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Bildung unter Finanzierungsvorbehalt

Für viele Schüler*innen in Deutschland steht entweder das Ende der Sommerferien bevor oder sie sind bereits wieder im Schullalltag angekommen. Der erste Schultag ist für viele ein Tag der Hoffnung, neuen Chancen im Jahr nachzugehen. Doch für immer mehr Arbeiterfamilien wird er zum Härtetest eines Systems, das an allen Ecken ächzt. Es entsteht immer mehr der Eindruck, dass Bildung zur Ware wird. Und wer nicht zahlen kann, bleibt auf der Strecke.

Marie Schuster

Wie sehr dieses System versagt, zeigt ein Blick in den Norden. In Hamburg, wo gerade das neue Schuljahr begonnen hat, werden zahlreiche Stellen für Lehrkräfte bis mindestens 2028 nicht neu besetzt. Das hat zur Folge, dass ganze Klassen zusammengelegt werden, Stunden ausfallen und die verbliebenen Lehrkräfte am Limit arbeiten.

Von der Küste bis zu den Alpen klagen immer mehr Schulen über fehlendes Personal sowie marode Gebäude und eine Ausstattung, die weit von der digitalen Zukunft entfernt ist. Auch in Hessen nimmt die Landesregierung von CDU und SPD Kürzungen vor. Der Bauetat der Hochschulen wird halbiert, während an den Schulen mehrere Hundert Stellen gestrichen werden. Allein in Frankfurt sollen 67,4 Mio. Euro in Integrationsklassen wegfallen – Klassen, in denen vor Krieg und Zerstörung geflohene Kinder und Jugendliche auf den Regelunterricht in Deutschland vorbereitet werden. Hier trifft es wieder diejenigen, die am meisten auf das System angewiesen sind.

Jetzt, da die Auswirkungen der Sparpolitik mit voller Wucht auf die Schulen einschlagen, sind es vor allem die Kinder aus Arbeiterhaushalten, die den Preis zahlen. Im überfüllten Klassenzimmer bleibt keine Zeit für Einzelförderung und außerhalb gibt es keinen ruhigen Arbeitsplatz. Weder zuhause noch in den Bibliotheken, die ihre Öffnungszeiten kürzen mussten. Selbst wenn das Zuhause Platz böte, fehlt vielen Eltern nach einem Arbeitstag die Kraft, bei den Hausaufgaben zu helfen. Zwischen Lohnarbeit und Existenzangst bleibt nur wenig Raum für das, was Bundeskanzler Merz als „Eigenverantwortung der Familien“ bezeichnet.

Die finanzielle Not sei so groß, dass selbst staatliche Hilfen gestrichen werden. Erst vor wenigen Wochen hatte Familienministerin Karin Prien (CDU) eine Reform des Unterhaltsvorschusses ausgerufen, der Kinder von Alleinerziehenden betrifft. Der Plan: Der Vorschuss soll nur noch bis zum 16. statt bis zum 18. Geburtstag gezahlt werden. Davon sind aktuell rund 80.000 Jugendliche betroffen.

Diese Angriffe auf die ohnehin knappen Familienkassen treiben einen tieferen Keil in die Gesellschaft. Denn während reichere Familien über die Ressourcen verfügen, politische Fehler aus eigener Tasche auszugleichen, sind Arbeiterfamilien auf das angewiesen, was der Staat  und seine Parteien stets versprechen, aber nicht liefern: Nämlich eine gute, verlässliche und kostenlose Bildung für alle. Der schulische Erfolg wird immer direkter zur Klassenfrage.

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt seit Jahren, dass der Sozialabbau im Bildungsbereich verheerend ist. Die ständigen Forderungen eines „schlanken Staats“ und Priorisierung von Konzernsubventionen sowie Aufrüstung statt Investitionen in die Zukunft führen dazu, dass Schulen in Deutschland chronisch unterfinanziert sind. Es ist das Ergebnis jahrelangen Kaputtsparens, deren Rechnung die Kinder zahlen müssen.

Allein im Schuljahr 2025/26 fehlten bundesweit nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft rund 35.000 Lehrkräfte. Bis zum Schuljahr 2035/36, so die Prognose, könnte sich dieser Mangel auf bis zu 76.000 Personen ausweiten. Die GEW geht sogar von über 110.000 fehlenden Lehrkräften bis 2030 aus.

Doch die Verantwortung für das Versagen trägt nicht nur die Sparpolitik, sondern der Anstoß beginnt bereits in der Ausbildung jener, die eigentlich für diese Chancengleichheit sorgen sollten. In den Vorlesungen lernen angehende Lehrkräfte, dass Selektion ein „natürlicher Prozess“ innerhalb des allgemeinbildenden Schulsystems sei, wodurch die systematische Aussortierung von Arbeiterkindern legitimiert wird. Dieses Narrativ verschleiert, dass das deutsche Schulsystem herkunftsbedingte Unterschiede nicht ausgleicht, sondern reproduziert. Nach wie vor bestimmt die soziale und ökonomische Herkunft den Bildungsweg in Deutschland.

Die Politik könnte dagegen steuern, doch stattdessen tut sie mit ihren konsequenten Sparmaßnahmen das Gegenteil. Auch wenn seit 2011 das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) der Regierung benachteiligte Kinder und Jugendlichen fördern soll, erreicht dieses Projekt nicht mal das Mindestmaß an Unterstützung. Der Paritätische Gesamtverband kam zum Ergebnis, dass mehr als 81% der leistungsberechtigten Kinder und Jugendlichen in Deutschland die Teilhabeleistung des Pakets gar nicht erst erreicht. Es erhalten 78% der Berechtigten den jährlichen Zuschuss für den Schulbedarf (195 Euro), doch auch hier bleibt jedes fünfte Kind ohne Lernmittel. Hauptgründe für dieses Problem sind die hohen bürokratischen Hürden. Schließlich stehen die Familien immer wieder in der Nachweispflicht mit sehr kurzen Bewilligungszeiträumen.

Was sich beim BuT exemplarisch zeigt, ist ein Sinnbild für eine Sparpolitik, die seit Jahren systematisch das Bildungswesen zugrunde gehen lässt. Diese Sparmaßnahmen treffen aber vor allem die ohnehin benachteiligten Familien und verschärfen die soziale Ungleichheit massiv.

Die Gewerkschaften GEW und ver.di haben das längst erkannt und fordern eine Abkehr der Kürzungspolitik sowie massive Investitionen in die Bildung. Im Vordergrund steht daher auch eine Ausbildungsoffensive, die die Beschäftigten entlastet und in erster Linie ein Bildungssystem, das nicht nach Herkunft (aus-)sortiert. Die Mittel dafür wären vorhanden, doch die derzeitige Regierung setzt andere Prioritäten. Sie investieren lieber in Aufrüstung und Konzernsubventionen als in sanierungsbedürftige Klassenzimmer und benötigte KiTa-Plätze.

Solange diese Schieflage anhält und die Zukunft der Kinder und Jugendlichen hinter kurzfristigen wirtschaftlichen und militärischen Interessen zurückgestellt wird, werden die berechtigten Forderungen verhallen und das Versprechen auf gerechte Bildung wieder einmal gebrochen.

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