Neun Jahre nach der ersten großen Welle der „MeToo“-Bewegung scheint auf den ersten Blick sehr wenig übrig geblieben zu sein. Frauenrechte stehen weltweit unter Beschuss. Offen rechte und frauenfeindliche Regierungen wie die unter Donald Trump in den USA oder Friedrich Merz in Deutschland vertreten ein rückschrittliches Frauenbild. Angehörige von europäischen Adelshäusern können mit geringen Haftstrafen bei sexualisierter Gewalt davonkommen. Auch wenn es eine schwierige Zeit für Frauen ist, sind die Erfahrungen aus den Bewegungen keinesfalls verloren.
Alev Bahadır
Am15. Juni endete das Strafverfahren gegen Marius Borg Høiby, den ältesten Sohn der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit, mit einem blauen Auge für den Angeklagten. Høiby stand wegen mehrerer Fälle von Drogenmissbrauch, physischer und sexualisierter Gewalt – u.a. vier Vorwürfen der Vergewaltigung – vor Gericht. Wegen zweifacher Vergewaltigung und Körperverletzung wurde er schuldig gesprochen und zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt – bei 40 Anklagepunkten, von denen er in 34 schuldig gesprochen wurde – eine verhältnismäßig geringe Strafe.
Høiby ist der Sohn von Mette-Marit aus einer früheren Beziehung und kein offizielles Mitglied des norwegischen Königshauses. Jedoch ist er mit allen Privilegien der reichen Königsfamilie aufgewachsen und fällt bereits seit Jahren mit gewalttätigem und missbräuchlichem Verhalten auf. Überschattet wurde das Urteil vor allem vom Gesundheitszustand der Mutter, die auf eine Spenderlunge gewartet hat. Plötzlich ging es nicht mehr um den gewalttätigen Sohn und seine niedrige Strafe, sondern darum, dass dank Mette-Marit die Zahl der Organspendeausweise nach oben geschossen sei. Auch die Kronprinzessin selbst ist keine Unbekannte, was die Beziehung zu Sexualstraftätern angeht. Zu seinen Lebzeiten pflegte sie eine enge Freundschaft zu Jeffrey Epstein. Bereits die zweite Angehörige eines europäischen Adelshauses, nach dem britischen Prinzen Andrew.
Falsche Idole
Der Grund warum der Aufschrei und die Konsequenzen für Mitglieder von Adelsfamilien geringer ist, als bei Otto-Normal-Mensch, liegt u.a. an dem Einfluss, den diese nach wie vor auf Berichterstattung, Politik und Justiz haben. Gleichzeitig erlebt der Adel, auch wenn de facto jeder Entscheidungsgewalt genommen, eine nach wie vor starke Romantisierung in der öffentlichen Wahrnehmung. Bei royalen Hochzeiten sind sämtliche Hochglanzmagazine voll mit Brautkleid-Bildern. Stirbt ein „Royal“, sind ganze Staaten in Trauer. Verkauft als wahrgewordene „Märchen“ wird verdeckt, was Adelshäuser eigentlich sind: Überbleibsel eines zerfallenen Systems, die auf dem Rücken der arbeitenden Menschen in Saus und Braus leben und ihren Einfluss nutzen, um sich gegenseitig zu schützen.
Doch solche Verklärungen gibt es nicht nur bei Königsfamilien, sondern auch bei anderen Menschen des öffentlichen Lebens. Wir erinnern uns an Stimmen, die felsenfest davon ausgehen, dass weder Till Lindemann, noch Christian Ulmen die ihnen vorgeworfenen Taten begangen hätten. Dabei kennt keiner von uns diese Menschen. Egal, wie toll wir ihre Musik oder Filme finden, wie nett und fortschrittlich sie auch in Interviews wirken mögen, wie kann davon ausgegangen werden, dass sie nicht in der Lage dazu wären, sexualisierte Gewalt auszuüben? Vor allem wenn es so viele dokumentierte Fälle gibt, bei denen klar wird, es geht oft um Machtmissbrauch.
