Written by 15:00 DEUTSCH

Null-Abfall-Märchen in Istanbul, Waldplünderung in Ankara

In Istanbul fanden vier Tage lang ein „Null-Abfall-Forum“ und ein „Null-Abfall-Festival“ statt. Auf dem Programm standen Konzerte mit Instrumenten aus recycelten Materialien, Gesprächsrunden über die Frage, mit wie wenig ein Mensch auskommen oder worauf alles verzichtet werden kann, sowie Kinderaufführungen mit einem „Müllmonster“. Dazu kamen Vorträge über das Leben im Zelt fernab der Stadt, die Herstellung von Papier aus landwirtschaftlichen Abfällen, die Kraft der Entschleunigung und darüber, wie man wieder eine Verbindung zur Natur herstellen könne. Auch Werbung für Solar-, Wind- und andere Formen „sauberer Energie“ durfte bei der Veranstaltung nicht fehlen.

Sedat Başkavak*

Das Forum stand unter der Schirmherrschaft der Präsidenten-Gattin Emine Erdoğan. Nach offiziellen Angaben nahmen Vertreter von mehr als 500 Institutionen aus 183 Ländern teil, insgesamt über 5.000 Menschen – darunter Minister, ehemalige Staats- und Regierungsvertreter sowie Repräsentanten internationaler Organisationen.

Was nach diesem viertägigen Festival an tatsächlichem Müll übrig blieb, wissen wir nicht. Ebenso wenig ist bekannt, wie viel CO₂-Emissionen die An- und Abreise der Gäste produzierte – mit Flugzeugen, Fahrzeugkolonnen und Sicherheitseskorten.

Viel wichtiger ist jedoch etwas anderes: Die Türkei wurde unter der AKP-Regierung zu einer der wichtigsten Müllhalden der Welt, insbesondere für Abfälle aus Europa. Bei Demokratie, Gleichberechtigung, Frauenrechten oder der Verhinderung tödlicher Arbeitsunfälle gehört das Land nicht zur Weltspitze. Beim Import von Müll hingegen schon.

Nach Angaben des Handelsministeriums importierte die Türkei allein im Jahr 2024 rund 1,29 Millionen Tonnen Plastikabfälle. Die fünf nächstplatzierten Länder zusammen erreichen dieses Volumen nicht.

Auch bei der Verarbeitung dieser Abfälle scheint eine Art „Null-Abfall-Prinzip“ zu gelten. Wiederverwertbare Stoffe werden recycelt. Der Rest – also nicht verwertbarer Müll und die mitgelieferten Abfälle – verschwindet oft schnell aus den Anlagen und wird fern der Öffentlichkeit in Bachbetten, auf Brachflächen oder mitten in der Natur entsorgt.

Das Meer schluckt vieles, aber Mikroplastik verschwindet nicht. Es wird an die Strände der Çukurova-Region gespült. Oft wird der Müll auch auf abgelegenen Grundstücken verbrannt. Manchmal brennen gleich ganze Recyclinganlagen ab – angeblich zufällig. Von der Anlage und den Müllbergen bleiben dann nur Mauern und etwas Asche übrig.

Anders lassen sich die 372 „Brandunfälle“ (durchschnittlich 1 Brand alle 3 Tage) allein in Abfall- und Recyclinganlagen zwischen 2020 und Mitte 2023 kaum erklären. Die Müllimporteure und Recyclingbetriebe könnten ihre „Null-Abfall-Politik“ scheinbar ganz ohne Festival und Forum betreiben.

Besonders widersprüchlich wirkt es, wenn Menschen, die in einem riesigen Palast leben, Vorträge darüber halten, wie man mit möglichst wenig auskommen oder fernab der Städte im Zelt leben könne.

Noch absurder erscheint die Veranstaltung „Der fühlende Mensch – die Stimme der Natur hören und sich wieder mit ihr verbinden“.

Denn unter der AKP-Regierung wurden selbst viele der wenigen verbliebenen Grünflächen und sogar Erdbebensammelplätze für Bauprojekte freigegeben. Acht sogenannte „Bauamnestien“ legalisierten nachträglich illegale Bebauung und förderten die weitere Versiegelung des Landes. Wasserschutzgebiete, Naturschutzareale und Wälder wurden immer wieder wirtschaftlichen Interessen untergeordnet und an Bauunternehmen vergeben.

