Jeder, der die Entwicklungen in Frankreich verfolgt, weiß um die enorme Bedeutung, die der Kampf der Jugend für die gesellschaftlichen Kämpfe besitzt. Die aktuelle Jugendbewegung weist jedoch im Vergleich zu den letzten Jahren eine deutliche Besonderheit auf: Sie zeigt, dass die über viele Jahre aufgestaute Wut nun ein neues Stadium erreicht hat und ein beträchtliches Potenzial birgt, um den Kampf noch weiter voranzutreiben.
Deniz Uztopal*
Die Forderungen der Jugendlichen angesichts der sich kontinuierlich verschlechternden Bedingungen im Sekundar- und Hochschulbereich sind nicht neu. Heute jedoch erhalten sie einen neuartigen Charakter, indem sie unmittelbar mit der allgemeinen politischen Entwicklung des Landes verknüpft werden. So gehörten beispielsweise die Kundgebungen Anfang Oktober zu den politisch gehaltvollsten Demonstrationen der letzten Jahre. Bei den jüngsten Jugendprotesten in Frankreich gingen Zehntausende Jugendliche mit selbst verfassten Parolen und selbst gestalteten Transparenten auf die Straße. Vielleicht war es das erste Mal, dass sie sich mit einer solchen Begeisterung an Protesten beteiligten.
Die Forderungen blieben keineswegs auf Schulen und die Bildung beschränkt. Getragen wurden auch Auf zahlreichen Schildern und Transparenten machten die Jugendlichen auf weitere Missstände aufmerksam. Sie protestierten gegen Polizeigewalt und staatliche Repression, prangerten den Völkermord in Palästina an und kritisierten die von Macron und seinen Regierungen in den vergangenen Jahren durchgesetzten Sozialkürzungen. Weitere Themen waren der Umgang mit Vergewaltigungen und sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Kinder sowie der seit Jahren andauernde Kindesmissbrauch in der Kirche, der nun weltweit öffentlich sichtbar geworden ist. Auch die drastischen Preisanstiege bei Diesel und Benzin, die Umweltzerstörung und zahlreiche weitere gesellschaftliche Probleme fanden ihren Ausdruck auf den Transparenten.
Besonders hervorzuheben ist zudem der Protest gegen die rechte Partei Rassemblement National. Die Versuche der Partei, durch die Namensumbenennung im Jahr 2018 ihre Vergangenheit vergessen zu machen und sich trotz massiver Unterstützung der bürgerlichen Medien als ‚neue‘, zunehmend in die bürgerliche Mitte rückende Kraft zu inszenieren, fruchten nach wie vor nicht. Gleichzeitig ist der Protest hoch aktuell: im April stehen die Präsidentschaftswahlen an und Marine Le Pens Rassemblement National stellt in sämtlichen Umfragen die stärkste Kraft dar. Die Gefahr eines Wahlsiegs ist keineswegs von der Hand zu weisen und beschäftigt die Jugend.
Polizeigewalt und Unterstützung durch die Eltern
Wie lässt sich diese Besonderheit der Bewegung erklären? Dass die Schüler- und Studierendengewerkschaften in den letzten Jahren wiederholt Spaltungen erlebten und extrem geschwächt wurden, ist zweifellos zu benennen. Dieser Umstand hat die Bewegung jedoch weder geschwächt noch ihre Forderungen verwässert. Auf Regierungsseite nahm man die Bewegung anfangs nicht ernst und glaubte, sie durch massive Polizeigewalt ersticken zu können. In den ersten Tagen schritt die Polizei sofort gegen jede vor den Oberschulen versammelte Gruppe ein und versuchte, die Bewegung niederzuschlagen. Die Angst vor der Jugendbewegung ist jedoch so tief und die in den letzten Jahren zur Routine gewordene Polizeigewalt derart gesteigert, dass das Vorgehen genau das Gegenteil bewirkte: Es entstand eine direkte Verbindung zwischen der Jugend der Banlieues und der Schülerbewegung.
Blickt man auf jene Oberschulen, an denen die Bewegung am aktivsten und lebendigsten ist, sieht man Viertel, in denen Werktätige leben. Statt dass die Eltern – wie von der Regierung erwartet – ihren Kindern die Teilnahme an den Aktionen verbieten, erkannten sie die Legitimität der Forderungen an und gingen gemeinsam auf die Straße – auch zum Schutz der Kinder vor Polizeigewalt. Zu den Schulkundgebungen strömten Dutzende Eltern; gemeinsam mit den Lehrkräften, die den Unterricht niederlegten und zu den Jugendlichen stießen, bildeten sie einen Schutzschild gegen die Polizei. Viele dieser Eltern sowie streikenden Lehrkräften haben in ihrem bisherigen Leben vielleicht kaum jemals gestreikt oder demonstriert. Bei der Pariser Großdemonstration Anfang Oktober hakten sich tausende Eltern und Lehrer unter und bildeten Menschenketten zum Schutz des Jugendblocks – was in der breiten Öffentlichkeit Wirkung zeigte.
Beteiligung der Arbeiterklasse noch begrenzt, Bewegung noch nicht zentralisiert
Was sind die Potenziale der Bewegung? Eines der grundlegendsten Potenziale besteht in der direkten Beteiligung der überwältigenden Mehrheit der Jugend. Ebenso ihr enormer Rückhalt in der Gesellschaft. Obgleich sämtliche Gewerkschaften zur Unterstützung der Jugend aufrufen, streiken bislang nur die Lehrkräfte.
Auch sind die Kämpfe im ganzen Land noch unzureichend vernetzt, was die Zentralisierung der Bewegung hemmt. Zwar schufen die sozialen Netzwerke – vor allem in der Jugend – teilweise Abhilfe, und durch das Eingreifen der Gewerkschaften erfuhr die Bewegung ansatzweise eine stärkere Zentralisierung. Es wurde vielerorts erneut zu Streiks und Demonstrationen aufgerufen. Doch die Gewerkschaften achten – zurecht – darauf, die Initiative der Jugend nicht zu ersticken. Da die Jugendgewerkschaften jedoch extrem schwach sind, ergeben sich daraus andere Schwierigkeiten, wenn es darum geht, der Bewegung eine einheitliche Richtung zu geben.
Entscheidend ist, was während der zweiwöchigen Ferien geschieht
Ein weiteres Problem ist der Beginn der zweiwöchigen Schulferien ab dem 17. Oktober, wodurch die Bewegung unweigerlich einen Rückschlag erleiden dürfte. Ob sie nach diesen zwei Wochen wieder aufflammt, hängt maßgeblich davon ab, ob der Kampf an den Universitäten eine qualitativ höhere Stufe erreicht. Um die Dynamik der Bewegung zu brechen, ordnete die Regierung die Schließung hunderter Schulen und Universitäten an. Doch die Schulen werden zwangsläufig wieder öffnen, und ein einziger Funke könnte genügen. Ob dies geschieht, lässt sich gegenwärtig nicht mit Bestimmtheit voraussagen; doch dass die Jugendbewegung in Frankreich völlig unvermittelt die politische Agenda bestimmt, gehört zu den wiederkehrenden Phänomenen der letzten Jahre. Denn: In der Gesellschaft ist eine Wut angestaut, der mittlerweile für jedermann sichtbar ist.
*Deniz Uztopal lebt in Paris. Dieser Artikel ist erstmals am 10. Oktober 2026 auf Türkisch in der Tageszeitung „Evrensel“ erschienen und wurde für unsere Zeitung übersetzt und gekürzt.