Kommentarlos – „Michael“
Deutlich kann man die Leerstellen, was Kritik an den vermeintlichen „Idolen“ angeht, im Zusammenhang mit dem neuen Biopic über Michael Jackson sehen. Der Film, der zu Beginn der Karriere Jacksons als Kind ansetzt und Ende der 80er Jahre endet, zum Höhepunkt von Jacksons Laufbahn und etwa fünf Jahre bevor die ersten Missbrauchsvorwürfe an die Öffentlichkeit kamen. Dass der Film die Vorwürfe vollkommen ausklammert und Jackson ausschließlich in einem guten Licht dastehen lässt, macht auch was mit den Zuschauern. Der Spielfilm wird durchgängig auf fast allen Plattformen gefeiert. Dass schwerwiegende Vorwürfe von sexualisierter Gewalt an Kindern gegen Jackson erhoben wurden, spielt im Marketing und der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle. Kein Wunder – schließlich geht es um eine Menge Geld. Über 900 Milliarden US-Dollar hat „Michael“ bereits eingespielt und ist somit jetzt bereits einer der größten Filme 2026.
Was bleibt?
Dass wir Personen des öffentlichen Lebens bis heute noch einen Vertrauensvorschuss geben, dass Personen wie Marius Borg Høiby oder Prinz Andrew mit kaum oder gar keinen Haftstrafen davonkommen können, dass Menschen, wie Christian Ulmen über Jahre hinweg ihrer eigenen Frau Gewalt und Erniedrigung antun können – das alles stimmt nicht besonders optimistisch. Hinzu kommt, dass Deutschland einen Bundeskanzler hat, der sich wenig um Frauenrechte schert, diese sogar regelmäßig in Zweifel zieht und sie immer wieder nur instrumentalisiert, um gegen Migranten Stimmung zu machen. Noch intensiver finden diese Angriffe in den USA statt, wo sämtliche Selbstbestimmungsrechte von Frauen unter Beschuss stehen – und trotzdem werden diese Menschen gewählt.
Mit der außerordentlichen Zeit, durch die wir gehen, nehmen die Verteilungskämpfe zwischen den Staaten immer weiter zu. Um diese stärker führen zu können und die Konzerne im eigenen Land zu schützen, werden wir – arbeitende Menschen – auf allen Ebenen angegriffen. So werden Arbeitsrechte in Zweifel gezogen, Soziales weggekürzt und auch viele Errungenschaften, die verschiedene Bewegungen im Laufe der Jahre erkämpft haben, unter Beschuss genommen. Der Rückschritt, der Weg hin zu konservativen, rechten Regierungen und Bewegungen passiert zwar aus einer Marktlogik heraus, muss aber auch die gesellschaftliche Stimmung für diese Politik anpassen.
Die Frauenbewegung und ihre verschiedenen Ausdrücke wie „MeToo“, „My Body my Choice“ oder „Nein heißt Nein“ sind über die Jahre gewachsen. Sie machten Ungleichheit, Machtmissbrauch und patriarchale Strukturen zum Thema. Immer mehr junge Frauen fühlten und fühlen sich bis heute dieser Bewegung zugehörig. Am 8. März und 25. November sind es zehntausende (junge) Frauen, die gegen Gewalt und für Frauenrechte auf die Straßen gehen. MeToo und alle anderen Bewegungen haben ein Bewusstsein in der Bevölkerung geschaffen, aber – wie bei jedem anderen Fortschritt auch in diesem System – müssen sie verteidigt und gegen Angriffe bewahrt werden.
Dass Prinzen und Superstars, CEOs und Politiker mit Verbrechen gegen Frauen davonkommen, ist Teil eines Systems, das uns mit falschen Idolen und verklärten Bildern von Männlichkeit ablenken will. Hunderttausende Frauen weltweit sind nicht länger bereit, dieses Bild zu akzeptieren und werden sich weiter wehren.

