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Worüber man nicht lachen darf – Deniz Göktaş ist nicht allein

Der Fall von Deniz Göktaş zeigt die Illusion der unpolitischen Kunst – von Istanbul bis Berlin – sehr deutlich auf. Denn ein Land verrät sich nicht nur dadurch, worüber seine Menschen lachen, sondern auch dadurch, worüber sie nicht lachen dürfen. Manchmal sagt ein einziger Satz auf einer Bühne mehr über ein Land als tagelange Nachrichten.

Yekta Doğan

Am vergangenen Donnerstag wurde der Comedian Deniz Göktaş bei der Einreise über den Flughafen Istanbul festgenommen, die Hände auf dem Rücken gefesselt – Fotos davon verbreitete die Polizei selbst. Am Tag darauf saß er in Untersuchungshaft. Schon vorher waren Ausschnitte seines Programms in den sozialen Medien blockiert worden, offiziell zum Schutz der „nationalen Sicherheit und öffentlichen Ordnung”. Erst danach eröffnete die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren. Der Vorwurf: „Herabwürdigung religiöser Werte”, kurz darauf ergänzt um „Beleidigung des Staatspräsidenten”. Sein vermeintliches Vergehen: In seinem Programm „Ölü Deniz” – über neun Millionen Aufrufe innerhalb einer Woche – hatte er Politik und Religion auf den Arm genommen, wie er es seit drei Jahren im ganzen Land tut.

Seine eigenen Anwälte hatten ihm nach Prüfung des Textes geraten, bestimmte Stellen besser erst nach den nächsten Wahlen zu veröffentlichen – ein kleiner Hinweis darauf, wie genau im Land schon kalkuliert wird, was gerade noch sagbar ist. Vor Gericht riefen Unterstützer „Deniz Göktaş yalnız değildir” – „Deniz Göktaş ist nicht allein“.

Warum reicht das für eine Anklage? Weil Satire nie bloß zur Belustigung da war: Sie verpackt die härteste Kritik im weichen – manchmal auch nicht so weichem – Gewand der Komik und kann damit Massen mitreißen, wie es andere Mittel und Werkzeuge der Öffentlichkeit oft nicht können. Genau das fürchten die Herrschenden.

Der Narr durfte, was sonst niemand durfte

Im Osmanischen Reich genauso wie im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa gab es am Hof eine einzige Figur, die dem Herrscher ungestraft sagen durfte, was er nicht hören wollte: den Narren. Nicht weil man ihn ernst nahm, sondern gerade weil man ihn nicht ernst nahm, durfte er der Macht ihre eigene Lächerlichkeit vorhalten. Diese Funktion hat sich bis heute nicht erledigt, sie hat nur die Bühne gewechselt.

Göktaş liefert dafür in seinem Programm ein Lehrbuchbeispiel: Er zeichnet nach, wie aus dem einst selbst verfolgten Oppositionspolitiker Erdoğan über die Jahre der autoritäre Staatschef von heute wurde – mit genau der Ironie im Ton, die zu Karl Marx’ bekanntem Satz passt, dass sich historische Ereignisse wiederholen, das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. Wer diese Wiederholung als Farce erkennt und darüber lacht, entlarvt die Anmaßung eines Mannes, der zu genau dem geworden ist, wogegen er einmal angeblich antrat.
Deshalb ist Lachen selten harmlos. Mark Twain machte daraus fast eine Kriegserklärung: Die Menschheit besitze im Grunde nur eine wirklich wirksame Waffe, das Lachen – Macht, Geld und Verfolgung könnten einen aufgeblasenen Schwindel über Jahrhunderte höchstens mühsam abtragen, aber gegen den Ansturm des Gelächters halte gar nichts stand.

