, niedrige Löhne, hohe Mieten, überfüllte Klassen, fehlende Lehrerinnen und Lehrer und die chronische Unterfinanzierung der Bildung muss dann weniger gesprochen werden. Dabei gilt auch hier: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein. Wer unter völlig unterschiedlichen sozialen Bedingungen aufwächst, hat nicht automatisch die gleichen Möglichkeiten, sich und sein Potential zu entwickeln.
Das Problem heißt soziale Ungleichheit
PISA sollte deshalb nicht zum nächsten Anlass werden, Migrantenkindern die Schuld für die Bildungskrise zu geben. Die Kinder haben sich diese gesellschaftlichen Verhältnisse nicht ausgesucht, sie haben nicht aktiv entschieden, in welche Familie sie hineingeboren werden und ob die Familie in beengten Verhältnissen lebt, ob die Eltern Zeit für Hausaufgaben haben oder bald sogar zwölf Stunden arbeiten müssen. Und sie haben erst recht auch keinen Einfluss darauf, ob ihre Schule genug Lehrer hat, die motiviert in ihre Klassen gehen.
Nicht Migrantenkinder sind das Problem. Das Problem ist ein Bildungssystem, in dem der Geldbeutel und der Bildungsabschluss der Eltern darüber entscheiden, welche Chancen ein Kind bekommt.