Wer heute in der Türkei auf die „Stimme der Natur“ hört, vernimmt vor allem zwei Geräusche: Baumaschinen und Betonmischer.

Von den Hochweiden über landwirtschaftliche Flächen bis hin zu Naturschutzgebieten und Wäldern arbeiten überall die Maschinen von Bau-, Energie- und Bergbauunternehmen. Für das Kapital ist genau das die Stimme der Natur. Denn solange diese Maschinen laufen, laufen auch die Geschäfte.

Während in Istanbul also Null-Abfall-Märchen erzählt werden, berät das Parlament in Ankara über ein Gesetz, das die Ausbeutung der Wälder weiter erleichtern soll.

Wie unter der AKP üblich, werden dabei sehr unterschiedliche Themen in einem einzigen Gesetzespaket zusammengefasst. Das aktuelle Paket reicht vom Wald- und Bodenschutz über Tabak und Alkohol bis hin zum Reisanbau, Zuckerrüben und Sicherheitsmaßnahmen an Flüssen und Kanälen.

Vergangene Woche begannen die Beratungen über den Gesetzentwurf „zur Änderung des Bodenschutz- und Flächennutzungsgesetzes, des Reisanbaugesetzes sowie weiterer Gesetze“. Sie dauern weiterhin an.

Bereits die Begründung des Entwurfs zeigt, wessen Interessen er dient. Ziel sei es, sogenannte Kohlenstoffsenken-Wälder einzurichten und die von der Wirtschaft benötigten CO₂-Zertifikate aus heimischen Ressourcen bereitzustellen.

Damit wird deutlich: Die Unternehmen sollen weiterhin Umweltverschmutzung verursachen können und gleichzeitig Wälder, die ihnen als „Kohlenstoffsenken“ überlassen werden, in den Handel mit CO₂-Zertifikaten einbeziehen.

Der Entwurf sieht vor, der Generaldirektion für Forstwirtschaft weitreichende Befugnisse zu geben: Sie soll neue Kohlenstoffsenken schaffen, schaffen lassen und bestehende Wälder gegen Entgelt vergeben können.

Damit würde die Überlassung von Wäldern an Unternehmen erheblich erleichtert.

Problematisch ist außerdem, dass unter dem Vorwand solcher Kohlenstoffsenken auch landwirtschaftliche Flächen als private Waldgebiete an Unternehmen vergeben werden könnten.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Flächen, die im offiziellen Waldkataster eindeutig als Wald ausgewiesen sind, sollen teilweise über alte Eigentumstitel in Privatbesitz überführt werden können. Die Regierung begründet dies mit möglichen Entschädigungszahlungen und Gerichtskosten, die dem Staat sonst entstehen würden. Um angebliche finanzielle Schäden für die Staatskasse zu vermeiden, sollen diese Gebiete per Gesetz aus dem Waldstatus herausgenommen werden.

Ähnlich wie bei den Bauamnestien wird damit erneut die sogenannte „2B-Regelung“ ausgeweitet.

„2B“ bezeichnet in der Türkei gesetzliche Regelungen, durch die bestimmte staatliche Waldflächen ihren Schutzstatus verlieren und anschließend verkauft oder anderweitig genutzt werden können. Umweltverbände kritisieren diese Praxis seit Jahren als schleichende Privatisierung und Zerstörung von Waldgebieten.

Am 5. Juni, dem Weltumwelttag, wurde die Öffentlichkeit in Istanbul mit Null-Abfall-Märchen unterhalten. Gleichzeitig wird ihr in Ankara die weitere Zerstörung und Plünderung der Wälder des Landes zugemutet.

Dabei scheint selbst die Verfassung keine Rolle mehr zu spielen. Dort heißt es ausdrücklich:

„Die Aufsicht über alle Wälder obliegt dem Staat. Das Eigentum an Staatswäldern ist unveräußerlich. Staatswälder werden gemäß den Gesetzen vom Staat verwaltet und betrieben. Sie können weder durch Verjährung in Privatbesitz übergehen noch Gegenstand von Nutzungsrechten sein, die nicht dem öffentlichen Interesse dienen. Tätigkeiten und Handlungen, die den Wäldern schaden können, sind unzulässig.“

Doch wie so oft bleiben Verfassung und frühere Gerichtsentscheidungen in der Praxis folgenlos.

*Der Artikel ist erstmals am 8. Juni 2026 auf Türkisch in der Tageszeitung „Evrensel“ erschienen und wurde für unsere Zeitung übersetzt.

Close