Nach oben schlagen, nicht nach unten

Um zu verstehen, was an Deniz Göktaş für das Palast-Regime so gefährlich ist, hilft ein Blick auf das, was in der türkischen Comedy-Szene sonst gerade boomt. Seit der Ernüchterung nach dem Gezi-Aufstand 2013 und der Säuberungswelle, die der Staat nach dem gescheiterten Putschversuch von 2016 über das ganze Land verhängte, ist eine ganze scheinbar „unpolitische“ Generation von Comedians groß geworden, die sich fast ausschließlich an ein gebildetes, städtisches, oft prekär beschäftigtes Publikum (gebildet und prekär beschäftigt ist in der Türkei mehr Realität als Widerspruch) richtet – das sogenannte Kadıköy-Milieu (Stadtteil in Istanbul), wie man in Istanbul sagt. Ihr Material: WG-Zoff, lachen über die Elterngeneration, Dating-Apps, Konsumtrends. Wenn es dort mal hart wird, dann meistens auf Kosten von Kurden, Aleviten, Sozialistinnen oder Feministinnen, die als tollpatschige Dorfnarren durchs Bild laufen. Sexistische, rassistische oder homophobe Scherze gehören dabei oft zum Handwerk – man reproduziert die Sprache der Macht, statt sie infrage zu stellen. Der Witz zeigt nach unten. Die eigentliche Ordnung bleibt unangetastet.

Göktaş macht das Gegenteil, und das, ohne auf diese klischeehaften Scherze zurückzugreifen. Er zielt nicht auf die Schwachen, sondern auf den Palast. In seinem Programm lässt er den inhaftierten Oppositionspolitiker Ekrem İmamoğlu im Gefängnis angeblich gleichzeitig Koran, Atatürks Buch „Nutuk“ und die Schriften des alevitischen Heiligen Hacı Bektaş Veli lesen, um die ideologische Beliebigkeit der türkischen Mainstream-Politik vorzuführen. Er fragt, warum der Staat motorisierte Jugendbanden durch die Straßen ziehen lässt, während er Comedians verfolgt. Er erzählt von der Scham, die er im Familienurlaub im gemieteten Airbnb empfand, und zieht daraus eine Linie zur Klassenspaltung des Landes. Und er nennt Namen: Intellektuelle, die in der Öffentlichkeit stehen und sich Dinge erlauben dürfen, für die andere ins Gefängnis gehen. All das nicht vor fünfzig Leuten im Keller, sondern vor Millionen.

Genau das ist, was man ihm eigentlich vorwirft, auch wenn es in der Anklage anders heißt: nicht Blasphemie, nicht Präsidentenbeleidigung, sondern, dass er es geschafft hat, Kritik von unten nach oben zu richten – und dafür ein Massenpublikum zu gewinnen, statt eines Nischenpublikums, das sich an der Verspottung von Minderheiten aufgeilt.

Auch in Berlin hat man Angst vor der Kunst

Man muss nicht nach Istanbul schauen, um zu sehen, wie das funktioniert. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, früher Chefredakteur bei Welt, Berliner Morgenpost und Focus – und Gründer der rechten Kulturzeitschrift „Cicero“ –  tritt seit seinem Amtsantritt als Kämpfer gegen „Extremismus” auf – jedoch von links deutlich mehr als von rechts, im Namen einer angeblich vernünftigen politischen Mitte. Im Frühjahr hieß das konkret: Drei linke Buchhandlungen aus Bremen, Göttingen und Berlin flogen unter Verweis auf den Verfassungsschutz von der Liste der Preisträger des Deutschen Buchhandlungspreises, gebrandmarkt als „Extremisten”. Ein Gericht kassierte die Entscheidung. Im Bundestag musste sich sogar die eigene Koalition winden, während Linke und Grüne seinen Rücktritt forderten – Beweise für seine Vorwürfe hat Weimer bis heute nicht geliefert. Bei der Berlinale ging er nach pro-palästinensischen Wortmeldungen von Filmschaffenden so weit, in einer Sondersitzung die Absetzung der Festivalchefin Tricia Tuttle zu prüfen. Über 3.000 Filmschaffende aus aller Welt protestierten.

Die Ironie: Ausgerechnet in diesem Jahr ging der Goldene Bär an „Gelbe Briefe” von İlker Çatak – die Geschichte eines türkischen Künstlerpaars, das der eigene Staat überwacht und wirtschaftlich zu Grunde richtet. Gedreht wurde in Berlin und Hamburg, weil so etwas, wie die Macher betonten, überall passieren kann. Nach seinem Sieg war es ausgerechnet Çatak, der öffentlich vor Zensur aus dem eigenen Kulturministerium warnte, nachdem dieses „Empfehlungen” für die Programmgestaltung der Berlinale herausgegeben hatte.

Und dazwischen, weniger spektakulär, aber wirksamer: das Geld. Der Bundeskulturfonds soll um die Hälfte schrumpfen, München und Dresden streichen Millionen aus ihren Kulturetats, Berlin kürzte 2025 über zehn Prozent. Das ist kein Betriebsunfall. Es ist Teil derselben Bewegung, die auch Berufsverbote gegen Friedensaktivisten, Repression gegen Schulstreiks und eine im Namen der „Staatsräson” beschnittene Presse hervorbringt.

Kunst ist nie neutral

Die Berufung auf eine „unpolitische Mitte” funktioniert nur, weil sie eine alte Illusion bedient: dass man den Verhältnissen gegenüber irgendwo draußen stehen könnte. Der Historiker Howard Zinn hat dafür ein Bild gefunden, das für Kunst genauso gilt wie für Geschichtsschreibung: Man kann nicht neutral sein in einem fahrenden Zug. Die Welt bewegt sich längst in eine Richtung – wer sich für neutral erklärt, entscheidet sich nicht gegen eine Seite, sondern für die, in die der Zug ohnehin schon fährt.

Die Frage an ein Kunstwerk ist deshalb nie, ob es Stellung bezieht, sondern welche – und ob es das offen tut oder versteckt. Wer bestehende Verhältnisse verteidigen muss, kommt um Schönfärberei und immer neue Sündenböcke nicht herum. Wer einfach zeigt, wie die Dinge stehen, hat damit schon Stellung bezogen, ohne ein Wort verdrehen zu müssen. Wahrheit und Parteilichkeit stehen sich dabei nicht im Weg – sie bedingen einander.

Solidarität statt Zensur

Angst braucht keine lauten Verbote. Sie schleicht sich ein – in den Moment, in dem man einen Post noch mal liest und sich fragt, ob man das wirklich so stehen lässt. Das ist die wirksamste Zensur: nicht die des Staates, sondern die, die man sich selbst auferlegt, bevor der Staat überhaupt eingreifen muss, weil die Mechanismen der Angst und Zensur ihre Wirkung entfalten.

Göktaş verließ bewusst und aus freiem Willen seine Komfortzone und scheute sich nicht, auszusprechen: „Der Kaiser ist nackt.“ Er erhob hier und jetzt seine Stimme des Widerspruchs. Trotz all dessen, was er verlieren kann, beugte er sich weder Einschüchterung noch der Politik der Angst. Er spricht das Offensichtliche aus, entzieht sich nicht seiner Verantwortung und macht Millionen Menschen Mut – und wurde mit seinem warmen Lächeln zu einem Hoffnungsschimmer.

Deshalb ist die Parole, die vor dem Gericht in Istanbul gerufen wurde, mehr als eine Geste. „Deniz Göktaş yalnız değildir” – „Deniz Göktaş ist nicht allein“. Das ist genau das Geräusch, das keine Macht ganz zum Schweigen bringen kann, weil es nicht von einer einzelnen Stimme kommt, sondern von vielen, die sich gegenseitig Mut und Solidarität zusprechen.

Ob in Istanbul oder in Berlin, ob es um einen inhaftierten Comedian, eine geschlossene Buchhandlung oder einen gekürzten Kulturetat geht: Kunst wird immer dort angegriffen, wo sie aufhört, für sich allein zu stehen, und anfängt, Leute zusammenzubringen und bestehende Verhältnisse angreift. Genau deshalb lässt sie sich auch nur gemeinsam verteidigen.

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